Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1918)
- Date
- 1918-07-12
- Page
- Seite 334 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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&34begeisternden Rede, die er wenige Wochen nach dem Ausbruch der russischen Revolution gehalten hat, in der er die Befreiung der Juden durch diese Revolution feiert und die baldige Ausbreitung dieser Errungenschaften für Europa erhofft, spricht er von dem Zionismus mit erwünschter Deutlichkeit: „Ter Zionismus ist die Lösung der Frage des jüdischen Volkes. Keiner von uns meint, daß sich das gesamte jüdische Volk von neuem in Palästina konzentrieren wird, wenigstens in absehbarer Zeit. Dies ist für die Lösung des Problems auch gar nicht notwendig. Was uns not tut und was wir erstreben, ist die Schaffung eines national-territorialen Zentrums für die über alle Welt zerstreuten Volksteile, eines nationalen Mutterlandes für unsere nationalen Kolonien." Ganz besonders charakteristisch in dieser Rede sind zwei Gedanken, die Verneigung gegen Amerika und die Polemik gegen die Ansicht derer, daß der Zionismus der russischen Juden mit ihrer Befreiung geschwächt oder gar vernichtet werden würde. Als Hauptaufgabe nach der Errichtung eines Staates in Palästina betrachtet Tschrl-enow die Selbstbestimmung der Nationalitäten. Es ist am besten, auch über diesen Punkt den Redner selbst sprechen zu lassen. Seine Ausführungen 'lauten: „Dev Grundsatz, der vom Anfang der Welttragödie an von den Ent euten: ächten aufgestellt wurde, der später auch von den Mittelmächten anerkannt und endlich von den Demokratien verkündet umrde, ist das Prinzip der Selbstbestinnnung der Nationalitäten, nicht nur der großen und nichtigen, sondern auch der kleinen und schwachen, d. h. auch solcher Nationen, die in ihren: Streben nach unabhängiger Eristenz sich nicht auf eigene Kraft stützen können. Jede Nation, die ihren Willen kundgegeben hat, muß die Möglichkeit besitz?::, zu leben und zu schaffen und über die Leistungen ihrer Söhne zu verfügen, wie es ihren Wünsche:: entspricht, wie es ihre Eigenart und ihre Kräfte, die Uebor«- lieferung ihrer Vergangenheit und die Ideale ihrer Zukunft vorznchnen. Sie ist berechtigt und frei, dies zu tun, insofern sie dadurch den Willen, die Eigenart und die Ansprüche einer anderen Nation nicht vergewaltigt. Und damit diese Devise nicht auf dem Papier bleibe, sondern im Leben verwirklicht werde, müssen jeder Nation bestimmte staatliche Rechte, öffentlich-rechtli che Garantien muf ihren: SiedelungSgebiete gewährt werden. Der Umifang und der Charakter dieser Rechte und Wirtschaften werden selbstverständlich nicht in allen Fällen gleich sein: aber das, was sie alle zu sichern haben, ist die Möglichkeit der freien und autonom?:: Gestaltung und Einrichtung des Lebens auf eine::: gegebenen Territorium." Gewiß wird damit nicht viel Neues gesagt; es ist vielmehr das schon oft,- namentlich in Oesterreich erwogene Problem, den jüdischm, sogenannten nationalen Minoritäten eine nicht nur bürgerlich garantierte Eristenz, sondern eine Entwickelung ihres Volkstums zu gewähren. Uns?r ganzes Envpfinden sträubt sich gegen diese Auffassung. Wir können gegen solche Theorien und gegen die sich daraus ergebenden Forderungen unseren Widerspruch nur immer aufs neue hervorheben; für die einzelnen Nationen und für die Inden selbst wäre eine solche jüdische Autonomie nach unserer festen Noberzengnug nur das größte Unglück. Neben diesen jüdischen Stinunen ist es interessant, eine christliche zu Hörens. Ein deutscher Militär, der früher in türkischen Diensten gestanden und der mancherlei Schriften über die Türkei geschrieben hat, äußert sich von neuem über diese Verhältnisse mit besonderer Beziehung auf das Judentum. Seinen eigentlichen Stoff beherrscht er gelviß sehr gut, auch in der Geschichte des Judentums weiß er ziemlich Bescheid, nur berührt es seltsam, wenn es S. 9, Aurn-erknng 1, von dein weltberühmten Juda Halevi heißt: ,,Er sei bekannter unter seinen: arabischen Namen A>bul Hassan" und lvenn der große Philanthrop Moses Montefiore S. UZ, Anmerkung l als „der Reisende Monte Fiore" angeführt wird. Ter Verfasser lveiß mancherlei über den Zionismus und gibt eine i:n ganzen objektive Schilderung Herzels und der Entwickelung der zionistischen Belvegnng. Freilich kommt darin der eigenartige Satz vor (S. 36): „Das Taufjudentum und das sogenannte liberale Judentum werden in logischer Folge des Zionismus abgelehnt." Wenn ein Christ sich mit Zionismlls beschäftigt, so erwarten wir, daß er hauptsächlich zwei Fragen beantwortet: ,,Zionismus und Weltpvlitik." Von Franz Karl Enders, kais. osm. 'JJiajor a. T. München und Leipzig, Duncker n. Humblot. 1918. 1. Ist Palästina für die Gründung eines jüdischen Reiches denkbar? 2. Ist die Selbständigkeit eines Judenstaates innerhalb der Weltorganisation möglich? Au.f. die erste Frage lautet die Antwort: Palästina ist zwar anbaufähig, aber höchstens für 2% Millionen geeignet: da es nach der Schätzung des Verfassers 13 Millionen Juden in der Welt gibt, so zeigt sich daraus die Unmöglichkeit, sämtliche Juden in dem Staate zu vereinige!:; nur ein Siebentel -der Gesamtzahl würde in diesem neuen Staate Platz haben.. Auf die zweite Frage erhält man gar keine bestimmte Antwort. Es .wird zwar darauf hingewiesen, daß für die Türkei ein solcher Judenstaat von Nutzen wäre; es wird sodann die Begünstigung eines derartiger: Staatsgebildes durch England weniger aus Wohlwollen als ans der Hoffnung erklärt, durch einen solchen Staat eine Unterstützung seiner Verbindung zwischen Aegypten und Indien zu erhälten. Aber das Wesentliche, das wir aus einer solchen Darlegung, erhofften,, finden wir in ihr nicht. So wenig ein großer Teil der Schrift befriedigt, so muß man nachdrücklich auf eine Stelle Hinweisen, in der sich der Verfasser unumwunden gegen den Amtis-emitismus ansspricht. Sie lautet: „Der nüchtern denkende Politiker wird sich sagen müssen, daß es einem Kulturvolke von 70 Millionen leicht fallen muß, seine 600 000 Juden, die ihm nie politische Schwierigkeiten gemacht haben, die stets loyal waren, die nur den Fehler haben, sehr intelligent, sehr sparsam und sehr erwerbssinnig zu fein (was bei Christen oft als Vorzug gilt), so zu verwenden und einzugliedern, daß gemeinsamer Vvrieiil erwächst. Der Antisemitismus in seiner demagogischen Fo-ru: erscheint dem Denkenden doch stets als eil: Armutszeugnis für das deutsche Volk. Müssen wir wirklich, weil wir intellektuell den Wetttailnpis nicht aufnehmen können, mit den intellektlosen Mitteln imb brutaler Gewalt uns vor den Juden schützen? Warum mußte das England nicht? Und warum tat es Rußland so sehr? Die Antwort auf diese Frage muß nicht für den Persönlichen, aber für den Politischen Antisemiten beschärnend ausfallen. Warum sind die Menschen nicht zufrieden, bevor sie hassen können?" An diese Schrift eines Christen sei die Besprechung einer begeisterten Darlegung Nathan Birnbaums^) angereiht. Nathan Birnbaum beschäftigt sich nicht mit praktischen Einzelfragen, sondern geht auf das Ganze. Aus einem Nationaljuden hat er sich in einen rein geistig empfindenden Juden verwandelt und bekämpft von: Standpunkt eines Sehers — denn er hat etwas von der Wildheit und. Entflammung, eines Pr-opheten au sich — das Ass:m,ilantentum sowie die große Masse der Juden, die er mit glücklicher Ironie als Heidenjuden bezeichnet. Was er eigentlich will, ist nur nicht recht klar geworden: rnan könnte seinen Gedanken etwa so bezeichnen: er will ein geistig geläutertes Judentum, da so viel wie möglich die Einfachheit und Reinheit der Urzeit bekundet (also Flucht vor der Großstadt, Rückkehr zum Landban). Die Aufgabe Israels drückt er' einlnal mit den Worten aus: „Von und mit dein Gesetz durch Hörigkeit zu Messias." Und in etwas dunklen Worten schildert er dann die ideale Ausgabe Israels :::it folgenden Sätzen: „Sind aber einmal diese Voraussetzrmgen gegeben: Wahr normen, die die Lebensbedingungen der Gemeinschaft betreffen; die neuen Tatsachen einer offiziellen Förderung des Glaubens durch Wirklichkeits- Maßnahmen und einer geordneten, autoritativen Glaubenshüterschast: der Messiasglaube in seiner reinen Größe — dann ist jene Wahrheit verbürgt, in der allein die Rettung aus der Schuld des Stillstandes geschehen kann, jene Atmosphäre geschaffen, in der auf dem Boden der vollkommenen Thoratreue die stetige Tat der Heiligung erst möglich ist. Und dann, darf und muß das gläubige Israel diese Tat von feinen Kindern fordern: durch das Studium der Lehre, durch das Gebet, durch gottbeschwingten Sang, durch gottgetragenen Bau und durch ein gottergebenes Abseits von den Wirrungei: der Welk — mit einen: Worte: durch Ewigkeitspathos - zu imnuer mehr Heiligkeit leidenschaftlicher und demutsvoller Erkenntnis Gottes. Durch Erlveiterung der Liebespslichten zwischen Mensch und Mensch zu innller mehr Heiligkeit des Erbarmens; durch Streben nach Schönheit und Anmut, nach Ordnung und Reinheit 31t immer mehr Heiligkeit gottentliehener Pracht." 17) Nathan Birnbaum, „Gottes Volk". R. Löwitt, Verlag, Berlin- Wien. 1918.