Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1918)
- Date
- 1918-07-12
- Page
- Seite 333 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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333 „Sie haben jetzt in Berlin eine sehr schöne neue Schul in der Fasanenstraße?" Daraus antwortete die andere Frau, eine polnische Jüdin, die jetzt in Berlin wohnt: „Hei, da is e gewisser Benas Levy mit der Chvchme von e Svnntagsgottesdienst; der schreibt dort vor, wie lang oder wie kurz die Gebete sein sollen. Einer sollte m i r's bloß sagen, wie lang oder kurz ich dawnen soll!" Dann sprach die „fromme" Frau über die Berliner Rabbiner, aber das will ich lieber verschweigen. Es war ebenso falsch wie ihre Aeußerung über meine Person. Tatsächlich habe ich niemals in -meinem Leben mit einer Gebetsordnunc, mich befaßt. In früheren Jahren habe ich in einem Kissinger Badebrief meinem Unwillen darüber Ausdruck gegeben, daß Berliner Glaubensgenossen ihre Gunst besonders dem Sanatorium in Kissingen zuwenden, dessen Besitzer sich oder seine Kinder hat taufen laffen. Meine Mahnung hat leider wenig geholfen, das Sanatorium ist auch jetzt gefüllt von Glaubensgenossen. Anläßlich meiner Unterhaltung über diesen Gegenstand erhielt ich von dem ersten Vorsteher des Religionsvereins „Westen" in Berlin (Passauer Straße), dem verehrten Herrn Julius D a v i d, die Abschrift eines Erlasses, den Friedrich der Große im Jahre 1774 veröffentlicht hat. Er lautet wörtlich: „Von Gottes Gnaden Friedrich König von Preußen, Markgraf zu Brandenburg, des Heiligen Römischen Reiches Kämmerer und Kurfürst rc. Unseren gnädigen Gruß zuvor. Würdiger, Hochgelehrter, lieber Getreuer! Da die Erfahrung vielfältig gezeiget hat, daß die zur christlichen Religion übergegangenen Juden, ntdjt sowohl aus wahrem Triebe und lauteren Absichten, als vielmehr aus unerlaubten Endzwecken gehandelt, so haben tvir zu entschließen geruhet: daß keine Juden zum Unterricht in der christlichen Religion angenommen werden sollen, bis nicht von ihrem unsträflichen Wandel sichere Nachrichten eingegangen und darüber schriftliche glaubhafte Atteste eingerichtet werden. Ihr habt euch hiernach gehorsamst zu achten und von dieser unserer Willens Meynung denen unter euch stehenden Predigern Nachricht zu geben. Sind euch mit Gnaden gewogen." Wenn es doch auch jetzt wie vor 150 Jahren möglich wäre, - den vielen, die aus Feigheit und Strebertum den Glaubender Väter verlassen wollen, den Uebertritt zu erschweren; das wäre ein Segen für unsere Glaubensgemeinschaft. Die meisten Uebcrtritte erfolgen auch heute nicht „aus wahrem Triebe und lauteren Absichten". Leider aber gibt es kein Mittel, um die Fahnenflucht der Uebertretenden zu verhindern. Alles Reden dagegen ist bisher fruchtlos geblieben. Ich erinnere nur an die zündende Ansprache, die der vor kurzem verstorbene Rabbiner Professor Dr. Werner (München) gegen die Taufe in Berlin gehalten hat. Die Nachricht von dem Dahinscheidechdieses tresflichen Mannes und glänzenden Kanzelredners hat in Kissingen bei den vielen Glaubengenossen, die ihn kannten und^verehrten, ein tiefes Bedauern hervorgerufen. So ändern sich auch hier die Stimmungen, und der Gesprächsstoff wendet sich den Tagesereignissen zu, die oft genug wechseln. Im Vordergründe aller Unterhaltungen aber steht die Frage, wann endlich der langersehnte Friede uns 'wieder beschieden sein wird? Ich möchte daran den Wunsch knüpfen: Im nächsten Jahre mögen wir uns in Frieden in Kissingen Wiedersehen! | Orok. Dr. JOEmti Töplitz. | / 2^ eboren am 15. Oktober 1852 als Sohn des Professors für vJ Mathematik am Gymnasium zu Lisia i. Pr. Er studierte 1872 bis 1877 in Breslau, Leipzig, Berlin, promovierte 1877 in Breslau, absolvierte sein Seminarjahr bei Professor Schellbach in Berlin und wurde Michaelis 1879 als Oberlehrer für Mathematik am Johannes - Gynmasium in Breslau angestellt, wo er bis zu seinem Tode, 23. August 1917, angestellt war. Er war ein verdienter Lehrer und mannigfach als Schriftsteller tätig. Er war Mitarbeiter an den „Fortschritten der Mathematik", Selbstherausgeber von Kunzes „Kalender für das höhere Schulwesen Preußens". Er war und blieb ein treues Mitglied unserer Glaubensgemeinschaft. L. G. Literarische Äeberlicht. V «o n Ludwig Geiger. (Schluß.) Durchaus auf zionistischem Stand-Punkte steht eine kleine Schrift"), die als Zusammenfassung ihres Progranun.es oder desjenigen des Komitees angibt: „Daß die große Mehrzahl der Vertreter der -europäischen und amerikanischen Presse sich unbedingt für eine Lösung des jüdischen Emigvationsproblems ausspricht und eine solche in der Besiedelung Palästinas und in der Wiederherstellung jüdisch-frationalerl Lebens sieht." Was daS Komitee selbst betrifft, so sei bemerkt. daß es ausschließlich aus Juden besteht, daß es aber Zustimmungserklüruugen von hohen Beamten, vornehmen Kaufleuten und tüchtigen Gelehrten in der Schweiz gefunden hat. Sein Streben ist ein neutrales: es hofft auf eine künftige Aera des Weltfriedens, will vor allem die neutralen Juden sammeln und sie vereinigen zu einer gemeinsamen Aktion beim Friedensschluß. Gewiß ist das ein sehr schöner Plan; ich fürchte nur, daß die Mächte, die — wann wird das -endlich geschehen? — über den Frieden gir beraten haben, sich herzlich wenig um die Juden der neutralen Staaten, um ihre Wünsche und Hoffnungen kümmern werden. Ter zionistische Gedanke tritt gleichermaßen vollständig hervor in der Schrift von Weinbnnm"). Es sind vierzehn Zeitungsartikel'! vom 14. August 1914 bis 30. März 1917, die in einem Bändchen von 91 Seiten zusammengestellt sind. Führende Journalisten in Deutschland haben mit ihren Leitartikeln und ihren politischen oder militärischen Darlegungen ein ähnliches getan; ob man Herrn Weinbaum mit diesen Männern von der Feder, die täglich oderwöchentlich zu Hunderttausenden von Lesern zu sprechen gewohnt sind, vergleichen darf? Ich fürchte: Nein. Denn seine Ausführungen haben nur für einen gar zn kleinen Kreis Interesse, als daß es nötig gewesen wäre, sie zu sammeln und in einer besonderen Schrift dem größeren Publikum vorzulegen. Einzelnes ist zwar recht interessant, z. B. die vernünftige Abwehr des Aufrufes des Konsistoriums der französischen Israeliten vom Oktober 1915, eine Abwehr, in der ein Neutraler den hochmütigen Franzosen, welche die Lehrmeister von ganz Europa spielen wollen, recht gründlich die Wahrheit sagt. Anderes dagegen; wie die Polemik gegen Herrn. Friß und sonstiges, ist wirklich nur von ephemerem Interesse: wenn jeder Journaliist in dieser Meise seine Artikel zusammendrucken wollte, so ließen sich leicht Bibliotheken füllen. Ich allein könnte jedes Jahr eilt paar solcher Werke liefern, aber ich habe, um derartiges zu tun, zu großen Respekt vor dem Buche und möchte einen solchen auch Herrn Weinbamn empfehlen. Gleichfalls völlig zionistisch ist die Schrift Tschtenows "). In der ") Ziele und Wege des Lomito pro causa judaica. Herausgegeben Vinn Comitc pro causa judaica. Zürich, 19k7. M) „National-jüdische Zukunftsgedanken." Artikel ans dem „Israel. Wochenblatt für die Schweiz. Von D. Weinbamn. Verlag „Israel. Wochenblatt für die Schweiz". Zürich 1917. ") „Ter Krieg, die russische Revolution und Zionismus." Rede von Dr. E. W. Tschlenow, 2. Vorsitzenden des Engeren Aktionskomitees der Zionistischen Organisation. -Auf der De l eg ie viert ton se renz der russischen Zionisten in Petrograd 24. bis 30. Mai (6. bis 12. Juni) 1917. He r au sgegeben vorn Kopenhagener Bureau der Zionistischen Organisation. Kopenhagen, Martins Truelsen, Buchdruckerei. 1917.