Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-07-12 · Heft 28 (12.7.1918) · p. Seite 332

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 28 (12.7.1918)
Date
1918-07-12
Page
Seite 332 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3229339-3229367--74149-3286627
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

582 Mlmger ßalrr&rM Bon Bellas Le vH (Berlin). Kissingen, Ende Juni.' ls ich . mich zur Reise nach Kissingen rüstete, hörte ich bereits in Berlin, wie voll es in diesem Jahre in dem lieblichen svänkischen Badeort sei. Es gäbe dort keine Wohnung mehr und es sei kein Ba>d bis nachmittag frei. Aus der Promenade drängen sich die Leute wie in der Tauentzienstraße am Sonntagvormittag. Tatsächlich erzählten mir gar viele Freunde und Bekannte, daß sie nach Kissingen fahren wollen, da Karlsbad und Marienbad ihnen versperrt seien. Wer sich nach den böhmischen Badeorten begeben wollte, dem wurden von dem Konsulat und von der Polizei große Schwierigkeiten bereitet bei der Erlangung eines Passes. Ein Bogen mußte ausgefüllt werden, der ungefähr zwei Dutzend Fragen erhielt, und es wurde nachgesorscht, „welcher Religion gehören sie jetzt und welcher gehörten sie früher an"? Und wenn alle Formalitäten erfüllt waren, mußte erst aus Wien eine Erlaubniskarte zur Reise eingeholt werden. Die meisten wollten sich diesen Scherereien nicht aussetzen, verzichteten auf die Kur in Karlsbad und reisten — nach Kissingen. Hier war es im Mai und bis Mitte Juni so voll wie niemals vor dem Kriege. Das ist um so erstaunlicher, als aus dem neutralen und feindlichen Ausland und selbst aus Polen und Rußland fast niemand hierherkommt. Früher wimmelte es hier von polnischen und russischen Juden. Auch aus England und Amerika kamen viele zur Kur her. Ich sprach hier vor vielen Jahren den früheren Oberrabbiner Dr. Hermann Adler aus London. Rabbiner Dr. Emil Hirsch aus Chicago weilte öfters hier und erfreute die Brüder und Schwestern der Bne-Brith-Loge durch seine geistreichen Vorträge über die Verhältnisse derJuden inAmerika. Auch in diesem Jahre findet regelmäßig au jedem Montagabend eine Versammlung der deutschen Logenmitglieder statt. Es sind mehrere interessante Vorträge gehaltenworden und anregende Debatten über die Beteiligung der Frauen an der Logcnarbeit fanden statt. Ein gemütlicher Verkehr hat sich hierdurch zwischen vielen Glaubensgenossen herausgsbildet, der in dieser ernsten Zeit doppelt willkommen ist. Vom Krieg ist hier nicht viel zu merken. Eine große Anzahl von verwundeten Soldaten ist in den hiesigen Lazaretten und Sanatorien untergebracht, die von den heilsamen Bädern Kissingens und von dem Rakoczy-Brunnen Heilung tfyricr Leiden erhoffen. Friedlich aber lustwandeln die Kurgäste bei den Klängen der Musik die Promenade entlang und schlürfen den wirksamen Brunnen bei angenehmer Unterhaltung. Unter den Anwesenden sahen wir viele Bekannte aus der Gemeinde der Reichshauptstadt. Die Zahl der 'Kürgäste, dir in diesem Jahre in Kissingen weilte, beträgt 53 500, und sicher noch ebenso viele werden in den nächsten Hauptmonaten hier eintreffen. ^Wenn die Fremden sich unterhalten, ist ihre erste Frage: Wie sind Sie mi: der Verpflegung zufrieden? Niemals vorher ist so wiel über das „Esten" gesprochen worden wie jetzt in der Zeit verknappen Versorgung. Unsere Glaubensgenosten sind mit der Kossi die sie in den rituellen Restaurants und Hotels erhalten, sehr zufrieden. Die allgemeine Verpflegung ist hier entschieden reichlicher als in Berlin. Das schöne Obst, das in dieser Jahreszeit in großen Mengen auf dem Markt in Kissingen zu haben war, ist vollständig verschwunden. Die Höchstpreise haben es auch von hier vertrieben. In den Bäckereien gibt cs schönes schmackhaftes Brot zu kaufen und in den überfüllten Kaffeehäusern sind delikate Torten zu haben. — Die Knappheit der Wäschegegenstände hat die Reichsbelleidungsstelle veranlaßt, zu verfügen, daß Badetücher nicht mehr geliefert werden dürfen. Hierdurch ist in diesem Jahre im Badeleben Kissingens eine neue Erscheinung zutage getreten. Von früh 6 Uhr, wenn die ersten Bäder verabreicht werden«, bis nachmittags 2 Uhr, wenn die Badeanstalten geschlossen iverden, spazieren Männlein und Weiblein init mächtigen Bademänteln unterm Arm durch die Straßen Kissingens. Es erinert dies an die früheren Zeiten, wenn die Synagogenbesucher mit den Gebetmänteln untern: Arm am Sabbat zuin Tempel gingen. Neuerlich ist die häßliche Sitte aufgekommen, den Tallis fein säuberlich in Zeitungspapier einzuwickeln, damit nur niemand sehen kann, daß der Gegenstand unterm Arm ein Gebetmautel ist! Da wirkt es um so erfreulicher, wenn hier die schön gebaute „Israelitische Kinderheilstätte" den nach der Saline spazierenden Kurgästen durch große goldene Buchstabeu jedem deutlich zeigt, daß jüdische Wohltätigkeit für jüdische erholungsbedürftige Kinder hier eintritt und erfolgreich tätig ist. Seit dem Bestehen der Anstalt sind 2000 Kinder in der israelitischen Heilstätte gepflegt worden, im letzten Jahre allein 200. Außerdem konnten 35 Kinder nach Luzern in der Schweiz geschickt werden, wo sie glänzend verpflegt wurden. Der Anstalt soll demnächst eine Heilstätte für kurbedürftige jüdische Mädchen, insbesondere für solche, die in einen: Berufe beschäftigt sind, angegliedert werden. Bon den näheren Spaziergängen ist der beliebteste, durch die Lindesmühl-Allee zum toten Preußen zu wandern, der 1866 in Kissingen siel und dem ein einfaches Kreuz zur Erinnerung errichtet wurde. An einem Sonnabend 'habe ich auf diesem Wege eine Unterhaltung mit angehört, die sich auf Berliner Gemeindoverhältnisse bezog. Zwei ältere Frauen plauderten miteinander, und ich erlauschte folgende Unterhaltung, die ich wahrheitsgetreu wiedergebe. profFDr. E. Töplitzj gest. 23..August'1917. EM l £* ’i >4 Kö-M «4tr'

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.