Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1918)
- Date
- 1918-07-12
- Page
- Seite 329 (sequence 5)
- Language
- German
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329 Zeitungen, die sonst derartiges zu verschweigen pflegten, bringen ausführliche Berichte und erklären, daß diese Exzesse mit der Ernährungsfrage nichts Zu tun hätten. Zur Verhinderung weiterer Ausschreitungen wurde die Organisation einer jüdischen Selbstwehr in Angriff genommen. Viele Umstände lassen darauf schließen, daß die Urheber aller dieser Pogrome in der Allpolnischen Partei Zu suchen find, die auf diese Weise ihren Unmut über die unbefriedigende Gestaltung' des volnischen Verbältnistes zum Allsdruck bringen will. Anderseits sind die polnischen Nationailagenten über die Juden deshalb aufgebracht, wei-l diese sich gegenüber den allpolnischen Idealen in der letzten Zeit kühl verhielten und gegenüber der ukrainischen Idee eine abwartende, nicht aber direkt feindliche Haltung bewahren. Dieser allpolnischeu Agitation ist es auch zuzuschreiben, daß die galizischen Flüchtlinge, die jetzt aus Westösterreich nach ihrer Heinrat zurückkehren, in vielen Orten direkt feinds e l i g a u f g e n o rn - m e n w e r d e n u lt b daß ihnen d i e N ü ck k e h r i n die v e r - t a s s e n e H e i m a t v o rr der aufgehetzten Bauern m e n a c direkt verwehrt wir d. Dem polnischen nationallen Klerus ist ebenfalls ein gewisses Verschulden an dieser judenfeindlichen Bewegrurg 5 nzrr schreiben. * Auch in Polen steht es schlimm. Daher ist folgendes freudig zrr begrüßen: Die sozialdemokratischen Abgeordneten C o h e n (Reuß) und R oske haben im Reichstag folgende Kleine Anfrage an beit Reichs- | tanzler gerichtet: - „Nach zuverlässigen Nachrichten waren in W a r s ch a u und 2 o d z Anfang dieses Monats A n f r u f e a n g e s ch lagen, die in unverblümter Weise zrr P o g r v rn e n gegen die i ü d i s ch e Bevölke r u n g aufforderten. Es heißt in diesen Aufrufen u. a.: „Jüdische Banden plündern Polen! Durch ihre Hände nirmnt die Okkupationsmacht alles, was sie will. In beut Bestreben, die Spuren dieser vernichtenden Arbeit zu verwischen, säen die Juden Unfrieden zwischen rms, rufen irr unseren Reihen Streitigkeiten hervor, organisieren den Bürgerkrieg. - Alan muß diese Bande vertilgen! Diesen Juden muß rrran eine Lehre geben. Sie sollen wissen, daß die Strafe sie ereilen wird. - — Zum Kampf, Polen! Schützt unser Land, Polen!" Drei Tage lang konnten diese aufreizenden Schriftstücke an allen Ecken und Enden der beiden genannten Städte prangen, bevor sie entfernt wurden, während die Polizei sonst die Beseitigung unerwünschter öffentlicher Aufrufe rnt Handumdrehen zu bewerkstelligen weiß. Den jüdischen Zeitungen Polens wurde von der Zensur verboten, irgend etwas über diese Progrornplakate zu schreiben, während der P o l n i s ch e n , in Lodz erscheinenden Zeitung „Nmvy Knrjer Lodzki" nicht nur gestattet war, die Aufrufe im Wortlaut wiederzugeben, sie konnte noch dazu sagen: „Der Inhalt dieser Aufrufe entspricht de r St irrr m u n g der po lnischen Massen." Was gedenkt der Herr Reichskanzler zu tun, damit unter den Augen der deutschen Besatzungstruppen derartige den inneren Frieden in Polen gefährdende politische Mittel, die den Methoden des korrupten ehemaligen zaristischen Systems entnommen sind, nicht mehr angervendet werden können? Ist der Herr Neichskanzler bereit, auch im Interesse Polens wlber, seinen großen Einfluß auf die polnische Regierung dahin auszuüben, daß diese für die Folge energisch gegen die Urheber von Pogromaufrufen vor geht und nichts unterläßt, was die Wiederholung solch beschämender Vorgänge zu verhindern geeignet ist?" Wir sind arrf die Antwort des Reichskanzlers gespannt. * In R rr rn ä n i e n , dem ewigen Schmerzenskinde für die Juden, sieht es ebenfalls erbärmlich ans. Ist es auch dort noch nicht zu Pogromen gekommen, so ist die Stimmung gegen die Juden eine sehr feindliche; daher sind die Aussichten für die Zukrrnft recht trübe. Darüber melden verschiedene Zeitungen: Nach der Ratifizierung des Friedensvertrages wird in der Kammer die Judenfrage behandelt werden, wobei rrran lange rrnd erregte Debatten erwartet. Durch die im Friedensvertrag vorgesehene Lösung der Judenfrage hat die antisemitische Bewegung im Lande wieder stark zugenommen, und die große Mehrheit, womit der frühere liberale. Abgeordnete Cuza auf Grruid des antisemitischen Programms in Jassy gewählt wurde, ist bezeichnend für die Stimmung weiter Kreise der Wählerschaft. Nach der Jrrdensrage rvird das Amnestiegesetz zur Beratung kommen, und hierauf erst wird sich das Parlament mit dem Antrag, auf Erhebung der Anklage gegen Bratianu beschäftigen. * Den gegen die Juden gerichteten Bestrebungen sekrrndieren nun auch deutsche oder in Derrtschland lebende Schriftsteller. So ärrßert sich Houston Stewart C h a m berlaiu im Juniheft von „Deutschlands Erneuerung" (I. F. Lehmanns Verlag, München): Erst seit dem Jahre 1723, d. h. also mehr als ein halbes Jahrtarrsend nach der Begründung des englischen Reiches, rrnd erst nach einer in der Hauptsache dauernden Festigirrrg des Landbesitzes ließ das englische Volk die Juden zum Grundeigentum zrr. Wer weiß, ob das heutige England — die Weltirracht — unter anderen Bedingungen je entstanden wäre? Ich glaube es nicht. Derrn inr frühen Mittelalter warerr die Juden in England sehr zahlreich: rrnd wenn Sie des berühmten NatronaMonomen Eunninghams Werk „Tlie »rowth of Englisli indnstry and commerce durinsr tlie earley and middle ages!“ (dritte Auflage, 1896, S. 199 ff.) aufschlageu. so werden Sie sehen, daß diese Jrrden. denen bis zum Jahre 1290 jedes Gewerbe rrnd jedes Handwerk ofsenstarrd, rrnd gegen die rroch kein Vorurteil herrschte, sich ausschließlich mit Geldwuckrer rrrrd anderen rrnsarrberen Geschäften abgaberr. Die vielen Versuche der Regierung, die Jrrden zur Ergreifung anständiger Gewerbe zu bewegen, schlugen fehl. (S. 203.) Und so vergleicht denn Eunningham die damalige jüdische Kolonie mit „einem Schwamnr, der das gesäurte Vermögen der werdenden Nation aufsog". Genau ebenso erging es damals dern französischen Adel; fast sein gesamter Besitz war int 13. Jahrhundert an die Juden Verpfänder (siehe Andre Revrlle: ..Les paysans au Moyen Age“. 1896, S. 3). Was hat mm diese Länder vor der gänzlichen Entnationalisierung schon in diesen ersten Anfängen ihres staatlichen Daseins geschützt? Einzig die Klausel, welche den Juden vom Grundbesitz ausschloß. Ohne diese Maßregel wäre der getarnte Boden dorr England und Frankreich — abgesehen von beit Staatsdomänen — vom 13. Jahrhundert ab jüdischer Besitz gewesen, und die Geschlechter, welche englische Geschichte seitdem gemacht haben, hätterr als Frondiener der Wucherer ihr Dasein fristen müssen! Jene eine Maßregel genügte aber nicht, um dem zersetzenden Einfluß der großen jüdischen Kolonie in England Einhalt zu tun, und so entschlossen sich die von jeher praktischen Engländer zu einem gründlicheren Vorgehen: sie entfernten sämtliche Juden ans dem Lande. Vom Jahre 1290 bis zum Jahre 1657 hat es m England keinen Juden gegeben — d. h. also während der gauzeir Konsolidierung der Nation, vom großen ersten Eduard (dem ersten echten Natronalkönig und Begründer des eigentlichen Parlaments) bis nach dem Tode der großen Herrscherreihe, die mit Heinrich VIII. beginnt, in Elisabeth gipfelt und mit Eromwell mib seiner weitsichtigen überseeischen Politik endet. Diesig Tatsache ist mm von dauerndeur Einfluß bis auf den heutigen Tag geblieben. Denn während es zur Zeit der Vertreibung 16 000 Inden in England gegeben hatte (siehe! Green: „Historv of tlie Eng-lish People“. Buch III, Kap. 4), was nach den zuverlässigsten Schätzungen der damaligen Bevölkerungszahlen mindestens 1, wahrscheinlich aber gegen 2 Prozent der Bevölkerung ansmachte, gibt es in dem herrtigen England (nach dem Jewish Year Book für Jahr 1898) nicht ganz % Prozent Juden. Inzwischen war eben das englische Volk nach jeder Richtung hin erstarkt, und so konnte der Jude nie rnehr in dem Maße wie früher — rrnd trotzdem alle Türen und Tore ihm offen standen — Fuß fassen. Wenn also, wie gesagt, das prozentuale Verhältnis der Juden in England und in Rumänien heute dasselbe wäre, so berechtigen die Lehren der Geschichte nicht zu der Behauptung: weil in England die Juden seit anderthalb Jahrhurrderten Grundeigentum besitzen dürfen und seit etwa 50 Jahren in jeder Beziehurrg gleichberechtigte Bürger sind, deswegen ist ein gleiches für Rumänien ratsam. Nur Sophisnurs oder Unwissenheit kann eine derartige Folgerung ziehen. Denn die Geschichte — deren Lehren zwar schwer zu entziffern, doch darum nicht zu verachten sind — scheint vielmehr das Gegenteil zu beweisen. Wollte Rumänien sich nach dein Beispiel des erfolgreichen Staates England richten, so müßte es schleunigst seine sämtlichen Juden des