Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1918)
- Date
- 1918-07-12
- Page
- Seite 328 (sequence 4)
- Language
- German
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328 Beleidigungen ausgesprochen habe und auch scholl wegen Beleidigung ulit 300 Mart Geldstrafe vorbestraft sei. Sein ganzes Vorgehen jci darauf zurückzuführen, daß er sich all dein Nebenkläger rachen lvvllte. Der Verteidiger Rechtsanwalt Dr. Karras beantragte eine lnitde Strafe, da der Angetlagte sich ur eilte falsche Idee verrannt gehabt, aber geglaubt habe, der Allgemeinheit eutelt Die»ist zu leisten. Das Gericht unter Vorsitz des Amtsgerichtsrals Bennewitz verllrteilte den Angetlagteit zu 10 0 0 Nt a r l G e l d st r a f e oder 100 Da gen Gefängnis, wobei es feststellte, daß auch nicht ein Schatten eines Beweises für die Angriffe des Angeklagten gegen Professor Dr. Liepmaun erbracht fei. * Itfeben diesem EinzeLfalle, der nur die Rachsucht eines Arztes bekundet, zeigt sich aber auch ein allgemeines Bdrgehen gegen die Juden. Darüber werden wir dilrch folgende Aussln-rungen oes „Berliner Börsen-Eouriers" belehrt: Antisemitische Kreise glanbeii die Zeit gekommen, um wieder einmal Stimmung machen zil tonnen für ihre allen lind bekannten Wünsche. Drei aseiueiic aus allerjüngster Zeit liegen vor. Der Herausgeber der „Polinstt/Aiithropologtschen Monatsschrisl" Tr. ^chmldt-Gieolchensels jagt in der .^nlntulnmer vom Weltkrieg: „Es ift nicht ausgeschlossen, daß spatere Geschlechter ihn oelt Iuoenkrreg nelmen weroen", denn der ^rieg drehe „sich ja tut letzten tiefsten Grunde darum, ob die heldische oder die händlerische, die alldeutsche oder die allbritische bzw. alljüdische Weltansch.UtUllg und ^eoeltSanssassiing in der Welt ttinfüg oie beherrschende fein soll". Eine tectere Veleidignng der Hundertraiisende jüdischer Kämpfer, die für thr deutsches Vaterland stretlen und leiden und in den Tod gegangen sind, ist raum deutbar. VeoeutnngSvoller ist ein Arntel, den der Führer des Alldeutschen Verbandes, General der Kavallerie z. D. Dl. Freiherr v. Gebsattel, in der alldeutschen „Deutschen Zeitung" unter der Ueberschrtst „Nachdenkliches Wort eines ^üdoeutjchen zur preußischen WahlrechtSsrage" am 'i'ö. Juni veröffentlicht hat. Frhr. v. Gebsattet, dessen Drohung mrt der Revolution sur den Fall der Abtehnilug alldeutscher Wunsche berechtigtes Aufsehen erregt hat, vertritt dre Auffassung, das; au den gegenlvärtigen inneren Kämpfen in Preußeri vor allem oie Juden die schuld tragen. Gr lvill -- so drückt er sich aus — „das jüdische tiixio beim rechten Flamen nennen, um es zu tennzeichnen". Wie aber erfvLgt diese Kennzeichnung^ #ri)r. v. Gebsartet spricht von o-er „Rone, die das ^udenluni in oer ganzen preußischen Waylrechtsangelegenyeit spielt". Arn liebsten iitvchte er die Wahlrechtssrage oer Zensur unsttefern. Gr gibt uanuich seineiil Veoauern Ansdruct, oap „ausgerechnet die Grbrierung Vieser Z-rage von der Zensur Bechmannschen -Angedenkens freigegeben" woroen ist. Von den Nativnalliberalen sagt er: Wer den Nationalliberalen des preustijchen Landtags „setzte die alljudische ZersetzungS- und Beteyrungsrätigteit ein. Leider, Leider befördert von einer preußischen Etaatsregierung, die ans Rücksicht ans den Reichstag sich viel zu weit mit den Vertretern alljüdischer Polttik eingelassen hat". Frhr. v. Geösattel hebt den Eintritt der Herren Frieoberg iind Schtfser in die Negierung hervor und behauptet oann: „Auf dem sogenannten Preußenlag der Nattonallloeraten führten tu der Hauptsache jüdische Parteigenossen das Wort uu *smne oer Radikalisierung. Gr lvill es dahingestellt sein lassen, „inwieweit diese Tagung der Terlnehmerschaft nach jüdisch beeinflußt war", das entziehe sich öffentlicher Kenntnis. Doch versichert er rüyn: „Ich glaube, ui dteseni nanonalttberalen Preußentag haben lbir enl Musterbeispiel jüdischer Mache vor uns." Von oieser Behauptung ist für Frhrn. v. Gebsattet noch ein Schritt zu der Erklärung, daß Dr. Lohmann als Frattionsvorsitzender von den Juden gestürzt worden ist. Er versichert denn auch: „Inzwischen ist Herr Lohmann denn auch als Parteiführer selbst diesen Machenschaften zum Opfer gefallen." Nun kommt die Hauptsache. Frhr. v. Gebsattel fragt: „Angesichts dieser offen (!Q am Lage Liegenden Zusammenhänge fragt man sich, wie es möglich ist und geduldet werden tann, daß jüdische Bürger sich eine derartige Macht über Staat, Gesellschaft und staatserhaltende Parteien anmaßen dürfend" Die Sctjuld mißt er den Antisemiten selber bei: „er tonne es verstehen, daß Männer von Geschmack und Erziehung allzu lange nicht in den Geruch der Gegnerschaft zum Iudeu- Uim geraten wollten." Aber diese Rücksichten müßten jetzt schweigen. „weil nicht weniger auf dem Spiele steht tvie Ordnung im Vaiertande oder Anarchie". , La Härten wir also glücklich wieder das „rote Gespenst", das von Leuten vom Schlage der Alldeutschen so gern an oie Wand gemalt wird. Der Dritte im Bunde mrt dem Frhrn v. Gebsattel und mit Schmidt-Giebichenfels sind die antisemitischen ,,Deutschvöltischen Blätter". Liese spielen mit dem Gedanken einer — Retchsjudeusteuer. Schon vor 40 Jahren habe man an eine solche Steuerquelle gedacht, „aus die die maßgebenden Stellen neuerdings wieder hingewiesen werden". Die „Teutschvölkischen Blätter" Zitieren danri einen antisemitischen Artikel ans dem November 18 7 5, worin es hieß: „Eine Retchsjudensteuer wäre gewiß eine schöne und empfehlenswerte Sache. Tie Juden sind für das Reich ohne allen Zweifel ein Luxusgegenstand, da man darin recht gut auch ohne ^uden leben und sogar noch oesser forttommen und leben könnte, als mit dezr Ittden." —- Den direkten Hinweis auf die heutige den Reichstag beschäftigende Lnxusfteuer unrerläßr das antisemitische Organ. Es hält ihn nach dem ganzen Inhalt des Zitats sür überflüssig. Die tu diesen Artikeln zum Ausdruck kommenden Wünsche lassen deutlich erkennen, mit welchen Hoffnungen sich antisemitische kreise tragen. Als Ergänzung dazu bringt dasselbe Blatt folgendes: A lldeutjche u n d A n t i s e m i t e n. Tie „Deutsche Zeitung" veröffentlicht folgende begeisterte Zustimmung des Herrn v. Bodeu schwrngh zu den antisemitischen Ausführungen ihres Mnarbetters v. Gebsattet: „Während der Wahlrechtsdebatte im Abgeordnetenhause habe ich gewartet und gewartet, ob nicht wenigstens dort einmal das Atiuo beim rechten Namen genannt werden würoe." Aber vom I u Den t u m, dem Hauptschuldigen an unserem ganzen innerpounschell Elend, ist, von dem leroer zurückgezogenen Antrag Heins abgesehen, nicht die Reoe gewesen. ES ist uuo bleibt eben trotz der furchtbaren nmer-- und außenpontlscheli Zersetzuugsarbeit des Judentums wahrend des Krieges so, wie es vorher war. Von Umlernen ist bei denen, denen oie parlamentarische Vertretung unseres Voltes anvertraut ist, nichts zu spüren. Berührt man im Privatgespräch die Juden frage, jo heißt es: „Sie haben ja vollkommen recht, aoer . . ." Von einem „Ja also!", ivie es unser Kaiser einmal empfohlen hat, ist in bezug auf die Iudenfrage nichts zu erkennen liltd doch ist etn entschiedenes „Ja, wir wollen den Kampf gegen diesen Verräter und Verderber unseres Volkes offen und mannhaft ansnehmen" eine der höchsten Pflichten gegen Kürst und Volt. * Während es in Deutschland glücklicherweise nur bei Worten bleibt, kommt es anderwärts zu Taten. Ueber oie beklagenswerten Berhältnisse in Galizien haben wir schon häufiger gesprochen. Trotzdem mag folgende Zusammenstellung des Jüdischen Preßbureaus in Stockholm hier stehen, wenn sie auch, einzelnes schon Bekannte wiederholt. Die I u d e n p r o g r o m e i n G a l i z i e n. Antisemitische Ausschreitungen in Lemberg. Nttßhandlung heimtehrender Klüchvlinge. — Jüdischer SolLstschutz.^ Die jüdische Lage in Galizien beleuchtet folgende Drahttnoldung der „Frankfurter Zeitung" aus Lem-berg: In Galizien rührten sich in her letzten Zeit Ünruhen, die den Charakter von -antisemitischen Pogromen und Ausschreitungen auneynlen. Es Uegt ihnen fast immer oer gleiche Plan zugrunde, so das; sie von einem emheitüch.-geleiteten Zentrunr geführt zu sein scheüien. Zilerst rvttet sich in den frühen Morgenstunden vor den Kaufläden eine große Anzahl Frauen zusammen, danach ziehen halbwüchsige Burschen und Legionäre voran, dann werden die Lebensmlttellädeii erbrochen und geplündert. Der Schaden, der der jüdischen Kaufmanuschaft entsteht, ist sehr groß. Es fanden in den «letzten Tagen große Exzesse sowohl in Lemberg als auch in Stryj, Wielictä ulld einigeu tlelnen Städten Ostgaliziens statt. Besonders großer Schaden wurde in Lemberg angertchtet, wo die jüdischen Gesckjäftsläden der fünf wichtigsten Handelsstraßen geplündert wurden. Aus den Kauftnanns laden wurden nicht nur Kleidungsstücke, sondern auch Luxusgegensllrnde geraubt. Nach energischem Einschreiten der Polizei ist verhältnismäßige Ruhe eingetreten. 23 Personen wurden verhaftet. Di» Lemberger