Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1918)
- Date
- 1918-07-12
- Page
- Seite 327 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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827 Berlin, 9. Juli 1918. ^8^ie Verhältnisse verwirren sich immer mehr. Die Entente ist hartnäckig bestrebt, Deutschland zu vernichten. Vielleicht ist auf ihre Machenschaften die Ermordung des deutschen Gesandten in Moskau zurückzuführen. Sicher ist, daß sie sich bemüht, Rußland aufs neue in den Krieg gegen Deutschland zü stürzen, und daß sie sich, jetzt anscheinend mit Erfolg, anstrengt, Japan zu einer Intervention in Sibirien zu veranlassen. Sie spricht fortwährend von Freiheit, Völkerbund und Völkerfrieden, spielt sich als den Weltheiland auf, sieht Deutschland als den großen Störenfried an, spricht Deutschland die Vertragsmöglichkeit ab und erachtet den erzwungenen Verzicht Deutschlands auf seine heutige Großmachtstellung als die erste Vorbedingung des Friedens. Es ist klar, daß das Deutsche Reich auf solche schmähliche Bedingungen nicht eingehen kann- Unter solchen Verhältnissen dürfen wir uns nicht damit begnügen, auf eine innere Umwandlung in den feindlichen Ländern zu rechnen und zu warten. Man darf freilich mit einer gewiffen Befriedigung auf die vernünftigen Anschauungen Hinweisen, die sich in einem Teile der französischen Arbeiterschaft geltend machen; inan darf die Schwierigkeiten hervorheben, die sich für England in dem Widerwillen Irlands ergeben, sich am Kriege zu beteiligen, und auf die revolutionären Bestrebungen, die in Südafrika beginnen; man hat Grund zur Annahme,,daß die gegenwärtige Regierung in Rußland — aber wie lange wird sie noch bestehen? — keine Lust bezeugt und auch keine Fähigkeit besitzt, nochmals in den Krieg einzugreifen, aber die Zähigkeit und Hartnäckigkeit unserer Gegner, namentlich Englands und Amerikas, ist so groß, daß nur das Schwert das letzte Wort zu sprechen hat. Darum sind die Kriegshandlungen allein das Entscheidende. Ueberall wird blutig gekämpft. Die Italiener machen verzweifelte Anstrengungen, die österreichischen Truppen weiter znrückzudrängen; Engländer und Franzosen sind an vielen Punkten eifrig tätig, die deutschen Linien zu durchbrechen und ihrem gewaltigen Ansturm zuvorzukommen, obgleich sie zur Erkenntnis gelangt sind, daß eine allgemeine Offensive ihnen unmöglich und daß die erwartete amerikanische Hilfe noch fern genug ist — von wirklichen Erfolgen ist aber nichts zu berichten. Wir hoffen, daß es der deutschen Heeresleitung bald gelingen wird, unsere Gegner zu Paaren zu treiben und durch große Erfolge sie Wer die Aussichtslosigkeit ihrer Bemühungen zu belehren. , * Unterdessen leiden wir, statt unter Hundstagshitze zu seufzen, durch Kühle und Regen. Die Tage sind meist dunkel und trübe; möge die eher winterliche als sommerliche Temperatur der Ernte nicht schaden, damit unsere Ernährnngsschwierigkeiten sticht vermehrt werden. ■* Auch wer die jüdischen Verhältnisse betrachtetkann sich keiner unbedingten Freude hingeben. Als einen Lichtstrahl begrüßen wir ein Unternehmen des Verbandes der Deutschen Juden, von dem wir im nachstehenden Kunde geben: Der Verband der Deutschen Iuden veranstaltet in der Zeit vom 2. bis 7. (nicht I, bis 6.) Oktober d. I. in Berlin, Rosenstraße 2, euren Kursus zur Unterweisung in apologetischer B eh an dl u n g jü di s ch-r e lig iö se r The me n. Beginn am Mittwoch, 2. Oktober, vormittags 10 Uhr pünktlich. Es lesen über: „Das Judentum zur Zeit der Entstehung deS Christentmns" Rabbiner Dr. Baeck am 2. von 10 bis 11 Uhr, am 3., 4., 6., 7. von 9 bis 10 Uhr; „Die Grundlehren des Judentums und anderer Religionen", Teil 1, Rabbiner Dr. Baeck am 2. von 11 bis 12 Uhr, am 3. von 10 bis lil Uhr; Teil II Rabbiner Dr. Lewkowitz am 4., 6., 7. von 10 bis I I Uhr: „Geschichte und Methode der Judenkvmmission" Dr. S. Bernfeld am 2. von 12 bis 1 Uhr, am 3. und 7. von 11 bis 12 Uhr; „Angriffe aus das jüdische Schrifttum" Rabbiner Dr. Liebermanu am 2. und 3. von 4 bis 5 Uhr, am 4. und 6. von 11 bis 12 Uhr, am 7. von 4 bis 5 Uhr; „Angriffe auf die Glaubens- und Sittenlchre des Judentums" Rabbiner Dr. Hochseld am 2. und 8. von 5 bis 6 Uhr, am 4. und 6. von 12 bis 1 Uhr, am 7. von 5 bis 6 Uhr. Der 8. Oktober wird frei gehalten für die Erörterung in engerem Kreise von etwaigen Rückfragen der Zuhörer an die Vortragenden über die behandelten Gegenstände nach Anmeldung bei den Vortragendem Es wird auf eine Zuhörerschaft aus den Kreisen der jüdischen Theologen, Lehrer und Lehrerinnen, der Mitglieder der akademischen und Jugendvereine und anderer gebildeter Glaubensgenossen gerechnet. M e l d u n g e n zur Teilnahme werden mündlich oder schriftlich an den Verband der Deutschen Juden, Berlin W 35, Steglitzer Straße 9, unter Einsendung einer Einschreibegebühr von 3 Mark m ö g l i ch st bis 15. September erbeten. Spatere Meldungen können nlir nach Maßgabe der noch verfügbaren Plätze berücksichtigt werden. In einem, inneren Zusammenhang, keinem zufälligen äußeren mit dieser wichtigen Einrichtung, stehen die auf verschiedenen Seiten aufgetauchten Pläne einer jüdischen Bolkshochsch u l e in Berlin, Wir dürfen einstweilen nur davon berichten, daß Verhandlungen im Gange sind, tun dies aber mit innigster Freude und wirklicher Begeisterung. In all den Führlichkeiten, unter denen wir leiden, ist die einzige Rettung: die Förderung des Geistes, die Stärkung des Zusammenhalts, die Vermehrung der Erkenntnis, die in alle Schichten hineinzntragende Belehrung über Wesen und Inhalt des Judentums. Nur eine solche Verbreitung der Kenntnis unserer Religion, unserer Vergangenheit und unseres Berufes für die Zukunft vermag uns Kraft zu geben zum Ausharren und zum Kampfe gegen den Antisemitismus, der immer schamloser sein Haupt erhebt. Ein Zeugnis dieser wilden Judenfeindschaft bot ein Prozeß, der gegen einen Arzt des Krankenhauses in Herzberge, gegen Herrn Dr. Hoest, wegen verleumderischer Beleidigung des verdienten Leiters Professor Liepmann erhoben werden mußte. Das „Berliner Tageblatt" meldet darüber: Es seien wiederholt Klagen darüber erhoben worden, daß der Angeklagte dienstlich seinem Ant ifemitismus die Zügel schießen ließ. Einem Mann habe er gesagt: „Sie sind kein deutscher Mann, sondern ein Phönizier!", und ans ^dessen Erklärung, daß er an Angstzuständen leide, habe er erklärt: „Alle Juden haben Angstzustände; die Inden haben kein Vaterland, sie müssen 'raus." Die Frau eines Landsturmmannes habe sich darüber beschwert, daß der Angeklagte ihren Mann durchaus habe zum I lt b e n stempel n wollen, indem er sagte: „Ihr Mann habe den jüdischen Typ, er muß von Inden abstammen, die Juden sind verwahrloste und verkommene Menschen," Die Angeklagte bestritt, solche Aeußerungen getan zu haben. Der Nebenkläger trat schließlich noch energisch dem Vorwürfe entgegen, daß er die jüdischen Anstaltsärzte anders behandle als die arischen. Der Amtsanwalt vertrat den Standpunkt, daß sich der Angeklagte nicht der Beleidigung wider besseres Wissen, sondern der üblen Nachrede schuldig gemacht habe. Der Angeklagte stehe offenbar unter der Monomanie und Idiosynkrasie gegen alles, was der jüdischen Rasse angehört, und die psychologische Disposition spiegelt ihm die Möglichkeit -unlauterer Machenschaften vor. Unter dieser Zwangsvorstellung habe er augenscheinlich gehandelt. Der Amtsanwalt beantragte 500 Mark Geld st rase, da die Behauptungen des Angeklagten in keiner Weise beweislich seien. Geheimer Justizrat Dr. v- Gor dorr, der den Nebenkläger vertrat, hielt eine ganz nachdrückliche Bestrafung für notrvendig, da der Angeklagte außerordentlich schwere, völlig in der Luft schwebende