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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-07-12 · Heft 28 (12.7.1918) · p. Seite 326

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 28 (12.7.1918)
Date
1918-07-12
Page
Seite 326 (sequence 2)
Language
German
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m oder aus Furcht freiwillig aufgestellt, während sie doch mit logischer Notwendigkeit aus dem jüdischen Gottesglauben fliehen und aufs innigste mit seiner durch die Religion eingeflößten Lebensanschauung verschmolzen sind. Das Schicksal der Juden, die seit Jahrtausenden trotz aller Anfeindungen sich kraftvoll erhalten haben, bietet eine Parallele zu dem Schicksal der Deutschen unserer Zeit. Unsere felsenfeste Zilversicht in diesem Weltkriege beruht nicht auf Illusionen, nicht nur auf den bereits errungenen Erfolgen, nicht nur auf dem. unerschütterlichen Willen zum Siege, sondern vor allem auf einer durch die Weltgeschichte bestätigten Ueberzeugung. Das Sein des Judentums wie des Deutschtums verkündet, daß ewige göttliche Gedanken die Welt regieren, daß das Recht eine Macht ist, die endlich triumphiert. Die Gerechtigkeit läßt sich nicht töten. Aus tausend Gräbern, die man ihr gräbt, steigt sie verjüngt empor und empfängt ihr Siegel aus dein Blute der Getreuen, die um der Wahrheit und der Gerechtigkeit Nullen sich hingeopsert haben. Unsere eingefleischten Rassentheoretiker werden dessen innewerden, daß über den Wert eines Volkes und Stammes nicht Haß und Zuneigung entscheiden. Der Haß, dessen sich die Juden erfreuen, ist etwas, was sie mit den Deutschen teilen. Diese Gemeinsamkeit des Hasses wird ihnen zeigen, daß die meistgehaßten Menschen nicht die schlechtesten sind. Die leitenden Staatsmänner werden zur Einsicht kommen, daß Deutschland sich den Luxus innerer konfessioneller Verhetzungen nicht gestatten darf. Wir glauben an den Fortschritt des Guten und der Wahrheit, weil dieser in dem bisherigen Verlauf der Geschichte sich offenbar vollzogen. Lum 8. Md. Bon Dr. Willy Cohn (im Felde). Unweit!des Forum Romanum in Rom steht der Titus- Bogen noch heute in massiger Größe, ein Dokument vergangener Tage. Kein frommer Jude schreitet altem Brauch gemäß unter ihm hindurch, ist er doch als Triumphbogen errichtet worden für den Sieg, den Titus über die Juden errungen hat, und für die Zerstörung Jerusalems. Noch sieht man an ihm das Abbild des siebenarmigen Leuchters, den Titus damals aus dem Tempel geraubt hat. Wenn man als Jude bei diesem Titus-Bogen steht, da wird uns so recht der Faden der jüdischen, Geschichte klar, der durch die Jahrtausende geht, und wir fühlen es mit Stolz, daß wir von gleichem Blute sind wie jene Männer, die einst Jerusalem gegen vielfache Uebermacht verteidigten! Der Historiker, der die Dinge objektiv zu betrachten bemüht ist, soll nicht rückwärts prophezeien, soll nicht ausrnaleni, wie die Dinge sich gestaltet hätten, wenn dies oder jenes Ereignis nicht eingetreten wäre. Er soll, nach Ranke, die Dinge schildern, wie sie eben geworden sind. Und doch ist es vielleicht erlaubt, einen Augenblick sich dem Gedanken hinzugeben, wie die jüdische Geschichte geworden wäre, hätte Titus Jerusalem damals nicht erobert. Vielleicht bestände dann heute noch ein jüdischer Nationalstaat und zweifellos wäre dem jüdischen Volke dann vieles Leid des Galuth, der Diaspora, erspart geblieben. Niemals aber wäre dünn auch das jüdische Volk das Salz der Völker geworden, wie es einmal genannt worden ist, niemals hätte es dann seine Mission erfüllen können, überall unter den Völkern den Glauben an den einig-einzigen Gott in Treue zu bewahren. Als kleines national-geschlossenes Volk bestehend, hätte es vielleicht schon längst einer der großen Stürme der Weltgeschichte hinweggefegt, so aber ist es — zwar versprengt — doch bestehen geblieben! So könnte man urteilen, würde man versuchen, das Ereignis der. Zerstörung Jerusalems aus der Weltgeschichte hinwogzudenken. So könnte man urteilen, wollte man die Dinge nur mit dem kühl abwägenden Verstände beurteilen; doch eben weil man. die Dinge auch mit dem Herzen ansieht, so ist der Tag der Zerstörung Jerusalems auch hellte noch für uns ein Tag tiefsten Schirnerzes. Unsagbar ist, was die Juden, seitdem sie des nationalen Mittelpunktes beraubt waren, unter den Völkern gelitten haben, und an unserem geistigen Auge zieht die ganze Kette der Verfolgungen' und Bedrückungen vorbei. Ueberall waren sie nur die Geduldeten, und brachten sie es, wie in Spanien, zll großer Blüte, so war das Ende um so schlimmer! So ist uns allen im Lailfe der Jahrhunderte Jerusalem immer wieder aufs neue zerstört worden und immer wieder aufs neue ist in allen die Sehnsucht nach der alten Heimat, dem Lande der Väter, gewachsen.. Inzwischen ist das jüdische Volk unter den Völkern gewachsen und so .groß geworden, daß es niemals mehr in dem Lande, aus dem es ausgezogen ist, Platz finden würde, wollte es in seiner Gesamtheit dorthin zurückkehren. Unter den Völkern verstreut hat es ihre Sprachen angenommen, sich mit ihrer Kultur vollgesogen, ihr Leben zu dem seinigeu gemacht, und neben dem Glauben ist es vor allem hk gemeinsame Geschichte, die es zusammenhielt und zusammenhält! - Der Tag der Zerstörung Jerusalems bringt dieses gemeinschaftliche Band gemeinsamen Leides über alle trennende!! Schranken des Völkerlebens wieder zu seinem Rechte. Illach fast zwei Jahrtausenden hat der Gedanke, dem jüdischen Volke wieder eine öffentlich-rechtlich gesicherte Heimatstätte in Palästina, dem Lande, von dem sie ausgezogen sind, zll schaffen, neue Kraft gewonnen. Wie man sich ihm gegenüber auch als deutscher Jllde stellen mag, ist er doch ein Beweis von der Kraft, die dem jüdischen Volk nach so langer Zeit verstreilten Lebens noch innewohnt, und schon ist dieser Gedanke eine Macht geworden, mit der im Leben der Völler gerechnet wird. Und vielen ist er lieb geworden, die sich doch nicht als Zionisten in.dem Sinne fühlen, wie man sie noch vor einem Jahrzehnt aufsaßte und zum Teil heute noch auffaßt. Es kommt auf die Sache an, nicht auf das Wort. Mag das neue Zion eine Heimstätte sein für alle die, denen Bedrückung in ihren! Lande das Leben unmöglich' macht; für uns deutsche Juden in ihrer Gesamtheit ist trotz aller oft fühlbaren Zurücksetzung Deutschland doch im Laufe der Jahrhunderte die Heimat geworden, und die Liebe zur deutschen Erde hat in unserem Herzen breitesten Raum gewonnen. Sie können die Weltgeschichte nicht mehr rückwärts drehen und den, Kamps um die Gleichberechtigung kämpfen, weil sie eben von ihrer' Liebe zürn Deutschtum und Judentum nicht lassen können. Wieder ist Jerusalem, wie schon so oft im Laufe der Jahrtausende, in den Brennpunkt der- Weltgeschichte gerückt. Noch weiß memälld,.wie sein Schicksal am Ende dieses Ringens sein wird. Aber das ist sicher, daß an seinem Los auch die Juden mitzuwirken versuchen werden; schon sind auch in Deutschland Bestrebungen rege, die „pro Palästina" gedacht nicht zulassen wollen, daß die feindliche Mächtegruppe über das Schicksal der heiligen Stadt einseitig entscheidet. So kann man hoffen, daß keine so schweren Tage mehr über Jerusalem hereinbrechen werden wie der 9. Ab und datz ein verjüngtes Judentum die Kraft besitzt, kms Erbe der Väter fortzupslanzen von Generation zu Generation. Möchte aber auch die Zeit .mcht mehr fern sein, in der die Welt aufhört, geistig uns immer wieder Hurch Verleumdung und Gehässigkeit in unserem Innern Jerusalem zu zerstören. Die Blutopfer, die wir auf allen Schlachtfeldern für unser Vaterland gebracht haben, beweisen mehr als Worte, daß die Treue zum Glauben der Väter die Treue zum Heimatlande nur. stärkt und. fördert.

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