Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1918)
- Date
- 1918-07-12
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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82, Jahrgang. Nr. 28 Berlin, 12. Juli 1918 Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungsrats Professor Vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der „Allgern. Zeitung des Iudentinns", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-^9, zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Diese Zeitung erschein» wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 324. Zum 9. Ab. Von Dr. B. Seligkowitz (Köthen): — Zum l^llljrill. 9. Ab. Von Dr. Willy Cohn (im Felde). — Die Woche. — Tagung deS Weftpreutzilchen Rabbiner-Verbandes. — Kissinger Badebrief. Von Benas Levy (Berlin). — Prof. Dr. Emil Töplitz. L. G. — Literarische Uebersicht. Von Lupwig Geiger. — Feuilleton: Jedem das Seinige. Roman von M. Pulvermann. — Tischo Beaw. Von S. Aschner. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Beuchen, Liffa i. Pr., Hamburg, Köln, Düsseldorf, Mürtchen, Kissingen, Offenbach a. M., Kopenhagen, Budapest. — Von Nah und Fern. Lum 9. pb. Von Dr. B. Seligkowitz (Köthen). ie Geschichte hat das Vorrecht, gleich ihrer unendlichen Schwester Natur, nur aus die Endergebnisse, auf die Schlußfolgerungen ihrer Geschehnisse zu achten und als über eine Notwendigkeit über die Seufzer- und Schmerzen der Individuen hinwegzugehen. Die Natur will immerfort und unaufhörlich Leben hervorbringen, aber sie kann das Leben nur durch den Tod erlangen; um' zahllose neue Geschlechter zu schaffen, muß sie zahllose alte Geschlechter untergehen lassen; um das Leben zu ernähren, muß sie das Leben töten. Also fordert auch die Geschichte die Schmerzen und den Untergang zahlloser Individuen, um dem Menschengeschlechte eine fortschreitende Entwicklung, eine immer größere Zukunft, ein immer herrlicheres Dasein zu bereiten. —Von diesem Standpunkte aus erscheinen die vielen Opfer der Geschichte bei jeglichem Volk und in jeglicher Zeit als in einem höheren Dienste vollbracht, und die Geschichte, die sonst nur ein trauriges Gemälde von den Leiden und den Leidenschaften der Menschen, von Herrschaft und Sklaverei, von Gewalt und Untergang sein würde, wird aus diesem höheren Gesichtspunkt der erhebende Bericht von dem unaufhörlichen Ringen des Menschengeschlechts nach höheren Zuständen, nach dem Sieg der Wahrheit, des Rechts und des Friedens. Sehen wir uns die Geschichte Israels in seiner 2000jähri° gen Wanderung durch die Reihen der Völker von diesem höheren Gesichtspunkte an, so erscheint uns diese fortwährend im Dienste der religiösen Idee, deren Vertreter uttd Träger das jüdische Volk war, und alles, was dieses Volk erlitten hat, erscheint uns als eine Notwendigkeit, die, so traurig sie war, zur Lösung der großen Ausgabe nicht vermieden werden konnte. Ja, statt das Gefühl der Trauer über die Verirrung der Menschheit gegenüber einem so äußerst friedfertigen Stamme uns einzuflößen, wird uns diese Geschichte vielmehr zur Bewunderung Hinreißen, wie die innere Kraft des Geistes allen äußeren Gewalten zu trotzen, zu widerstehen und sie zu besiegen vermag. Die Trauerwochen lassen uns allerdings, immer von neuem alles Weh durchleben, das für uns mit unserer Zerstreuung begann. Unsere ganze Leidensgeschichte zieht in jenen Tagen an unserem Geiste vorüber. Wir sehen sie noch einmal, all die Hasser und Gegner, die einzelnen wie die gesamten Völker, wie sie Ränke gegen uns schmieden, fort und fort uns verleumden und befehden, bedrücken und verfolgen. Allein, es ist dies nicht die einzige Seite des -Bildes, das sich uns zeigt. Wenn unsere Glaubensgemeinde dennoch besteht, während ihre Bedrücker und Verfolger vom Erdenrunde längst geschwunden, wenn der jüdische Staat nur zugrunde gegangen ist, auf daß der Baum des Judentums desto fester Wurzel fasse und triebkräftig werde auf dem ganzen Erdenrund, liegt in dieser geschichtlichen Erkenntnis nicht Trost und Hoffnung genug für uns? Auch der Talmud hat diesem Gedanken — daß die Zerstörung Jerusalems uns traurig stimmt, sobald wir an das Ereignis selbst, an den Schrecken und an den Sturz, an die Verödung und Verwüstung des Landes denken, und hoffnungsreich, sobald wir die Folgen ins Auge fassen — einen besonders geistvollen Ausdruck verliehen in den sinnreichen Worten: „Der Messias ist am 9. Ab. geboren worden", d. h. die Zerstörung des Tempels und der ganze Jammer, der sie begleitete, waren gleichsam die Wehen, unter denen der Begriff einer Weltreligion geboren wurde. Es ist charakteristisch, daß je dunller der Himmel ist, der sich, über dem Buch des so schwer geprüften Propheten Jeremia ausbreitet, desto freundlicher und heller an ihm der Regenbogen des Friedens und des Trostes erscheint, den wir am Ausgang der großen Trauerreden erblicken. Der größte Prophet der Klage ist zugleich der Prophet des Trostes und der Verheißung; sein tiefer Schmerz ist durch die Stärke seiner Gesinnung verklärt in dem erhabenen Bild von der Zukunft Israels, von seinem unzerstörbaren Beruf in der Weltgeschichte. Und welch ein Brief ist es, den Jeremia aus den Ruinen Jerusalems an die Gefangenen von Babel schreibt, in dem er sie in Milde und Sanftmut ermahnt, das Beste der Stadt, wohin sie Gott geführt, zu suchen, ja, für sie zu beten, „denn in ihrem Frieden wird euer Friede fein"! Von dem Propheten Jeremia an bis zu Deutschlands Erhebung, wo der jüdische Jüngling zu den übrigen deutschen Vaterlandskämpfern sich gesellte und sein Blut auf den Schlachtfeldern vergoß, von jener uralten Zeit bis zu den heutigen schweren Tagen des blutigen Völkerringens gilt für den Juden als heilige Satzung: B e st r e b e d i ch, e i n g u t e r Bürger zu sein in dem Lande, das du bewohnst, ein treuer Angehöriger des Staates, unter dessen Schutz du stehst. Daß diese Lehre trotz der vielfältigen Mißhandlungen und schrecklichen Verfolgungen den Juden in Fleisch und Blut überging, scheint allerdings unbegreiflich und eben darum wohl auch sehr vielen unglaublich; aber deshalb nur, weil ihnen das richtige Verständnis der jüdischen Religionslehre fehlt. Jene Grundsätze werden fälschlich , für Zugeständnisse gehalten, aus Klugheit