Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 27 (5.7.1918)
- Date
- 1918-07-05
- Page
- Seite 324 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Organ der Gesellschaft für jüdische Volkskunde in Hamburg. Wien 1918. Auch-das neue Heft dieser inhaltsreichen Zeitschrift verdient eine kurze Besprechung. (5s enthält folgende Aussätze: Vajda, E«la: „Dr. Akenora Davidschild" und „Salomos Siegel", ferner zwei Aufsätze des Herausgebers: „Beiträge zur jüdischen Kulturgeschichte" und „Altjüdisches Gemeinde Leben". Nur auf die beiden letzteren gehe ich hier in Kürze ein. Zn dem ersten wird eine Studie: „Aus der Geschichte der Familien Jellinek, Bloch, Tiktiu, Hamburger, Mamroth, Hirschel" zum Abschluß gebracht. In dem zweiten gelangen sehr eigentümliche, kulturhistorisch sehr wichtige Aktenstücke aus den Jahren 1775 bis 1801 zürn Albdruck. Sie lehren uns die recht traurige Lage des Lehrerstandes kennen sowie die üble Behandlung, die ein Lehrer erfuhr; sie unterrichten uns über Streitigkeiten einzelner Beamten, über Rabbinergerichte, über Unwissenheit der Vorbeter, über die Ansprüche des Eigentümers einer Synagoge, zur Thora aufgerufen zit werden. Alle diese Aktenstücke sind ungernein charakteristisch. Gewiß sind es Kleinigkeiten, aber solche, durch welche die Vergangenheit erhellt wird. L. G. Thomsen, P., Palnstina und seine Kultur in' fünf Jahrtausenden. 2. Auflage. Leipzig-Berlin 1917, B. G. Teubner. 121 S. Nach acht Zähren ist eine zweite, aus Grund der neuesten Atlsgrabungen und Forschungen völlig neubearbeitete Auslage des Büchleins notwendig geworden, das neben Kittels „Geschichte des Volkes Israel" und des Verfassers „Kompendium der palästinischen Altertumskunde" zu dem Besten gehört, das über Kultur und Zivilisation Palästinas von den Uranfängen bis zur römisch-byzantinischen Zeit unterrichtet. Es wird nicht ein unübersichtliches Sammelsurium von Einzelheiten geboten, sondern unter Ausschaltung von Nebensächlichkeiten und Vermeidung jeder Breite ein um so schärfer herausgearbeitetes Gesamtbild der kulturellen Entwicklung des Heiligen Landes und der Einflüsse, die von außen her dabei besonders wirksam gewesen sind. Wir begrüßen es mit besonderer Freude, daß der Verfasser sich von kühnen Deutungen der ausgegrabenen Zeugnisse und sonst überlieferten Dokumente fernhält, vielmehr mit besonnenem Urteil und in Zweifelsfüllen mit vorsichtigen Kombinationen und Schlüssen eine möglichst sachliche Darstellung zu geben sich bemüht. Die biblische Ueberlieserung vollends wird zwar nicht in allen Beziehungen — z. B. Rasse der Urbevölkerung - - als glaubwürdig anerkannt, im allgemeinen aber waltet eine erfreuliche Ehrfurcht vor den biblischen Berichten vor, die sich von der früher von den Altertumsforschern beliebten geringen Einschätzung wohltuend abhebt. Zeder Freund des Morgenlandes wird aus dem Büchlein reiche Belehrung gewinnen, insbesondere kann es dem Religionslehrer 'als ein brauchbares Hilfsmittel zur Belebung des Unterrichts dienen. ZI. — Von bertt h m t e u Z e i t g e n o s s e n. Von R. Braun- A r t a r i a. Lebenserinnerungen einer Siebzigerin.. E. H. Becksche Verlagsbuchhandlung (Oskar Beck), München. Die Verfasserin hat in einem Kreise bedenten-der PersönlickMiten als ebenbürtige Zuschauerin gelebt. Sie ist von Fenevbach und Le ab ach gemnlt worden, als diese noch in den Anfängen waren. Diese beiden erscheinen neben Schwind, Scheffel, Hehse, Geibeil, Döllinger u. v. a. wie in lebendiger Gegenwart und lassen uns in ihr ein erstes Wesen erblicken. Das Buch darf als ein treues Spiegelbild der geistigen Gesellschaft, namentlich Münchens, der 00er und 70er Zahre des vorigen Jahrhunderts angesehen werden und verdient auch, von dem geschätzten Leserkreise dieses Blattes . nicht unbeachtet gelassen zu werden. Zn den Jugendgenosse,n dev Verfasserin zählte Moritz Ellstütter, der später von, 1868 ein Menschenalter hindurch als Finan-zminister zu den leitenden Männern Badens gehörte. Von einem. Mittagessen bei Bodenstedts auf ihrer Hochzeitsreise, wo sie mit Fanny Lewald und deren Gatten Adolf Stahr zusanunentras, schreibt sie: „Sie war eine imposante Erscheinung mit schönen semitischen Gesichtszügen -und weißer Lockenfülle über starken, schwarzen Brauen undglänzenden großen Augen. Das Gespräch bei Tische war 'lebhaft, nicht ohne gegenseitiges Zitieren, aber doch durchaus angenehm. Ich erfuhr u. a., daß Fcmny eine vorzügliche Hausfrau, sei, die ihre Strdhhüte unter der Pumpe bürstete und hierauf mit Schwefel bleichte, welches Verfahren sie nur dringend empfahl», statt Geld für das Putzen hinanszuwerfen. 324 *; Dann erklärte sie auch daß alle ihre Tische weiße Platten hätten; polierte seien Unsinn, da man doch Decken, darüber lege. Ich bewunderte die Wirtschaftlichkeit der'berühmten Frau und erwarb auch ihr Wohlgefallen. Stahr aber mißfiel mir durch seine ewige Pose.' Von Lenbach, der in seinen Anfängen schwer mit materieller Not zu kämpfen, hatte, erzählt sie, daß er einige Jahre später das Zehnfache für ein Porträt einnahm, und von einem Aufenthalt in Wien an, wo er in den reichen Häusern Wertheimstein und Todesco wie ein Fcunilienglied ausgenommen war und zahlreiche Aufträge für die Geldaristokratie ausführte, datiert der .glänzende Aufstieg, dev ihm bald auch äußerlich die erste Stellung unter den Münchener Künstlern verschaffte. Wir empfehlen das «treffliche Blich ebenfalls insbesondere unserer Frauenwelt als belehrende -und genußreiche LeMre. Meslailv. R e g i n a N e -i ß e r. — W e n n w i r a l t e r n. Seneszierende Plauderei von Dr. med. Ratner, Wiesbaden. „Fortschritte der Medizin" 1916/17, Nr. 27. Der Verfasser setzt in gemeinverständlicher, interessanter Plauderei die Vorgänge im Körper beim Altern auseinander, und diese Vorgänge haben wir jetzt vielfach greifbar vor Augen. Der Krieg hat zweifellos die Menschen schneller altern geinacht. Durch Entbehrungen, Ernährungsschwierigke-iten, Sorgen, Aufregungen haben sich bei vielen die Lebenskräften rascher vermindert, die Silberfäden, die „Friedhofsboten", wie die alten Inden sagten, vorzeitig eingestellt. Ich habe junge Frauen gesehen, die infolge einer Schreckensbotschaft über Nacht vollständig ergraut waren. Schön und ergreifend schildert es der biblische Prediger Koheleth (im 12. Kapitel), „wenn die bösen Tage, die wunschtosen, Hereinbrechen, die goldene Quelle versiegt, die SMerstränge vertrocknen, die Mühlen stillstehen, die helleuchtenden Sterne im Gesicht erblassen". Kummer, Aufregung, Ehrgeiz und dergleichen mehr reiben allmählich das Herz, die Blutgefäße, das Zentralnervensystem auf, es treten Verkalkungserscheimnrgen ein, in der Kriegszeit viel früher als sonst, namentlich an den Kranzadern des Herzens und im Gehirn, und schneller, überraschender als im Frieden sinken die Menschen ins Grab. Besonders die, welche nicht nur ihre eigene Sorge'haben, sondern gewissermaßen die Sorge der Menschheit jetzt mittragen, die weiter sehen als die anderen, die Kassan-dranaturen, sie zermürben unter den «täglichen Aufregungen und seelischen Erschütterungen. So kommt der Mensch jetzt auch viel eher zur Erkenntnis des Ko-heiteth, daß „alles eitel ist". Me es heißt, -daß die „Nerven von Eisen" den Krieg, gewinnen werden, so möge der, der seine Nerven heilt aus den Kriegsnöten heransretten will, sie beizeiten zu stählen und zu festigen suchen. Wer alt werden und noch lange Friedensjahre erleben will, möge sich mühen, seine Blutgefäße zu kräftigen durch Bewahrung heiteren' Sinnes, einer vertrauensvollen, zuversichtlichen Lebensanschauu'N'g, durch Fern-Haltung von Erregungen, durch eine Ernährung, so kräftig, wie — sie jetzt zu haben ist. Wohl dem, der sich unbeirrt den echt jüdischen Glauben erhalten hat, daß es eine höhere Führung int Leben gibt, daß „alles Bestimmung" ist lmd daß (wie es im Morgengebete des Sabbat heißt) der, der uns bisher geholfen und nicht verlassen hat, uns auch weiter helfen wird! Sanitätsrat Dr. Scherbe«l. Lücherrmlauk. Besprechung der Bücher Vorbehalten. Zurücksendung der Bücher findet tn keinem Falle statt. Vom Judentum zum Christentum. Von Dr. Adolf Bauer, a. o. Professor an der Universität Wien. 1917, Verlag von Quelle n. Meyer in Leipzig. XIV. Jahresbericht der Israelitischen Allianz zu Wien, erstattet an die XIV. ordentliche Generalversammlung am 10. Juni 1918. Wien 1918. Verlag der Israelitischen Allianz zu Wien. Druck von Moriz Waizner u. Sohn, Wien. Die Vertreibung des Königs Konstantin von Griechenland. Dargestellt auf Grund amtlicher Urkunden. Herausgegeben von der Deutsch-griechischen Gesellschaft. 1918, I. F. Lehmanns Verlag, München. Sonderabdruck aus den Neuen Jüdischen Monatsheften, Heft 15/16 vom w. und 25. Mai: Hermann Cohen. Von Professor Dr. Ernst Casfirer, Berlin.