Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 27 (5.7.1918)
- Date
- 1918-07-05
- Page
- Seite 323 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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323 „Aber, Mutter, willst du denn nicht verstehen, wie herabwürvigend Lies für mich ist?" sprach Alice verzweifelt. „Das kann ich wirklich nicht einsehen." „Allerdings nicht mehr herabwürdigend als das ganze System, durch das Mädchen aller Volksklassen irgendeinem hergelaufenen Menschen erbarmungslos überliefert werden, wenn er über einen großen Geldsack verfügt!" rief Alice bitter. ,-Schon von der frühesten Kindheit an, wird es uns ja eingetrichtert. daß der Hauptzweck unseres Lebens nur der wäre, eine gute Partie zu machen. Gott im Himmel, wie oft habe ich dies schon beobachtet und mich mit Abscheu davon abgewendet! Ach, dieses schale, inhaltlose Leben! Nur ein unaufhörliches Gähnen, ein eintöniges, gelangweiltes Vegetieren, hin und wieder von einem zweiselhaften Wohltätigkeitskränzchen unterbrochen, wo der Dienstbotenklatsch bis zum Ueberdruß breitgetreten wird, ohne Ahnung, ohne jegliches Empfinden für Hohes und Erhabenes, nur von dem einzigen Verlangen beseelt, einige Jahrzehnte später den gleichen Vorgang bei den Töchtern sich wiederholen zu sehen! Und all dies nur, weil ein Mädchen von dem Unglück betroffen wurde, in den unheiligen Augen eines Goldmenschen Wohlgefallen zu finden, der einst wohl ein Mann gewesen, jetzt aber, verbraucht und verlebt, zerbeult und zermürbt, sich eine Sklavin kauft, die ihn wieder zu dem Aussehen eines Mannes zurückpflegen soll! Ach, wie gräßlich, wie schimpflich scheint mir das!" Frau Mahlow hatte ihre Tochter nicht unterbrochen und zeigte auch keinerlei Erstaunen über diese Auflehnung ihrer schüchternen Tochter. Nach einer Weile aber sprach sie: „Ich glaube selbst, daß ein Körnchen Wahrheit in dem steckt, was. du soeben gesagt. Ich selbst habe ja gar trübe Erfahrungen nach dieser Richtung hin gemacht. Aber du darfst doch nicht vergessen, daß die herrlichste Rose es sich gefallen lassen muß, von der häßlichsten Raupe benagt zu werden. Du wirst die Welt nicht ändern." Alice schwieg. Sie sah das Furchtlose eines Kampfes mit einem Gegner ein, der in der Handhabung seiner Waffen nicht wählerisch war. Es war ihr bekannt, wie die Mutter aus ihre einstige Schönheit gepocht und ihre Verbindung mit dem Vater als ein schweres Opfer ihrerseits darzustellen beliebte. Alice konnte es nicht begreifen, daß ihre kluge Mutter so unklug gehandelt, um sich selbst als ein käufliches Objekt zu kennzeichnen. Sie wußte, die Mutter hatte oft sonderbare Einfälle. Ein solcher sonderbarer Einfall der Mutter war es vielleicht auch, daß sie sich einer unscheinbaren Persönlichkeit, wie es der gänzlich unbekannte Schriftsteller Artur Klaßner war, so warm annahm und ihn sogar in ihren vornehmen Familienzirkel einführte. Freilich war dieser, wie Alice es schon bei den wenigen Besuchen herausgesunden, ein sehr begabter Mensch, ein edler Charakter von hochherziger Gesinnung. Sonst aber war er doch in der literarischen Welt gänzlich unbekannt und, sicherlich froh, bei irgendeiner unbedeutenden Zeitung eine kleine Stelle zu bekleiden. Sie konnte diesen Einfall der Mutter nicht begreifen, die doch sonst bemüht war, ihre Bekanntschaften nur in den höchsten Kreisen zu suchen. Frau Mahlow schien den Gedanken ihrer Tochter zu erraten; mit ernstem Tone sprach sie: „Alice, da wir jetzt so offen miteinander sprechen, möchte ich noch den dringenden Wunsch zum Ausdruck bringen, daß du dich nicht gar so viel mit dem Schriftsteller Artur Klaßner beschäftigen darfst; damit würdest du den Unsinn auf die Spitze treiben. Gewiß ist er ein tüchtiger Mensch und sicherlich steht ihm auch eine glänzende Zukunft bevor; aber auch im günstigsten Falle werden seine finanziellen Verhältnisse sich nicht mit Burgers messen können. Außerdem glaube ich bemerkt zu haben, daß feine Wünsche nach einer anderen Richtung zielen. Weißt du vielleicht, ob deine Freundin, Ellen Dümönt, heute kommen wird?" „Sie hat es wenigstens versprochen", erwiderte Alice tvn- „Das ist mir lieb. Sie bildet einen geeigneten Rahmen für dich. Neben ihrem bleichen, farblosen Gesicht, erscheint dein Menenspiel lieblicher und lebhafter. Nebenbei bemerkt will ich dich noch bitten, deine Frisur etwas zu ändern und das Haar nicht so an die Stirn zu kleben, wie du es in der letzten Zeit zu tun' beliebtest." Alice zuckte schweigend mit den Achseln. Sie hatte bereits die Tür erreicht, um das Zimmer zu verlassen, als Frau Mahlow wieder, zu sprechen begann: „Ich möchte dir nur noch mitteilen, daß ich in deinem Ehevertrag mit Burger eine Teilhaberschaft für deinen Bruder Julius zur Bedingung gemacht. Julius wird niemals etwas selbständig unternehmen können, darum müssen andere es für ihn tun. Ich mache dir diese Andeutung, damit du deine Antwort dementsprechend einrichtest, wenn Burger heute mit dir spricht." (Fortsetzung folgt.) Mrrsrilchr Mitteilungen. — BriefeanElisavon der Recke. Aus den Originalen in der Musenmsbibliothek in Mitau, herausgegeben von Pros. l). Dr. Otto Elemen. Verlag von Fritz Würtz, Berlin-Steglitz. Unter den 16 Briefen, die das geschmackvoll ausgestattete und an kleinen wertvollen literarischen Mitteilungen reiche Büchlein enthält, befindet sich auch ein Brief David Friedlaenders. Man wußte schon früher, daß der wackere Berliner Stadtrat mit der vornehmen und feinsinnigen kurländischen Dame Elisa von der Recke eng verbunden war — er war ihr während des Aufenthaltes, den jene in Berlin genommen hatte,' August 1784 bis Januar 1786 nahe getreten. Damals hätte Elisa, wie sie in vielen Kreisen genannt wurde und wie sie sich auch zu nennen liebte, auch Mendelssohn kennengelernt und in ihren Reiseberichten begeisterte Worte über den Weltweisen geäußert. Friedlaenders Brief, der einzige, der sich in Elisens Nachlaß findet, während die übrigen, gewiß massenhaft von ihm geschriebenen Briese nach testamentarischer Bestimmung der Adressatin an den Sohn David Friedlaenders zurückgelangten, ist vom 13. Oktober 1811. Er ist von mannigfachem literarischen Interesse; für unsere Zwecke bedeutungsvoll ist die Mitteilung des Briesschreibers, daß er 20 Friedrichsdor an den dürftigen Freund Elisas, an den Dichter Triedge, sendet. Ferner enthält er eine Friedlaenders Familie betreffende Notiz, die so lautet: „Meiner Schwester Salomon habe ich die Kündigung schriftlich mitteilen müssen, da ich sie in mejnein Hanse verfaßt hatte und es mündlich nicht tun konnte." Zur Erklärung dieser etwas auffälligen Stelle weiß ich allerdings nichts beizubringen. L. G. — Deut s ch e Volks b ü cher: G e s ch ich t e des ewige n Juden und G e s ch i ch t e d e s Doktor F a u st u s. Freiburg im Breisgau, Herdersche Verlagsbuchhandlung, Berlin, Karlrnhe, Köln, München, Straßburg und Wien. A. G. 14. Auch für jüdische Leser hat das Volksbuch vom Ewigen Juden großes Interesse. Die Sage von dem Ahasver, der wegen seiner Unbarmherzigkeit gegen den sein Kreuz schleppenden Jesus zu ewiger Wanderung verdammt ist, scheint ja zunächst nur judenfeindlich zu sein, und doch liegt in ihr etwas, das gerade für Juden anziehend und stärkend genannt werden muß: die Ankündigung nämlich von denn Fortbestand der ewigen Daseinsdauer des Judentums. Die Sage selbst wird in dem vorliegenden Neudruck leider nicht in der ursprünglichen Fassung des alten Volksbuches!, sondern in einer modernen Form geboten, die nicht den Reiz der schlichten Vortragsweise des 16. Jahrhunderts erreicht. Sie ist auch sehr abgekürzt und übergeht daher viele Abenteuer, die in. dein alten Volksbuche erzählt werden. Trotzdem mag mancher jüdische Leser sich gern in die Lektüre vertiefen. L. G. ^Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde. Herausgegeben von Dr. M. Grunwald, Rabbiner der israelitischen Kultusgemeinde in Wien. 20. Jahrgang, 3. und 4. Heft (der ganzen Reihe 59. und 60. Heft). Diese Mitteilungen erscheinen zugleich als