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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-07-05 · Heft 27 (5.7.1918) · p. Seite 322

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 27 (5.7.1918)
Date
1918-07-05
Page
Seite 322 (sequence 10)
Language
German
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322 Bon einer Auswanderung der polnischen Juden, die manchmal als Forderung der Zionisten ausgesprochen wurde, will Gothein nichts wissen. Ehe wir von dem Zionismus reden, mag von einem Galizien gewidmeten, Sonderhefte der „Neuen Indischen Moniatshofte^) gesprochen werden. Mit reinem Vergnügen habe ich darin die belletristischen Beiträge gelesen: Brods Skizze, in der das Entzücken dos Schriftstellers ausgedrückt ist über die Bemerkung einer galt zischen Schülerin: "Simson war ein böser Mensch, weil er Menschen getötet hat", ferner eine Geschichte von S. I. Agnor, die einen Vorfall behandelt, der in der Weltliteratur schon häusig erörtertwar: die Heimkehr eines Juden, der seine Frau, der er für verstorben galt und die ihm bereits einen Prächtigen Grabstein errichtet hat, wieder verheirate: findet und sich still davon schleicht. Das ist so echt und naiv, so menschlich rührend erzählt, daß man von dem tragischen Stoff und seiner Behandlung gefesselt wird. Die übrigen Beiträge: Leo Nosenberg: Galizien, Max Rosenseld: Die Sonderstellung Galiziens und die Juden, Heinrich Margulies: Die Juden -in der gälizi-schen Wirtschaft, Otto Abeles: Zwei Entwickelungslinien, Ignatz Schipper: Die gal-izische Ju-denschast in den Jahren 1772 bis 1848 in wirtschaftlicher, statistischer Beleuchtung sind vielfach historisch und, wenn sie essind, höchst interessant und lehrreich. Sie konstatieren, was nicht erfreulich genannt werden kann, den Chassidismus als lebensherrschende Macht und fordern, was unseren Anschauungen und Hoffnungen widerspricht, die staatliche Autonomie der Juden auch für Galizien. Sehr wichtig sind die rein wirtschaftlichen Betrachtungen. In ihnen steckt ein sorgfältig zu fa m men gestelltes, sehr beachtenswertes Material, <tiif dessen Bedeutung ich jedoch nur Hinweisen kann, ohne auf die Einzelheiten einzug-chen. (Schluß folgt.) Jedem öaa Srimgr. (1. Forts.) Roman von M. P u l v e r m a n n. icht jetzt, Mutter. Es hat mit mir keine Eile!" rief das Mädchen voller Angst, da sie wohl wußte, was jetzt kommen würde. „Ich bin anderer Ansicht", widersprach Frau Mahlow frostig. „Ich wollte ohnedies heuttz, mit dir darüber sprechen, und darum kann es auch jetzt gleich geschehen. Du kennst doch den Zweck der heutigen Abendgesellschaft, und wer heute kommen wird?" Das angelbliche Leiden hinderte sie nicht, schadenfroh zu lächeln und sich an der Angst der Tochter zu werden. „Ganz genau weiß ich es nicht, da du doch die Einladungen selbst geschrieben und weggeschickt hast", suchte Alice dem Kommenden mit dieser Ausrede auszuweichen. „Aber du weißt doch, 'daß Adolph Burger zu den Geladenen gehört?" „Ich — ich — glaubte, daß — daß — er nach Afrika zurückgekehrt ist." „Alice, dir sprichst die Unwahrheit! Du hast dies nicht gedacht!" - „Vielleicht war der Wunsch der Vater des Gedankens." „Weißt du, Alice," entgegnete die Mutter, „schon oft bist du mir als ein Rätsel erschienen. Eben hast du dich energisch gewehrt, als Kind behandelt zu werden, jetzt aber gebärdest du dich wie ein unvernünftiges Kind und nicht wie ein Mädchen von dreiuudzwanzig Jahren! Dennoch hoffe ich, daß du wenigstens so viel Verstandesreife besitzest, um nicht ein großes Glück von dir zu weisen, das sich dir förmlich aufdrängt. Oder lä) „Neue jüdische Monatshefte". Zeitschrift für Politik »sw. 2. Jahr«., Hest 9/10, 19 bis 25. Febr. 1918. Sonderheft „Galizien". steigern sich etwa deine Ansprüche noch höher, als Adolph Burgers Frau zu werden?" „Im Gegenteil, Mutter. Ich bin weit entferntsolche hohe Ansprüche überhaupt zu stellen." „Das mag sein. Daher wirst du es begreiflich finden, daß ich es für dich tue. Meine Pflicht ist es ja, dich zu versorgen." „Ich erkenne das dankbar an; aber um meine Zukunft brauchst du dir wirklich keinerlei Sorgen zu machen. Schlimmstenfalls habe ich doch meine Prüfung als Lehrerin bestanden und mit meinen dreitausend Mark jährlichen Zinsen meines väterlichen Erbteils, da ist mir vor meiner Zukunft durchaus nicht bange." Ein haßerfüllter Blick traf die Tochter. „Lehrerin willst du werden, und dadurch meine mühsam errungene gesellschaftliche Stellung vollständig untergraben! Du denkst also ernstlich daran, diese verrückte Idee zu verwirklichen? Dann höre, was ich dir jetzt sage: willst du schon >das Ansehen deiner Familie mit Füßen treten, und bist du schon für deine eigenen Interessen blindso steht dir doch kein Recht zu, die Zukunft deiner Geschwister in Frage zu stellen! Eine solche Pflicht- Vergessenheit möchte ich dir doch nicht zutrauen." „Die Zukunft meiner Geschwister?" fragte Alice erstaunt. „Jawohl, deiner Geschwister!" wiederholte Frau Mahlow. „Da ist zunächst deine Schwester Stella. Das arme Ding ist neunzehn Jahre alt und muß - immer noch als Mittelding zwischen Kinderstube und Ballsaal schwanken, weil ich sie nicht als erwachsene Dame angesehen haben möchte, bis du aus dem Hause bist. Nächstes Jahr kommt auch Olga aus der Pension, so daß ich dann drei heiratsfähige Töchter um mich hätte. Daher müßtest du ..." „Aber Mutter," unterbrach sie die Tochter mit einein Auslug von Selbstbewußtsein, „ich habe dir doch schon oft gesagt, daß ich bereit bin, das Haus zu verlassen! Nur soll es nicht durch die Hintertür einer aufgezwungenen Heirat geschehen." Anstatt zornig aufzubrausen, gefiel es der Mutter jetzt, mit scheinbarem Ernst zu erwidern: „Mein liebes Kind, deine abgeschmackte Bemerkung von einer Hintertür, wenn du an der Hand eines dir rechtmäßig angetranten Gatten das Haus verläßt, will ich erst gar nicht zu verstehen suchen. Das ist wohl so ein Phvasengeklingel, das dir noch aus dem Seminar anhastet. Was ich dich aber-zu verstehen bitte, ist, daß ich deinen hirnverbrannten Unternehmungen nie und nimmer meine Einwilligung geben werde. Ich bin mir meiner mütterlichen Verantwortlichkeit bewußt," fuhr sie gespreizt und stelzenartig fort, „und da ich einer übernommenen Verpflichtung nie aus dem Wege gehe und nie von mir abzuwälzen gesucht, so werde ich nicht jetzt den Anfang damit machen, wo es sich um die helligste und wichtigste Ausgabe meinen eigenen Kindern gegenüber handelt. Ich weiß es aus ganz sicherer Quelle, daß du auf Burger einen guten, tiefen Eindruck gemacht hast, und . . . und ... ich habe ihm deine . . . Hand bereits zugesagt!" „Mutter!" rief das Mädchen schreckensbleich. Frau Mahlow betupfte ihre Stirn mit einem essenzgetränkten Taschentuch, da sie es jetzt für angebracht hielt, ihre schwächen Nerven der Tochter wieder in Erinnerung zu bringen. Nach einer Weile fuhr sie fort: „Alice, begreifst du denn nicht, daß dein Staunen unhöflich, wenn nicht gar beleidigend für mich ist, da du mir dadurch die Fähigkeit absprichst, im Herzen eines Mannes lesen zu können? Ich habe Burgers Charakter eingehend studiert und bin zu der Ueberzeugung gekommen, daß er für meine Tochter einen pasienden Gatten in jeder Hinsicht abgeben wird." . .

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