Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 27 (5.7.1918)
- Date
- 1918-07-05
- Page
- Seite 321 (sequence 9)
- Language
- German
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321 dem Verfasser unmöglich; ohne sich dafür zu begeistern, sieht er doch in der nationalen Gestaltung-die einzige Hoffnung aus die Zukunft. Adolf Hepner°) Plädiert für die Aushebung bzw. Vernichtung des Jiddische'n und kommt in seiner kurzen.Auseinandersetzung (denn es handelt sich nur um einen Aufsatz von 2X> Spalten) zu folgendem Resultate: „Die Erziehung des jüdisch-polnischen Proletariats zu modernen Kulturmenschen wird viel intelligente Arbeit und unsägliche Gsiduld erfordern, denn die polnischen sogenannten Rabbiner und ihre Anhänger sind die denkbar weltfremdesten Geschöpfe, an denen man Argumente zu Ueberzeugungszwecken nur nutzlos vergeudet. Ueber ihre Köpfe hinweg mutz das Reformwerk begonnen werden, und das wirksamste Mittel hierzu bildet die obligatorische staatliche Simultanvolksschule." Das scheint mir wohl gesprochen. Wenn ich es auch nichtverstehe, wie man derartige Vorschläge mit Selbstbestimmung und sozialistischen Grundsätzen vereinigen kann, so habe ich keine Veranlassung, mich darüber weiter aufzuregen. Eine interessante Biographie des ungarischen Ministers Vaszsonyp) — umn verzeihe, wenn ich Ungarn zll den Ostländern rechne — verdient an dieser Stelle eine Erwähnung-, da irr diesem Zusammenhang von den Juden die Rede ist. So sehr ich mich auch freue, der trefflich geleiteten, inhaltsreichen Monatsschrift zu gedenken, so muß doch darauf hingewiesenwerden, daß in dieser kurzen, lvarmgehaltenen! Biographie nicht mit einer Silbe davon die Rede ist, daß der genannte Minister ein Jude ist. Da ein solches Faktum in unseren Tagen, selbst in Ungarn, nicht gerade zu den Alltäglichkeiten gehört, da außerdem die genannte Zeitschrift von einem Juden herausgegeben wird und in einem jüdischen Verlag erscheint, so lag, lvie mich dünkt, eigentlich kein Grund vor, diese auffällige Tatsache zu verschweigen. Kehren wir zu Polen zurück, so könnte manfragen, ob die folgende, höchst merkwürdige Schrift^) gerade in unseren Zusammenhang gehört. Tenn diese enthält in ihren 13 Kapiteln nur ein einziges, das siebente, das für unsere Zwecke in Betracht kommt: „Religiöse Toleranz". Darin kommt folgende wichtige Stelle vor: „Wir wissen schon, welcher Freiheit in ihren inneren Angelegenheiten sich die Juden in Polen erfreuten. Die Natur der Sache macht es, daß diese Freiheit auch das intimste Gebiet der menschlichen Betätigung, dasjenige der Konfession, umfaßte. Und in der Tat besah der jüdische Glaube m aller Zeit eine vollkommene Entwicklungsfreiheit in polnischen Landen. Jene grausamen Dersvlgungen, denen die Juden in fast ganz Europa ausgefcht wurden, waren hier nicht einmal dem Nanwn nach bekannt, wiewohl das jüdische Element — im Gegensatz zu den polnischen Armeniern und Tataren — der gastfreundlichen Republik gegenüber in Momenten der ihr drohenden Gefahr eine nur ganz fragliche Loyalität bekundete. Ter milde polnische Volkscharakter fühlte Widerwillen gegen jedwede Gewaltanwendung. In Polen kam es me zu Judenpogromen,.und in den.Zeiten der ärgsten Reaktion des Katholizismus war die Judenhetze ein unschuldiges Spiel gegen jene grauenerregenden Grausamkeiten', di,e im Westen Europas gegen die Juden ins Werk gesetzt wurden. Nie ist in Polen jüdisches Blut vergossen worden, nie ist hier jüdische Habe ein Opfer der Plünderung geworden. Nie hat man die Juden aus den polnischen Städten vertrieben, um so weniger ist ihr Glaube verfolgt worden. Die jüdische Religion besah in Polen ihre blühendsten Zentren." Die an dieser Stelle mitgeteilten tatsächlichen Behauptungen sollen nicht bestritten werden; wohl aber muh darauf hingewiesen werden, daß hier wie aiDerwärts die gesetzliche Regelung und die Behandlung einer Klasse, Kaste oder Sekte, wie wir nun auch die Juden bezeichnen lnbgen, von Staats wegen etwas anderes ist als die Stimmung der Volksmassen. Was man vor dem Kriege und während des Krieges von dem Benehmen der Presse, von den Boykottbestrebungen, die sich gegen die Juden richteten, gehört hat, gewährte ein wesentlich anderes Bild von der Stellung der Juden in Polen als die gesetzlichen- Be-- 5) Adolf Hepner, „Polen und die Juden" in „Internationale Korrespondenz über Arbeiterbewegung, Sozialismus und auswärtige Politik". 3. Jahrgang Nr. 103, 30. März 1017. Seite 806 s. e) „Nord und Süd", 42. Jahrgang, Aprilhest. Herausgegeben von Ludwig Stein. Schlesische Buchdruckerei und Vvrlagsanstalt. 7) Anton Choloniewski, „Geist der Geschichte Polens" (folgt die Angabe der 13 Kapitel). Im Selbstverläge des Verfassers. Buchdruckerei des „Glos Narodu". 1917. 8) „Druck und Zeitungswesen in Grodno." Von Heinrich Eisemann, Landsturmmann. Separatdruck aus der Sondernummer der „Grodnoer Zeitung" vom 1. Dezember 1916. Mit drei Abbildungen. Nebst einem Anhang: „Tie älteste Ansicht von Grodno". Mit einer Abbildung. Grodno, 1916. Druck und Verlag der „Grodnoer Zeitung". stimmungen und das tatsächliche Verfahren, dessen hier gedacht wird. - Von einer anderen kleinen Schrift8) — der zu beachtende Teil umfaßt nur elf Seiten, — ficmm-t nur ein einziger Abschnitt in Betracht. Es ist das Kapitel „Der hebräische Druck in Grodno". Aber er ist trotz seiner Kürze von sehr großer Bedeutung. Zunächst wird darauf hingewiesen, daß die bedeutende, noch jetzt -bestehende Wiilnaer Druckerei ihren Ursprung in Grodno hat. Von der Tätigkeit dieser, der sogenannten Rommschen Druckerei 1788 bis etwa 1800, wird ausführlich gesprochen; von einem der wenigen in dieser Offizin hergestellten Druckwerke wird auch eine interessante Abbildung gegeben. Es isteine sehr lehrreiche und wichtige Zusammenstellung, von der umn gern Kenntnis nimmt. Für außerordentlich wichtig halte ich Schorrs- Untersuchung^). Die beiden Anhänge „Zur Bibliographie" und „Ausgowählte Beschlüsse der Judenland,tage" enthalten ein in Deutschland so gut lvie völlig unbekanntes Material. Im Hauptteil erörtert der Verfasser, der in der Einleitung von dem herrlichen Aufschwung der hebräischen Sprache und Literatur spricht, „von deren Zauber nunmehr auch die jüdische Jugend der westeuropäischen Länder immer weiter ergriffen, wird", zwei Problerne: 1. Welches loa reu. die Grundbedingungen, welche die Rechtstellung der Juden in Polen nach außen geschichtlich geschaffen haben? 2. Wie hat sich die innere Verfassung der polnischen Judenschuft im Rahmen und kraft jener Grundbedingungen gestaltet und entwickelt? In dem ersten, kürzeren Teil wird daraus hingewiesen, daß. Leibzoll und äußere entehrende Abzeichen für die Juden in Polen niemals gebräuchlich waren, und daß König, Adel, Geistlichkeit und Bürgerschaft die vier Acüchle lvaren, aus denen sich die rechtliche Stellung der Juden herleitete. Ter zweite, weit ausführlichere Teil, der auf frühere Arbeiten des Verfassers sowie auf die Veröffentlichungen von Balaban und Dubnow Bezug nimmt, hat zur Ausgabe, die innere Verfassung darzustellen. Die einzelnen Gemeinden mit ihren wirtschaftlichen Aufgaben, der finanziellen Administration, der Gerichtsbarkeit, den philanthropischen Aufgaben und der Erziehung werden geschildert und die Bildung dieser Verfassung historisch entwickelt. In diesem Abschnitt geht der Verfasser chronologisch vor und erörtert die staatlichen Zentralisationsversuche, das Generalseniyrat bis zur ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, sodann die autonome Zentralverwaltung 1582 bis 1764, woran sich dann interessante Mitteilungen über die Wirksamkeit des Judenlandtages anschliehen und Aussichten für die Zukunft angedeutet werden. Die Schrift ist allerdings nach der deutschen Okkupation- Polens abgefaßt, aber vor der Revolution m Rußland geschrieben, so daß der Verfasser sich damit zunächst bescheidenmuß, daß die Konsequenzen dieser Bewegung heute noch unübersehbar sind. Auf die Gegenwart eingestellt ist -die Kaplun-Kogamche Schrift^), ein Abdruck aus der „Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden" 1915/1916, vonder schon im anderen Zusammenhänge die Rede war, so daß es nur nötig ist, kurz darauf hinzuweisen. G. Gotheins Schrift") ist eine allgemein, politische Darlegung. Sie würde in diesen Blätternschon deshalb erwähnt werden müssen, weil alles, was dieser treffliche Vorkämpfer gegen den Antisemitismus schreibt, unsere Beachtung verdient, sie muh aber deswegen besonders hervorgehobenwerden-, weil ein kurzes, allerdings nur wenige Seiten umfassendes Kapitel den- Inden irr Polen gewidmet ist. In diesem wird dargeta-u, daß nur ein kleiner Teil der in Polen lebenden Juden nurfüdj als Polen bezeichnet lverden darf, daß der Bildungsgrad der Massen ein sehr niedriger ist, daß das Streben der meisten auf Anerkennung der jüdischen Nationalität geht, daß aber mit einer solchen Anerkennung die Sache nicht abgetan sei, sondern daß lvirtschastliche und soziale Probleme schwerster Art hier Al lösen feien. Gothein steht im Gegensatz zu manchen jüdischen Beurteil-evu auf dem Standpunkt-, daß es möglich fein dürste, die Juden Polens Zll Handwerkern und Ackerbauern zu erziehen. Und man muß sagen, daß dies die beste, ja, lvie uns scheint, einzige Lösung des schwierigen Problenis seinsollte. 9) „Rechtstellung und innere Verfassung der Juden in Polen." Ein geschichtlicher Rundblick von Dr. Joseph Schorf a. o. Univerfitätsprofessor in Lemberg. 1917. R. Löwitt Verlag, Berlin und Wien. 10) Wlad. W. Kaplun-Kvgan. „Die jüdische Sprach- und Kulturgemeinschaft in Polen." Eine statistische Stlldie. Verfaßt im Aufträge des Komitees für den Osten. R. Löwitt Verlag, Berlin und Wien. 1917. ") Georg Gothein, Mitglied des Reichstages: „Das selbständige Polen als Nationalitätenstaat". Stllttgart und Berlin, Deutsche Verlagsanstalt. 1917.