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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-07-05 · Heft 27 (5.7.1918) · p. Seite 320

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 27 (5.7.1918)
Date
1918-07-05
Page
Seite 320 (sequence 8)
Language
German
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m Ilms Dasein ist vieles eingebüßt worden, von dem Vertrauen von ehedem, wo man jedem, der sich als bedürstig bezeichnete, unbedingt vertrauen durfte. Heute ist es, schon des wirklich Dedürftigen wegen, erforderlich, durch Prüfung zu ermitteln, ob kein Mißbrauch mit der Wohltat beziehungsweise mit dem Anspruch auf diese getrieben wird, auf daß nicht der Unschuldige mit dem Schuldigen leide, indem der letztere das Vertrauen des Gebefreudigen mißbraucht und sich so gegen Treu und Glauben und damit gegen seinen Nächsten, den wirklich Bedürftigen, versündigt. Jüdische Wohltätigkeit wird bestehen, solange es Menschen geben wird, die ihrer bedürfen, des bin ich gewiß, aber immer mehr wird sie sich zu einer wirklichen Hilfstätigkeit gestalten müssen, indem sie die Spreu von dem Weizen sondert, denn nur dann kann man wirklich helfen. So wird in neuen Formen alter und bewährter jüdischer Wohltätigkeitssinn erstarken, indem sie zu dem Empfinden, auch auf dem humanitären Gebiete, das Denken gesellt, wie es die moderne Armenpflege im Interesse der wirklich Notleidenden gebieterisch verlangt. Jüdische Wohltätigkeit wird sich immer der wirklich Bedürftigen annehmen, d. h. besonders derjenigen, welche nicht durch eigenes Verschulden in Not geraten sind, aber sie wird sich auch bemühen, durch ihre Hilfe den Gestrauchelten der menschlichen Gesellschaft wiederzugeben. Gerade die moderne Wohltätigkeit macht es sich zum Grundsatz, nicht nur zu geben, sondern wirklich zu helfen. Hierzu gehört auch ein gewisser erzieherischer Einfluß, den man auf den Bedürftigen ausüben muß, wodurch auch Treu und Glauben erneut gestärkt und zur früheren Bedeutung gelangen wird. Der Notleidende und seelisch Bedrückte muß empfinden, daß man ihm Helsen will, daß man es mit ihm gut meint. Der Gebende und der Empfangende müssen Vertrauen zueinander gewinnen. Dann wird nicht untergehen der alte sprichwörtliche Wohltätigkeitssinn in Israel: zum Segen für den Bedrängten, zum Heile für den Helfenden. Literarische Äeberlicht. Von Ludwig Geiger. III. Juden und Deutsch e. O stj ü d i s ch e s. Zionistisches. Unter dieser Gesamtüberschrist stelleäch Schriften verschiedener Art zusammen, die, so getrennt sie auch zu sein scheinen, doch einen Zusammenhang dadurch unter sich haben, daß sie alle das Problem des Judentums in seiner Stellung zum Westen lind zum Osten behandeln. Ros-enthal4) druckt einen Bortrag ab aus dem Jahre 1894; eine besondere Notwendigkeit dazu scheint mir nicht vorhanden zu sein. Der Bortrag nimmt Stellung gegen den Borwurs der Verhetzung, den man den Juden gemacht hat, und weist auf manche Aehnlichkeiten zwischen dein Schicksal der Deutschen und der Juden und deren Wesen hin. Es sind ernste, nicht sonderlich originelle Betrachtungen, die man gern liest, ohne daß man die Auswärmung solcher schon oft gesagten Darlegungen sonderlich gutzuheißen vermag. Tiefer saßt Pciefes^) das Problem. Er legt die Deutfchsreundlichkeit der' Juden des Ostens und Westens dar und stellt die Dienste zusammen, die von den Juden den Deutschen geleistet. worden. Diese Germanophilie sieht er begründet in seelischen Motiven, in der Bevorzugung des Inhalts vor der Form. Die Begabung der Juden erblickt er in der Lyrik, wobei er sich zu dem sonderbaren Satz versteigt: „Das einzige poetische Genie, das das Judentum hervorbrachte, war der Lyriker Heine." Er leugnet die theatralische Begabung der Juden, wofür ihm die Herren Blumenthal, Kadelburg, Schnitzler, Fulda und so viele andere nicht dankbar sein werden. Auch sonst kommt er zu den merkwürdigsten Behauptungen. Ein Satz wie der S. 15: „Der neuzeitliche Jude ist als Umstürzler immer Anhänger einer anti- *) L. A. Rosenthal, „Deutsche und Juden" in „Jüdisches Literaturblatt" Band 37, 3. Heft, Seite 1—10. -) Matthias Mieses, „Germanen und Juden". 1617. N. Löwftt Verlag, Wien und Berlin. individualistischen Bewegung, kollektivistischer Träume, sozialistischer Reformator, demokratischer Agitator", ist, ganz abgesehen davon, daß er höchst gefährlich ist, meiner Ueberzeugung nach vollkommen, unrichtig. Aehnlichkeiten zwischen Juden und Deutschen findet der Verfasser in dem Subjektivismus, auch in Aeußerlichkeiten der Schrift und Sprache. Er stellt Aussprüche deutscher Schriftsteller über Juden und Palästina zusammen, wobei ihm freilich der Irrtum unterläuft, daß er Musterungen einer Person in den „Räubern" als Meinung Schillers ansieht (S. 28), steht in der Hochhaltung der Bibel.durch die Deutschen eine „seelische Affinität", stellt dann freilich zum Schluß feindselige Sätze einzelner deutscher Schriftsteller gegen die Juden zusammen, entläßt aber den Leser mit der tröstenden allgemeinen Bemerkung: „Der im Antisemitismus modernisierte cmtijüdische Religionshaß hat im deutschen Leben der jüngsten Zeit, auch beiden anderen Konfessionen Deutschlands, seine Analoga. Das beliebte rasfentheoretische Beiwerk, das dem Judenhaß angehängt wird, schafft keine wesentlichen- Differenzen." Die ganze fleißige, wenn auch nicht gerade ans ersten Quellen geschöpfte Schrift macht den Eindruck einer etwas ungeordneten Materialiensammlung, die gründlicher hätte bearbeitet werden sollen; mit ihrer Gesinnung! jedoch darf man sich Im ganzen einverstanden erklären. . . Gehen die beiden bisher besprochenen Schriften nur ganz gelegentlich auf den Krieg ein, die erste, zw-auzig Jahre vor dem Krieg geschrieben, nur in einigen später hinzugefügten Anmerkungen, so beschäftigt sich Bernstein3) durchaus mit dem Kriege. Die Aufgabe der Juden erblickt er in der Vermittlerrolle Wischen den Völkern. Diese Rolle scheint ihm begründet durch den welt-bürgerlichen Patriotismus, zwei Worte, die, wie ich meine, einen inneren Widerspruch enthalten, und in dem „inneren Zusammenhang der sozialen Befreiungsbewegung unserer Zeit mit den Bewegungen für die allseitige Durchführung des Gedankens der Verbundenheit der Völker in der Gegenwart". Leider erklärt sich der sonst scharfblickende Verfasser für den Zionismus, und zwar erstens wegen seiner idealen Tendenzen, zweitens, weil Bernstein das restlose Aufgehen der Juden in ihre Wirtsvölker nicht anerkennen will oder als unendlich schwierig betrachtet. Die ganze, trefflich geschriebene Schrift gibt viel zu denken; ihr Hauptfehler liegt darin, daß sie es mit dem Aufsatz einer amerikanischen Zeitschrift zu tun hat, der nur den wenigsten Lesern bekannt sein dürfte. Aus diesem Aussatz führt er die folgende Stelle an: „Wem verdanken wir die stille Vorliebe, zu der die meisten von uns sich für das Deutschland der vorbismarckischen Periode bekennen würden? Es ist angebracht, von- Kant, Goethe und Beethoven zu reden. Aber wir haben den Verdacht, daß es tatsächlich die Spöttereien- und Scherze, die Empfindungsweise und das Heimweh des Exilierten Heine sind, nach denen die meisten von uns sich ihr geistiges Bild vom romantischen Deutschland zurechtgemacht haben. Ter erste Jude in der europäischen Literatur, der es wagte, er selbst zu sein, entdeckte er die- Idee Deutschlands, wo andere nur versucht hatten, Deutsche zu sein", eine Stelle, mit der. er zu sympathisieren scheint. Aber ich halte diese Auseinandersetzung für gründlich verkehrt: es wäre ein schlimmes Zeugnis für das Teutschttun der deutschen Juden, wenn es wirklich erst durch Heine in die Welt gekommen wäre; Ri-eßer zum Beispiel, der sich als Deutscher bekannte lange vor den Darlegungen und Spöttereien Heines, dürfte doch iveit mehr Quelle für das deutsche Einpstnden der Juden früherer unid späterer Generationen gewesen sein. Doch enthält Bernsteins Arbeit Anregungen mancherlei Art, die wir nicht verkennen wollen. Die Schrift eines Schweden4), die verschiedene zum Teil in keinem innerlichen Zusammenhänge stehende Aufsätze vereinigt, handelt, während die meisten dieser Abhandlungen gar nicht oder sehr wenig über Inden sprechen, in einem ausführlichen Beitrag „Die Juden in Warschau" und in einem Weiten „Die Zukunft der Ostjuden-" au§* 3schließlich von Juden. Ter -erstere gibt Bilder des geistigen und materiellen Elends, spricht über das Strahenleben, den Schachergeist, die Schulen, den Chasstdisnms, jüdische Sänger und Theater. Es sind Bilder, entworfen nicht -von einem neugierigen, teilnahmslosen, sondern aufmerksamen Betrachter, der Mitleid mit dem- Gesehenen empfindet und von dem guten Willen beseelt ist, zur Abstellung der Mißstände beizutragen. Die Absicht des zweiten Aufsatzes ist mir nicht ganz klar geworden; eine Assimilation der Juden in Polen erscheint 3) „Die Aufgaben der Juden im Weltkriege." Von Eduard Bernstein, M. d. R. Berlin. Erich Reiß, Verlag. 1917. 4) „Deutschland und Polen". Don Frederik Böök. Berechtigte Nebersetzung aus dem Schwedischen von Friedrich Stieve. F. Bruckmann A.-G., München. 1617.

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