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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-07-05 · Heft 27 (5.7.1918) · p. Seite 319

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 27 (5.7.1918)
Date
1918-07-05
Page
Seite 319 (sequence 7)
Language
German
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319 und bilden den Anfang eines Weges, der ihn allmählich aus die Fleischkost gänzlich verzichten lehrt unh ihn zu seiner ursprünglichen, gottgewollten, absoluten vegetarischen Lebensweise zurücksührt. Auch sei der Vegetarismus ein Bestandteil der späteren prophetischen Messtaskehre. Man darf die Thesen, die Herr Dr. Gelles in seinem Artikel aufstellt, wohl bezweifeln und fragen: Ist der Vegetarismus wirklich ein biblische Ideal? Wir glauben es nicht, und zwar aus folgenden Gründen: Die biblische Darstellung im ersten Buche Moses will den allmählichen Kulturfortschritt innerhalb des Menschengeschlechtes schildern. Darum läßt sie die Menschen im Urzustände sich mit der bloßen Pflanzenkost begnügen, während die nachfintslutliche Menschheit, die bereits eine höhere Kulturstufe erreicht hat, auch schon zur tierischen Nahrung übergeht. Im Gegensatz zu 1. M. 1,29 heißt es 9,3: „Alles Lebendige sei euch zur Speise; wie das grüne Kraut habe ich euch alles gegeben." Der Fleischgenuß ist demnach in Wirklichkeit nicht Entartung, sondern Fortschritt. Auch die moderne Wissenschaft hat den Nachweis geführt, daß Völker, die dem Fleischgenuß entsagten, in ihrer Kulturentwickelung zurückgeblieben sind und die Fähigkeit zu einer tatkräftigen Mitarbeit an den gemeinsamen Ausgaben der Kulturwelt einbüßten. Es ist auch weder in der biblischen noch in der späteren Zeit jemals auf eine Verwirklichung vegetarischer Grundsätze im Judentum hingearbeitet worden. Lediglich der Genuß des Tierblutes war verboten, weil man im Blute die Seele des Tieres erblickte, das Wesentliche des tierischen Lebens, gleichsam das Tier an sich. Es vertrug sich aber nicht mit der Würde des Menschen, der im Ebenbilde Gottes geschaffen war, die Seele des Tieres sich gleichsam einzuverleiben, aber das Fleisch, die Hülle der Tierseele, war zum Genuß gestattet. Die Speisegesetze, auf Grund deren auch das Fleisch gewisser Tierarten verboten war, bezweckten nicht einmal die Förderung der Mäßigkeit oder der Selbstbeherrschung, sondern beruhten auf der Anschauung, daß gewisse aus irgendwelchen Gründen Abscheu und Ekel erregende Tiere, wenn sie gegessen werden, den Menschen innerlich verunreinigen, entweihen und entwürdigen. Nach der jüdischen Anschauungsweise ist es eben nicht gleichgültig, was in den Mund hineingeht. Von einem Bestreben, den Fleischgenuß allmählich vollkommen auszuschalten, ist bei alledem nichts zu merken. Wer sich besonderer Enthaltsamkeit befleißigen wollte, wie z. B. der Nasiräer, der enthielt sich des Weines, aber nicht des Fleischessens. Der Fleischgenuß galt bei den Juden immer als das Zeichen einer gehobenen Lebensführung und durfte ebensowenig wie Fisch bei der Sabbatmahlzeit fehlen. Wie der jüdische Volksglaube es sich dachte, lebten nicht einmal die Frommen im Paradiese als strenge Vegetarier, sondern ergötzten sich an einem Stück des köstlichen Leviathanfisches. Was nun den Propheten Jesaja betrifft, so hat er bei der Schilderung der messianischen Zeit und ihres Gottesfriedens wohl auch nicht an die vegetarische Lebensweise des Zukunstsmenschen gedacht, wenn er im Geiste den Löwen Stroh fressen sah. Dieser strohfressende Löwe ist dem im Bilde sprechenden Propheten nur ein Symbol der sanfteren Gemütsart, die alle Wesen in dem zukünftigen goldenen Zeitalter beherrschen wird. Aus der bildlichen Ausdrucksweise des Propheten aber zu folgern, daß er von der Zukunft auch die vegetarische Lebensweise des Menschen erhofft, heißt: in das Bibelwort den eigenen Lieblingsgedanken hineinzudeuten. Ich kann mir auch eine fleischfressende Menschheit von sanfter Gemütsart vorstellen. Will man überhaupt den reinen Geistesmenschen aufzüchten, so wird man uns lehren müssen, aller Leibeskost zu entsagen und ein engelgleiches Leben zu führen. Auch die andere Stelle im Buche Jesaja: ,-Wer einen Ochsen schlachtet, erschlägt einen Menschen", ist von Herrn Dr. Gelles so interpretiert worden, daß sie in seinen Gedankengang hineinpaßt. Im Kontext aber haben die Worte einen ganz anderen Sinn. Darf man dem Propheten eine solche Anschauung überhaupt zumuten, daß „Tierschlachten" und „Menschen morden" in einem ursächlichen Zusammenhänge miteinander stehen, und was sagt die ehrwürdige Zunft der Schächter zu einer derartigm Schriftdeutung? Der Prophet schildert tatsächlich jene Afterfrömmigkeit, die den äußeren Kultus streng beobachtet und Opfertiere in den Tempel bringt —- „den Ochsen schlachtet" —, aber vor Schandtaten gegen die menschliche Gesellschaft nicht zurückschreüt — „den Menschen erschlägt" — (vgl. Samson Rafael Hirsch, Ges. Schriften, Bd. 2, S. 251, und Raschi zur Stelle). Weder Mose noch die Propheten stützen die Behauptung, daß die geistige Höherbildung des Menschengeschlechts nur durch die Rückkehr zum absoluten Vegetarismus zu erzielen sei. Der menschliche Organismus ist für die Aufnahme animalischer und vegetabilischer Nahrungsstosse eingerichtet. Sv hat uns die Natur selbst den Weg gezeigt, den wir gehen sollen, und mit Recht empfehlen die Aerzte, wenn sie nicht selbst gerade den vegetarischen Standpunkt vertreten, die gemischte Ernährungsweise. Man braucht aus der gegenwärtigen Fleischnot, die uns zu einer mehr oder minder vegetarischen Lebensweise zwingt, keine Tugend machen, indem man den Vegetarismus zu verherrlichen beginnt und ihn gar in der Bibel „konsequent durchgeführt" findet. Wir wollen vielmehr hoffen, daß wir bald wieder zu normalen Zuständen zurückkehren, die uns gestatten, öfter, als uns dies heute möglich ist, Leib und Seele durch ein nahrhaftes Fleischgericht zu kräftigen. Treu und Glauben suk dem Loden der Milchen Wohltätigkeit. Bon Bureauvorsteher N a t h a n C o h n (Charlottenburg). uf keinem Gebiete wurde „Treu und Glauben" so hoch gehalten und bewertet als auf dem der jüdischen Wohltätigkeit. Von welch überquellender Menschenliebe zeugen die Worte in der Einleitung der Pessach-HaggaÜah, in dem „Ho Iachmo anjo": „Es komme jeder Hungrige und Dürftige und esse mit!" Welche Menschenfreundlichkeit spricht aus ihnen, welches Vertrauen offenbart sich in dieser Aufforderung an alle, die es angeht. An einen Mißbrauch dachte niemand. Dieser Zug wahrer und aufrichtiger Nächstenliebe ging durch die Jahrhunderte und hat sich immer wieder aufs neue bestätigt. (Ich verweise auf den umfassenden und lehrreichen Artikel des Herrn Sanitätsrat Dr. Feilchenseld „Jüdische Wohltätigkeit" in Nummer 1 des „Gemeindeblattes" von 1918.) Ter schönste Schmuck der Sabbat- und der Festtafel war der arme Gast, den man trotz seiner Dürftigkeit hochschätzte und dementsprechend behandelte, in Ausübung des Thoragebotes: „Und du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst." Auch in der neuen Zeit ist dieser jüdische Wohltätigkeitssinn, der unser schönstes Erbteil ist, nicht geschwunden, doch hat er notgedrungen andere Formen annehmen müssen. In dem schweren sozialen Ringen ist leider manches von dem „Treu und Glauben", auf das wir immer stolz sein konnten, verlorengegangen. Nicht immer sind die Menschen daran schuld, sondern die vielfach anders gewordenen Verhältnisse. Der Wohltätigkeitssinn, der uns, Gott sei Dank, tief eingewurzelt ist, mußte in andere Bahnen gelenkt, die Wohltätigkeit, auch die jüdische, organisiert werden. Durch die veränderten wirtschaftlichen Verhältnisse und in dem Kampfe

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