Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 27 (5.7.1918)
- Date
- 1918-07-05
- Page
- Seite 318 (sequence 6)
- Language
- German
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318 strebte ihm nach, liebte er die Menschen und führte sie mild und sanftmütig zur Gotteslehre hin. Sein kindlich-reines Gemüt kannte keinen Argwohn und kein Mißtrauen, und keine Enttäuschung vermochte sein unbegrenztes Vertrauen zu den Menschen und seinen Glauben an die Macht des Guten zu erschüttern. Wohl mag es in seiner Seele manches nicht ganz Ausgeglichene gegeben haben, wohl vermißten manche seiner Freunde in seinem religiösen Verhalten zuweilen den vollen Einklang zwischen Theorie und Praxis, aber die Lauterkeit seines Charakters, die Treue seiner Gesinnung und die Freundlichkeit seiner Sitten spiegelten sich so anmutend in seinem Antlitz wieder und prägten sich so herzgewinnend in seinen Worten und Handlungen aus, daß man auch den scheinbaren Mangel an Folgerichtigkeit nur als Ausstrahlung seines versöhnlichen Wesens ansehen konnte. Und etwas Versöhnendes liegt bei aller Schwere des Verlustes, den die deutsche Judenheit durch seinen vorzeitigen Heimgang erlitten hat, in dem Gedanken, daß an seiner Bahre die Vertreter aller Richtungen im deutschen Judentum sich zu gemeinsamer Trauer und zu einmütigem Danke für den unermeßlich reichen, unzerstörbaren Lebensinhalt des Verewigten zusammenschlossen. Es wird die schönste und pietätvollste Ehrung Coßmann Werners sein, wenn die deutsche Judenheit hinfort sich ihrer gemeinsamen Aufgaben mehr als bisher bewußt wird und das Band der Zusammengehörigkeit, das alle Bekenner der jüdischen Religion umschließt, noch fester knüpft. Seine Verwandten und Freunde aber und vor allen seine Gattin, die ihm die treueste Gefährtin und Helferin gewesen, mögen in der dankbaren Erinnerung an die empfangene Liebe Trost finden! Vegetarismus und Mbel. Von Dr. med. Rainer (Wiesbaden), z. Z. Kopenhagen. nter dieser Ueberschrift veröffentlicht Dr. Gelles (Lissa) in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" Nr. 22, 1918, Ansichten, welche vom hygienisch-medizinischen, aber auch ganz besonders vom jüdisch-wissenschaftlichen Standpunkte aus zur sachlichen Entgegnung geradezu herausfordern. Als einer, der mehr als hundert Arbeiten über biblischtalmudische Hygiene publizierte, darf ich wohl das Wort zu obigem Thema kurz ergreifen. . Es ist ja richtig, daß der erste Mensch — }12?snn D*1S — nur vegetarisch nach biblischem Gebot (Genes. 1,29): - ."62S1? '121 32W v2 ns 22v vma nw - sich ernähren mußte. Unsere Weisen im Traktat Synhedrin 59 a erklären ja auch ausdrücklich: n*7"2Sv 120 1*? "MIN S1? pirsnn QIS „Adam war es nicht erlaubt, Fleisch zu essen", und daß erst den Kindern Noahs der Fleischgenuß gestattet wurde: 2(7*7 -rnn ma ’33 1S32721 - nach dem Bibeloers: (Genes/ IX 2—3) n*72S*? nW’ D2*? pSH nw *?2 bl! '121 D2S11D1 Der tiefere hygienische Sinn dieser Vorschriften ist aber folgender: Solange der Mensch sich im Urzustände als Waldinensch und Nomade (vgl. Genes. IV, 2 nm *?2m) befand, da war für ihn,, der stets mit den Elementarkräften hart kämpfen mußte, die Kohlehydratnahrung (vegetabilische Ernährung) die rationellste, weil ja bekanntlich nach physiologischemGesetz schwere Mnskelanstrengung bei der Arbeitsleistung Kohlensäureausscheidung durch, den Muskel bedinge, also dazu der Kohlehydrate bedürfe, dagegen des Eiweißes entbehren könne. Es ist ja noch jetzt eine allgeinein bekannte Tatsache, daß Bergsteiger, Schwerarbeiter vorzugsweise Kohlehydrate (Brot, Fett, Zucker, Alkohol) zu sich nehmen. Sobald aber die Menschen seßhafter wurden. Niederlassungen, Städte zu begründen anfingen — was erst richtig mit Noah begonnen hatte (vgl. Genes. IX, 20: „Noah, der Ackerbauer, pflanzte einen Weinberg"), da war für sie die gemischte — aus Fleisch und Vegetavilien bestehende — Nahrung die rationellste. Daher heißt es auch (Genes, ibiä.): n^S*? .TiT* tab 'N SW “UPS ®Ö*T *?2 2tPP pT2 das heißt, ihr sollt Tierfleisch ebenso wie Grünes oder — was dasselbe — zugleich mit Gemüse essen, gemischt euch ernähren. Und schon bei den Kindern Noahs (Genes, idiä., Vers 4—5) beginnen die hygienischen Speisevorschriften für die tierische Nahrung: 1. Kein Tierblut genieße; 2. kein Fleisch von noch lebendem Tiere gebrauche. (Vgl. Traktat Synhedrin 59a W.1 p 13S.-11 12>S32 120 “[S-> Die späteren biblischen Speisegesetze bezwecken auch nur, mit den Fortschritten der Kultur weitere Schädigung durch tierische Nahrung fernzuhalten. Also nicht etwa — wie Herr Dr. Gelles folgern zu müssen glaubt — Rückkehr zum Vegetarismus, der sich nur für den Urzustand eignete! Nein! Gerade das Gegenteil! Die gemischte, vorzugsweise tierische Ernährung soll dadurch nur geregelt, gesundheitlich bekömmlicher werden. Jever, der sich in die biblischen Speisevorschriften vertieft, kann nur diesen Sinn und keinen anderen darin finden. Es ist hier nicht der Platz, die großartige, das Staunen der Hygieniker aller Zeiten erregende, altjüdische NahrungSmittelhhgiene zu behandeln. Ich habe in zahlreichen Arbeiten in der „Hygienischen Rundschau" (vgl. z. B. meine Abhandlungen „Ueber das Verbot, Fleisch und Milch zusammen zu genießen^, usw." das. 1912 oder „Soziale und hygienische Fürsorge im altjüdischen Staate", das. 1911, und vieles andere daselbst 1909 bis 1918) und vielfach anderwärts (vgl. z. B. „Fortschritte der Medizin" 1915—1918 usw.) wiederholt dies hervorgehoben — und stehe im Begriffe, ein größeres Spezialwerk darüber zu publizieren. Diese generellen Vorschriften haben ihre eminent hygienische Bedeutung süralleZeiten behalten — ihre G ü l - tigkeit ist auch für die Gegenwart von Nutzen — und sind nicht, — wie ein Pseudophilosoph zu behaupten sich jüngst erdreistete, — durch moderne polizeiliche Maßregeln überflüssig. geworden. Vielmehr sind sie es, welche das jüdische Volk vor Degeneration, vor völligem Untergang im Laufe der Jahrtausende bewahrten und auch fürderhin bewahren werden. Aber nicht Rückkehr zum Vegetarismus — zum Urzustand — wollen sie predigen! Nein! Sie befürworten die gemischte Nahrung, wie dies die exakte, moderne Forschung verlangt. Dies muß auch die Ansicht jedes gründlichen Bibel- und Talmudkenners sein. Zum Schluß sei noch unter zahlreichen anderen Aussprüchen auf anerkannteste im Talmud hingewiesen, z. B.: nnvDI sjrr ‘m sinra und -1V22 bx nnarc 1'S -pna S1121 S1272i?ri?! m Von Dr. Grünthal (Charlottenburg). Von der Erlaubnis der löblichen Redaktion, zu dem Aufsatz des Herrn Dr. Gelles in Nr. 22 der „Allgemeinen Zeitung des Judentums": „Der Vegetarismus und die Bibel" eine Meinung zu äußern, möchte ich Gebrauch machen und den in dem besagten Artikel niedergelegten Anschauungen einiges entgegenhalten. Der Verfasser tritt für den Vegetarismus in die Schranke» und ist bestrebt, ihn als ein biblisches Ideal zu erweisen. I» den mosaischen Gesetzbüchern sei der Fleischgenuß zwar gestattet, aber beschränkt durch die Speisegesetze. Diese seien ein Mittel, um den Menschen zur Selbstbeherrschung zu erziehen,