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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-06-28 · Heft 26 (28.6.1918) · p. Seite 311

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 26 (28.6.1918)
Date
1918-06-28
Page
Seite 311 (sequence 11)
Language
German
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311 „Wie oft habe ich dich schon gebeten, Alice, mich nicht in dieser stürmischen Art zu überfallen. Es wäre für dich nachgerade an der Zeit zu lernen, ein wenig Rücksicht auf. deine leidende Mutter zu nehmen, deren Nerven doch ..." „Mutter, es tut mir aufrichtig leid, daß du wieder Schmerzen hast", fiel ihr das Mädchen beschämt ins Wort. „Und gerade heute ist der Anfall besonders heftig", fuhr Frau Mahlow ein wenig freundlicher fort, „so daß ich schon so zeitig nach Dr. Jarvis schicken mußte." „Er war fast zwei Stunden hier!" Der Ausruf war der Tochter unwillkürlich entschlüpft, den sie bald zu bereuen Ursache Hatte. Das kalte Gesicht der älteren Frau wurde steinhart und ihre Stimme klang messerscharf, als sie sprach: „Alice, ich mache dich darauf aufmerksam, daß das Kommen und Gehen meiner Besucher nicht deiner Aufsicht unterliegt und daß ich meine ärztlichen Ratgeber empfangen kann, wann und wie lange es mir beliebt." „Gewiß, Mutter", sagt« Alice, ihr bißchen Mut gleichsam mit beiden Händen festhaltend. „Gewiß steht dir dieses Recht unbestreitbar zu. Ich wollte auch nur bemerken, daß Dr. Jarvis gar zu oft zu dir kommt, ohne daß sich in deinem Leiden auch nur die geringste Besserung zeigt. Sollte es da nicht angebracht sein, einen Spezialarzt zu befragen, oder dich lieber von unserem alten Hausarzt, Dr. Michelsohn, behandeln zu lassen, der doch deine Natur und die Art deines Leidens schon seit Jahren kennt?" Frau Mahlow schüttelte abwehrend den modern frisierten Kopf. „Dr. Jarvis gibt sich die größte Mühe und tut alles, was in meiner Lage nur getan werden kann. Allerdings kann er nicht im Handumdrehen das wieder gut machen, was andere jahrelang verpfuscht haben. Ich habe zu ihm und zu seiner Wissenschaft das größte Vertrauen." „Andere teilen dieses Vertrauen nicht, und kein einziger unserer Bekannten nimmt seine Hilfe in Anspruch." „Das ist ein ungerechtfertigtes Vorurteil, gegen das er, wie er mir oft schon geklagt, nur sehr schwer ankämpfen kann!" Zornig und leidenschaftlich kamen diese Worte aus ihrem Munde, und sie schien ihr Nervenleiden vollständig vergessen zu haben. „Kein Mensch vermag ihm etwas Nachteiliges nachzusagen." „Entschuldige, Mutter! Man sagt ihm sogar sehr viel nach." „Wirklich? Was denn eigentlich?" rief die Mutter voller Hohn. „Daß er seine Tätigkeit in seinem früheren Wohnort aufzugeben gezwungen und nahe daran war, auch sein ärztliches Diplom zu verlieren." „Er soll!" rief die Mutter und warf der Tochter einen funkelnden Blick zu. „Und meine wohlerzogene Tochter schämt sich nicht, einem solchen albernen, grundlosen Klatsch ihr Ohr zu leihen! Wirklich, ich kann aus meine älteste Tochter sehr stolz sein!" Die herzlosen Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. Einen Augenblick fühlte sich das Mädchen wie zu Boden geschlagen, während die Farbe auf ihrem Gesichte schnell wechselte, doch gewann sie chr Gleichgewicht so weit wieder, daß sie ihrer Stimme einen festen Klang geben konnte, als sie sprach: „Mutter, ich bin lein Kind mehr und falsche Bescheidenheit habe ich nie als eine Tugend betrachtet. Nicht durch müßige Neugier oder Klatschsucht haben diese Gerüchte für mich Interesse, sondern weil ich berechtigt zu sein glaube, etwas Näheres über den Mann zu erfahren,idem unbeschränktes Vertrauen von jemand, entgegengebracht wird, der meinem Herzen am nächsten steht." . „Dafür bin'ich dir sehr dankbar", erwiderte Frau Mahlow, mit einer Stimme, die zwar etwas milder klang, aus t>et aber der frühere Hohn noch nicht ganz geschwunden war. „Da du aber alles getan, was deine kindliche Pflicht und Fürsorge dir gebieten, bitte ich dich, fortan es mir selbst zu überlassen, meine Angelegenheiten ohne deine Ratschläge zu ordnen." Won dem Gefühl gänzlicher Hilflosigkeit überwältigt, schlug Alice die Augen nieder. Wiederum fühlte sie sich besiegt, und im kritischen Augenblick mußte sie die Waffen strecken. Ihre Absicht war es gewesen, eine Aussprache mit ihrer Mutter herbeizusühren und sie zu veranlassen, den Verkehr mit dem etwas anrüchigen Dr. Jarvis abzubrechen, oder aber durch eine offene Frage sich zu vergewissern, ob die trüben Ahnungen gerechtfertigt »raren, die sich durch diesen mehr als fteundschaftlichen Verkehr in ihr Herz eingeschlichen. Aber wieder erkannte sie das Vergebliche ihrer Bemühungen, und der Zweifel und die Angst gruben den spitzen Stachel nur noch tiefer in ihre Seele ein. Offen und ehrlich wollte sie die Mutter fragen, ob sie in Dr. Jarvis ihren zukünftigen Stiefvater zu sehen habe, der nicht nur einer anderen Glaubensgemeinschaft angehört, sondern auch allgemein als ein Abenteurer und Hochstapler bezeichnet wurde. Vielleicht hätte sie sich freier gefühlt, wenn sie gewußt, daß eine Entscheidung zwischen ihrer Mutter und Dr. Jarvis bereits gefallen, daß sie es dann mit einer feststehenden Tatsache zu tun hätte, mit der sie sich wohl oder übel abfinden müßte. Mer sie erkannte das Törichte, ihre Mutter über etwas zu befragen, wenn deren stahlharte und kalte Augen sie durchdringend anblickten. Nein, nein! Dieser Aufgabe war sie nicht gewachsen. Sie mußte daher weiter im finstern herumtappen und der Sache ihren Lauf lassen. Geschlagen und besiegt schickte üe sich an, das Schlachtfeld zu räumen, als sie von der Mutter zurückgchalten wurde. „Noch einen Augenblick, Alice." Mce gehorchte schweigend. „Deine kindliche Aufmerksamkeit, von der du mir eben einen so schönen Beweis gegeben, soll auch bald den gebührenden Lohn finden, indem ich auch dir meine mütterliche Fürsorge an gedeihen lasse." (Fortsetzung folgt.) Mitzellr. Jüdisches in den alten französischen Historikern. Villehardouin, 1150—1213, berichtet im Kap. 78 seiner Conquete de Constantinople, daß zu. seiner Zeit, als die Kreuzfahrer Konstantinopel vorübergehend erobert hatten, dort leine große Judenstadt vorhanden war, wo die Ritter Qnartier machten. „La Juerie que Fon apele TEstonor, oü il avoit mult bone vile et mult liehe/' Juerie würde heute Juiverie lauten, Judenstadt. Estonor, oder richtiger Steno r, war der Vorort von Pera am Turm von Galata. Joinville, der anmutige Meister der L’histoire de St. Louis, Kap. 10, läßt den König, welcher auch ihm ein absolutes Ideal von Heiligkeit und Ritterlichkeit war, wie ihn denn nachmals (anno 1423) Donatellv geradezu als stgnorilen Kirchenfürst, als Prete-Re, dargestellt hat, von einer vesputasion zwischen Klerikern und Juden im durch Dichtung, Scholastik wie Reform gleich ausgezeichneten Kloster Cluny folgendes erzählen: Jni Laufe des Glaubensgespräches habe sich der Führer der jüdischen Partei standhaft geweigert, die christlichen Heilst Wahrheiten anzuerkennen. Die triftigen Gründe der Synagoge kennt man schon aus dem -in dieser Hinsicht erstaunlich objektiv gehaltenen Ludus de Antichristo und dem ihm nacheisernden Ludns scenicus de nativitate Domini. Daraufhin wurde der Unerschrockene jedoch von einem Ritter aufs brutalste mißhandelt und mit den übrigen Juden schimpflich davongejagt. Das Aergste an der Sache aber ist, daß der. König, obwohl solches Verhalten dem Ritter von vernünftigen Leuten ans der Stelle streng verwiesen wurde, dessen Partei ergreift, indem er ganz im Kreuzzugsstil lapidar behauptet, der Glaube müsse von den Pfaffen mit geistlichen Waffen, von den Laien aber mit dem Schwert in der Hand wrteidigt werden. Wahrscheinlich handelt es sich hier um eines jener Religionsgespräche, die der heilige Mann, dessen harnischrasselnde Geschichte vorn Blut

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