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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-06-28 · Heft 26 (28.6.1918) · p. Seite 309

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 26 (28.6.1918)
Date
1918-06-28
Page
Seite 309 (sequence 9)
Language
German
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309 tttdjf noch feindlicher gestalten, andererseits aber auch das Ziel nicht nur der Gleichberechtigung auf dem Papier, sondern in Wirklichkeit erreichen. Wir erinnern nur an die Schaffimg des Judenstaates, an die Frage der Vertretung des Judentums im Herrenhause, an die angekündigten Schritte des Zentralvereins, die er nach dem Kriege zur Abwehr der Wuchcrbeschuldigung, der Drückebergerei und für die Berufswahl beabsichtigt, an die Zukunft der jüdischen Volksschule, die vor kurzem hier an besonderer Stelle erörtert worden ist, also außerordentlich wichtige, organisatorische und soziale Fragen, die sowohl für die Zukunst des Judentums an sich wie auch für das Verhältnis der Juden zu unseren christlichen Mitbürgern im neuen Deutschen Reiche von grundlegender Bedeutung sind. Zu diesen jüdischen Sorgen, wie sie Herr Geheimrat Geiger in mehreren größeren Artikeln dieser Zeitung bezeichnet hat, tritt nun die außerordentlich wichtige Frage jüdischer Kriegerheimstätten. II. Es ist klar — und die Geschichte aller großen Zeiten beweist es —, daß nach umwälzenden Weltereignissen aus allen Gebieten sich alles regt und rüstet, um auf den Trümmern einer überwundenen Welt eine bessere und schönere Zeit aufzurichten. Wir wollen eben den« Boden abgraben, auS dem bisher die schlechten Früchte erwachsen sind; wir wollen danach auch die beste Saat ausstreuen, die bessere Ernte trägt; wir wollen unermüdlich Bausteine zu dieser neuen Welt herbeitragen, kurz, durch unsere Arbeit den Beweis erbringen und dazu verhelfen, daß das Entwicklungsprinzip der Menschheit als das einzig wahre, weil von der Vorsehung bestimmte, auf allen Gebieten geistigen Schaffens und ethischer Grundsätze, von der Menschheit selbst anerkannt wird. In dieser gemeinsamen Arbeit der Menschheit wollen wir Juden die ersten Lehrer des Entwicklungsprinzips, deren Geschichte der bündigste Beweis für die Richtigkeit und Wahrheit dieses Prinzips ist, nicht untätig bleiben oder uns gar rückständig zeigen. Deshalb können wir ohne Unbescheidenheit behaupten, daß in keiner Religionsgemeinschaft so früh und so vielfach für die Neugestaltung — für die innere und äußere — im neuen Reiche gearbeitet worden ist und noch wird wie in der jüdischen. — Eine ganz besondere Sorgfalt und wohlüberlegte Vorsicht erfordert nun der Plan der jüdischen Kriegerheimstätten. III. Welche Gründe werden von den Befürwortern dieses Planes ins Feld geführt? Nehmen wir den Hauptgrund zuerst: 1. Man fürchtet, daß bei der Verpachtung bzw. dem Ankauf der durch Staat, Stadt und gemeinnützige Vereine errichteten oder noch zu errichtenden Kriegerheimstätten die jüdischen Krieger gar nicht oder doch nur in geringer Zahl berücksichtigt werden und daß auch hier der leidige Prozentsatz, der numsrns elausus, ausschlaggebend sei, so daß der größte Teil der jüdischen Krieger ohne Heimstätte bleiben wird. Für diese müsse die jüdische Gesamtheit eintreten. Abgesehen davon, daß niemand mit Sicherheit ein solches Resultat voraussehen kann, wenn auch manche Erscheinungen auf anderen Gebieten zu einer solchen Vermutung berechtigen, würden wir durch einen solchen Plan nichts anderes bekunden, als daß wir aus unser gutes Recht'verzichten. Wir können nicht glauben, daß jüdische Krieger, die kriegsbeschädigt heimkehren oder durch den Krieg ihre Existenz verloren haben, von der Wohltat der Kriegerheimstätten ausgeschlossen werden sollten. Daß die vorhandenen Mittel, auf deren Genuß wir durch Gründung jüdischer Kriegerheimstätten freiwillig verzichten, uns nicht unter solchen Umständen aufgedrungen, sondern mit Vergnügen nur für christliche Krieger verwendet werden, ist klar. Da nun aus jüdischen Kreisen ebenso wie für andere Zweige der Liebestätigkeit im Kriege bedeutende Mittel gezeichnet worden sind, so würde die Gründung jüdischer Kriegerheimstätten uns Juden eine doppelte Belastung bringen, und wir könnten, bei aller Anerkennung der jüdischen Mildtätigkeit, niemandem verargen, wenn er die Hergabe größerer Mittel — denn nur auf diesem Wege ist der Plan zu verwirllichen — zur Gründung besonderer jüdischer Kriegerheimstätten ablehnte. 2. Ein zweiter Grund für diesen Plan ist die Befürchtung, daß inmitten einer christlichen Ansiedlung die vereinzelten jüdischen Pächter oder Besitzer der Kriegerheimstätten sich nicht wohlfühlen würden und antisemitischen Vorwürfen ausgesetzt wären. Es ist das derselbe Grund, den die Gründer jüdischer Gartenstädte, öffentlich-rechtlicher jüdischer Heimstätten, kurz die Vertreter des Nationaljudentums für ihre Ziele ins Feld führen. Es ist hier nicht der Ort, uns mit der zionistischen Bewegung auseinanderzusetzen. Gerade diese Zeitung hat von berufener Seite oft genug diese Bewegung bekämpft. Wir wollen deshalb auch hier nur den oben angeführten Grund zu widerlegen suchen, ohne die Befürworter der jüdischen Kriegerheimstätten des Zionismus zu beschuldigen. Wohnen denn nicht überall, besonders in den großen Villenvorstädten, ja sogar auf dem Lande unsere Glaubensgenossen inmitten einer christlichen Bevölkerung so vereinzelt, daß man große Mietskasernen, ganze Straßen, große Dörfer und weit ausgedehnte Güter durchwandern kann, ehe man eine jüdische Familie oder gar einen jüdischen Gutsbesitzer findet? Und haben sich diese vereinzelt lebenden Juden so oft beklagt, daß sie nicht in Frieden mit ihren christlichen Nachbarn oder Mitbewohnern leben können? Wir haben es im Gegenteil — und die Dichtkunst hat solche Fälle mit Vorliebe geschildert — erlebt und gehört, wie innig oft das Verhältnis zwischen christlichen und jüdischen Nachbarn sich im Laufe der Jahre gestaltet, wie die gegenseitige Achtung vor der religiösen Ueberzeugung erweckt und befestigt und die Angehörigen der verschiedenen Bekenntnisse immer inniger zum deutschen Volksbewußtsein herangebildet werden. Wollen wir also hoffnungslos an dem Siege der besseren Ueberzeugung der religiösen Duldung verzweifeln, uns örtlich trennen und den Andersgläubigen keine Gelegenheit geben, durch einen alltäglichen näheren Verkehr zu erkennen, daß „wir Wilden doch bessere Menschenkind"? Dann würden wir ja unseren Gegnern vollkommen recht geben, die uns Abschließung von unseren christlichen Mitbürgern zum Vorwurfe machen und damit unsere Ungeeignetheit, unsere Unwürdigkeit zu einer vollkommenen Gleichberechtigung beweisen wollen. Sieht man denn nicht ein, daß mit der Gründung jüdischer Kriegerheimstätten auch der schöne Plan der Berufsberatung, den der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens verfolgt und den er besonders auch für die heimkehrenden Krieger verwirklichen will, völlig verfehlt und nutzlos ist? Wie soll denn ein jüdischer Gärtner, mittlerer Beamter, Techniker oder sonstiger Gewerbetreibender seine Nahrung finden, wenn er nur auf dem kleinen Raum jüdischer Kriegerheimstätten angesiedelt wird? Also auch hier bewahrheitet sich das Dichterwort: „Leicht beieinander wohnen die Gedanken, doch hart im Raume stoßen sich die Sachen." 3. Als dritter Grund für die Gründung jüdischer Kriegerheimstätten wird der Umstand geltend gemacht, daß die religiösen Bedürfnisse, wie Gotteshaus, rituelle Einrichtungen und Vorschriften innerhalb einer geschlossene»! jüdischen Kolonie leichter zu befriedigen sind als in der Zerstreuung. Gegen diesen Umstand läßt sich natürlich nichts einwenden. Allein er ist nicht entscheidend. Entscheidend wäre nur der Umstand, wenn es ohne jüdische Kriegerheimstätten den jüdischen Kriegern überhaupt nicht möglich wäre, ihre religiösen Bedürfnisse zu befriedigen. Das wird aber nicht einmal der wärmste

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