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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-06-28 · Heft 26 (28.6.1918) · p. Seite 308

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 26 (28.6.1918)
Date
1918-06-28
Page
Seite 308 (sequence 8)
Language
German
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erkämpften und gefestigten Ueberzeugung entspringt. Aber wir wollen nicht, daß sie zu jenen Lauen gehören, von denen es heißt: „Diesen ist Hoffnung nie: ganz zu verscheiden — Und nichts ist wie chr Leben, niederer, trüber. So daß sie jedes andere Los beneiden. Von ihnen dringt kein Ruhm der Welt hinüber. Von Gnade wie von Recht sind sie verachtet. Sprich nicht von ihnen: schau und geh vorüber!" (Dante-George.) II. Jungen Leuten, die sich gern ihre schriftstellerischen Lorbeeren im Judentum erwerben wollen, empfehle ich, einen Artikel gegen den Parteisanatismus und über die Notwendigkeit der Einigung im Judentum zu schreiben. Solche Aussätze sind jetzt außerordentlich beliebt, gehen reißend ab und erfordern keine großen geistigen Unkosten. Ganz besonders find es die liberalen Juden, denen man jetzt von allen Seiten rät, doch etwas von ihren schroffen Forderungen nachzulassen, den alten Parteistandpunkt aufzugeben und nur noch die Pflicht des gemeinsamen Zusammenwirkens mit den anderen jüdischen Richtungen anzuerkennen. Und wer die jüdische Presse genau verfolgt, kann sich keinem Zweifel darüber hingeben, daß auch viele liberale Juden der suggestiven Kraft dieser Bewegung erlegen sind. Demgegenüber habe ich in verschiedenen Artikeln, so insbesondere im „Freien Wort" (Oktober 1917), in der „WeltlichenSchule" (Beilage zur „Ethischen Kultur", Januar bis März 1918) den Gedanken des jüdischen Aktivismus vertreten"). Es war hierbei nicht meine Absicht, eine neue jüdische Partei zu gründen, wohl aber soll es die Aufgabe der von mir propagierten Richtung sein, einer freien und vertieften Auffassung der Religion den ihr zu kommenden Einfluß im jüdischen Gemeinwesenzu verschaffen. Damit ist klargelegt, daß ich mit meiner Auffasiung gerade im schroffsten Gegensatz zu den von mir gekennzeichneten Theorien der Ausgleichung und Anpassung der jüdischen Parteien stehe.. Nicht als ob ich ein „liberaler Eiferer" im Sinne der Unduldsamkeit gegen andere Ueberzeugungen wäre; wer etwa meine Arbeit „lieber das Judentum und der innere Frieden" im „DeuffchenReiche" (Oktober 1917)'liest, wird leichterkennen, wie ungerecht solche Vorwürfe sind. Ich begrüße nicht nur jeden Schritt, der zur Versachlichung des Kampfes innerhalb der jüdischen Richtungen liegt, sondern ich empfinde es auch mit Genugtuung, wenn sich die verschiedenen jüdischen Parteien zu gemeinsamer fruchtbarer Arbeit verbinden. So ist dies in hocherfreulicher Weise in der Vereinigung jüdischer Organisationen Deutschlands geschehen. Ein solcher Verband war möglich, weil es sich hier um die Wahrnehmung bestimmter praktischer Aufgaben handelt- Außerordentlich skeptisch und ablehnend stehe ich aber den Versuchen gegenüber, den..Parteikamps im Judentum gänzlich zu beseitigen. Die Gegensätze sind zu groß, als daß wirklich Nützliches erzielt werden könnte; zudem ist ein ehrlicher Meinungskampf auch ein nützlicher, ja ein unentbehrlicher Faktor im öffentlichen Leben. So unpopulär es ist, in der jetzigen Zeit solche Gedanken zu äußern, die ernste Sorge um die jüdische Gemeinschaft duldet kein längeres Schweigen. Was soll es z. B. heißen, wenn man sogar von der religiösen Liberalen Vereinigung für das Judentum eine Neuorientierung verlangt und erklärt, die Vereinigung müsse in Zukunft mehr das Verbindende in den Vorder- -) Vgl. hierzu auch meinen Artikel ..Der Jude iu der nichtjüdischen Umgebung" („Allgemeine Zeitung des Judentums" vom 8. März 1918) sowie die dort erwähnten Arbeiten. grund stellen und ihre frühere Parteischrofsheit abschwören. Da möchte ich doch einmal fragen: Wo hat sich denn diese angebliche Schroffheit gezeigt, wo gab es denn eigentlich aus religiösem Gebiete diese liberal-dogmatische „Arterienverkalkung"? Soweit ich sehe, haben die liberalen Gemeindepolitiker, die angeblich das Judentum nur durch die Parteibrille ansehen, sich in den größten Gemeinden nichtliberale Rabbiner gewählt und eine durchaus nichtliberale Gemeindeverfassung beibehalten. Ueberall war es das Bestreben der Liberalen, anderen religiösen Richtungen des Judentums im Jnteresie des Friedens in weitester Weise entgegenzukommen. Oder will man etwa die Richtlinien aufgeben? Dann frage ich: Wo hat man denn jemals in der Praxis den Versuch gemacht, die Richtlinien zur Durchführung zu bringen? Daß dies in Wahrheit nicht geschehen ist, ist ja gerade auch von rechtsstehender Seite betont worden und läßt sich auch nicht bezweifeln. Oder will man den Richtlinienstandpunkt, will man den ganzen Gedankenkreis, der zu den Richtlinien geführt hat, auch theoretisch aufgeben, will man — mit anderen Worten — den ganzen grundsätzlichen Liberalismus als unnützen Ballast über Bord werfen? Ich identifiziere mich mit denRichtlinien nicht (allerdings aus ganz anderen Gesichtspunkten nicht als die, welche dereinst? von ihren konservativen und mittelparteiischen Gegnern in den Vordergrund gerückt wurden), aber der Grundgedanke der Richtlinien war doch ein sehr gesunder. Es sollte — so hat es Rabbiner Dr. Seligmann in seinem damaligen Referate in sehr seiner Weise dargestellt — den großen Massen der jüdischen Laien die Gewißheit gegeben werden, daß ihr Judentum nicht minder geachtet werde, daß sie sich als gleichwertige Mitbürger in unserer Gemeinschaft fühlen dürfen. Will man denn jetzt aus Toleranz gegenüber den anderen jüdischen Parteien diesen grundsätzlichen Standpunkt aufgeben? Will man also sich mit auf die Seite derer stellen, welche die große Mehrzahl und darunter auch manchen der Besten unserer Bekenntnisangehörigen religiös preisgeben? Ist das die vielgerühmte Toleranz gegenüber anderen Parteien oder ist dieser uns so warm empfohlene Weg nicht der neue, der wahre Parteisanatismus? Mir scheint, diejenigen, die sagen, der religiöse jüdische Liberalismus müsse sich im Zeichen des Krieges neu orientieren, die haben den Sinn dieses Liberalismus überhaupt niemals verstanden. Sie gehen von ähnlichen Gesichtspunkten aus, wie z. B. der einflußreiche nationaljüdische Publizist Dr. Kollenscher in seiner von der Zionistischen Vereinigung offiziell herausgegebenen Broschüre „Zionismus oder liberales Judentum", wo dargelegt wird, daß das wesentliche Ziel des Liberalismus sei, daß er weniger Judentum verlange. Das ist aber eine ganz seichte Auffassung. Der Liberalismus will nicht ein minus, sondern ein sliuä; er will nicht weniger, sondern er will ein freieres, reineres und tieferes Judentum. Kann man von dieser Forderung etwas ablassen? Ist etwa religiöses Judentum eine Ware, die ihre Konjunkturen hat und deren Preis im Kriege gefallen ist? Jüdische Krirgrrhrimstättrn Von Hermann Becker. I. ie unsere Leser wissen, wird unter der rührigen Leitung des verdienstvollen Herrn Dr. Arthur Kahn für die Gründung jüdischer Kriegerheimstätten die Teilnahme weiter Kreise der deutschen Juden zu wecken gesucht. Bei der gegenwärtigen Stimmung der Andersgläubigen gegen uns ist aber jeder Schritt, den -wir namens der deutschen Judenheit tun, aufs sorgfältigste zu erwägen, damit wir diese Stimmung

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