Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 26 (28.6.1918)
- Date
- 1918-06-28
- Page
- Seite 307 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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307 Hinterbliebenen des durch hk' Mißh-alchlungen bei den Exzessen in Krakau ums Leben gekommenen Petachai Meller hat sich die Israelitische Allianz mit 1000 Kronen beteiligt. Aus den Mitteilungen über das Vereinsvermögen und die Verwaltung geht hervor, daß dem Stammsonds im verflossenen Jahre Legate von Dr- Karl Elsaß in Effekten 60 000 Kronen, von Hermann v. Back-Begaver 10 000 Kronen, von Prof. Dr. Josef Pollak 3000 Kronen, von Edmund Kann 5000 Kronen, ferner ein Stifterbeitrag von Herrn Bernhard Goldstein von 4000 Kronen und Gründerbeiträge von den Herren Karl Nossenmann and Eugen Quittner von je 1000 Kronen zugegangen sind. 376 Mitglieder sind neu beigetreten und 225 frühere Mitglieder haben ihre Jahresbeiträge um 1917 Kronen erhöht. In PrZemhsl sind dem Verein infolge einer von Herrn Dr. I. Glanz entfalteten Propaganda 81 neue Mitglieder mit einem Gesamtbeitrag von 1172 Kronen beigetreten. Neutralität und Religion. Von Dr. jur. Ernst Emil Schweitzer (Breslau). I. er Versuch, eine Verständigungsgemeinschast der jüdischen Jugendorganisationen in Deutschland zu gründen, ist gescheitert, und zwar ist die Tagung, die zu diesem Zwecke anr 5. März d. I. in Berlin stattfand, infolge des.Widerspruches des zionistischen Vertreters, Dr. Löwenstein (Berlin), fruchtlos ausgegangen. Dr. Löwenstein hat festgestellt, daß ein „unüberbrückbarer Gegensatz" zwischen der Anschauung der nationaljüdischen Bekenntnisgenossen und den anderen Richtungen in der Jugendbewegung besteht, und ausdrücklich erklärt: „Der Kampf um die Weltanschauung muß fortgeführt werden." Es muß festgestellt werden, daß die Vertreter der Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Jugendverbände grund-. sätzlich bereit waren, an einer Verständigung teilzunehmen, und daß also nicht unsere Richtung es ist, der die Ergebnislosigkeit dieser Bemühungen zuzuschreiben ist. Mit Recht hat man aber von führender liberaler Seite davon Abstand genommen, nunmehr übermäßige Angriffe gegen die Zionisten wegen ihres Widerstandes zu richten. In der Tat kann meines Erachtens das Ergebnis keinen Tieferbtickenden überraschen*). Die Gegensätze zwischen den ein-, zelnen Richtungen sind eben zu groß, als daß sie sich ohne N'eiteres überbrücken ließen. Ja, es ist doch sehr zweifelhaft, ob eine künstliche Kompromisselei den Interessen des Judentums zum Vorteil gereichen würde. Gewiß, es ist notwendig, daß alle kleinliche Parteizänkerei im Judentum möglichst beseitigt wird, aber aus der anderen Seite kann es keinen Nutzen bringen, wenn man große Lebensanschauungsunterschiede zu übertünchen sucht; damit unterstützt man nur müden Skeptizismus und bequeme Indifferenz. Ich weiß sehr wohl, daß ich mich mit diesen Ausführungen in Gegensatz zu den heute herrschenden Strömungen im Judentum stelle. Von sehr einflußreicher Seite spricht man immer wieder einer möglichsten Ausgleichung der verschiedenen gegensätzlichen Ueberzeugungen das Wort. So werden z B. im Hamburger „Jsraelitschen Familienblatt" vom 14. März d. I. von sehr bedeutender Seite schwere Angriffe gegen die jüdischen Pavteipolitiker erhoben. Da ist von „Parteiegoismus" die Rede — der „Zersplitterung und Zerklüftung der jüdischen Glaubensgemeinschaft anstrebt und den Geist unserer heiligen Lehre nicht begriffen hat, von der es heißt: Ihre Wiege sind Wege der Anmut und alle ihre Pfade Pfade des Friedens"; da wird gesagt, daß „unsere Alten" in „ihren Parteisanatismus eingekapselt sind"; da wird von „Verknöcherung", von „parteidogmatischer Arterienverkalkung" *) Ich selbst habe die Vertretung - des Breslauer Jüdischiibera-len JugendvereinA aus der Tagung mit Hmiveis auf deren voraussichtliche Erfolglosigkeit abgelehnt. gesprochm, und es werden die jüdischen Parteien der falschen Mutter verglichen, die lieber will, daß das Kind geteilt wird, als daß es der Nebenbuhlerin zufällt. Bei aller Hochachtung vor dem Verfasser kann ich mich doch seiner Kritik der jüdischen Parteien nicht anschließen. Der Herr Verfasser jener Arbeit ist ein Mitbegründer der neutralen Judenbewegung, deren Ideen er in jenem Aussatz vertritt. Aber sollte nicht gerade die Berliner Tagung bewiesen haben, daß jene Ideen nicht in der Richtung der jüdischen Fortentwicklung liegen, daß die neutrale Judenbewegung, welche Erfolge ihr auch auf Grund ihrer gesellig-sozialen Anlockungen beschieden sein mochten, doch eine Vertiefung des jüdischen Lebens nicht erzielen konnte, ja vielleicht nicht einmal erzielen wollte. Ausdrücklich muß hervorgehoben werden, daß die Rede, die zu dem entscheidenden Protest des zionistischen Vertreters Anlaß gab, nicht von liberaler Seite gehalten worden ist, sondern gerade von der Führerin der neutralen Judenorganisation, die doch aufs eifrigste bemüht ist, alles, was irgendwie Anstoß bei der nationaljüdischen Richtung erwecken könnte, zu vermeiden. Aber Fräulein Berliner hat sich allerdings in ihrem Referate angeblich allzu unbedingt zum Deutschtum bekannt, und dies hat man ihr von nationaljüdischer Seite verdacht. Ist denn nun Bekenntnis znm Deutschtum Parteisanatismus? Oder ist es parteidogmatische Arterienverkalkung, wenn etwa Herr Rabbiner Dr. Goldmann erklärte, die geringste Forderung, die seine Freunde stellen müssen, „ist ein Bekenntnis zum Deutschtum, frei von Chauvinismus und- Hurrapatriotismus". Wenn solche Bekenntnisse von der nationaljüdischen Richtung schon als anstößig oder gar als provozierend empfunden werden, so tut inan unserer Ueberzeugung doch besser, sich friedlich und schiedlich zu trennen, als daß man sich gegenseitig verpflichtet, das Beste, was man weiß, den Buben nicht zu sagen. Der entscheidende Fehler des von mir erwähnten Aufsatzes sowie vieler ähnlicher Arbeiten, die jetzt von einflußreichen Verfassern veröffentlicht werden, liegt 'darin, daß man immer nur den politischen und niemals den pädagogischen Gesichtspunkt sieht. Die Aufgabe von Jugendverbänden ist aber in erster Linie keine politische und nicht der Kampf gegen den Antisemitismus, sondern sie ist eine erzieherische. Gerade vom erzieherischen Standpunkt kommen wir aber zu einer weit tiefer erfaßten Toleranz als jene Pseudotoleranz, welche den Verfechtern der Neutralität vorschwebt. Denn nunmehr fragen wir uns erst in zweiter Linie, im Sinne welcher Idee der junge Jude erzogen werden soll. In erster Linie aber müssen wir fordern, -daß seine Erziehung überhaupt im Zeichen einer Idee stehe. Mir ist der überzeugte Nationaljude im Grunde genommen lieber als der müde Skeptiker, der allen Richtungen im Judentum gleich warm und gleich kalt gegenübersteht, der matte Indifferenz für überlegene Weisheit ausgibt und aus seiner Trägheit und Bequemlichkeit heraus vielleicht dann noch über die liberalen und zionistischen Parteifanatiker spottet. Nietzsche spricht einmal („Wille zur Macht" 1917, S. 12) von der „Zuchtlosigkeit des modernen Geistes unter allerhand moralischem Aufputz; die Prunkworte sind: die Toleranz (für „Unfähigkeit zu Ja und Nein"), die Objektivität (= Mangel ^an Person, Mangel an Wille, Unfähigkeit zur Liebe)". Keine schlimmere Folge könnte der Antisemismns für das deutsche Judentum haben, als wenn man aus einer ganz übertriebenen Angst vor ihm unsere Jugend inr Geiste dieser Zuchtlosigkeit erziehen wollte. Das religiöse Judentum gipfelt im Prophetentum, und was unsere Propheten gelehrt und gelebt haben, war durchaus nicht nur fauler Frieden und höfliche Neutralität. Gewiß, auch wir wollen unsere Jugend zur Toleranz erziehen; wir wollen, daß sie jene höhere Achtung vor der Ueberzeugung des anderen empfindet, die aus der eigenen