Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 26 (28.6.1918)
- Date
- 1918-06-28
- Page
- Seite 306 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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306 Russisch-Polen während des verflossenen Jahres. Von historischem Interesse sind die statistischen Daten über die Verteilung der Flüchtlinge, deren Zahl in den verschiedenen Kronländern noch am 1. Juli 1917 117 116 ausgemacht hat. Von nahezu 200 Flüchtlingshilfskomitees im Westen, welche mit den einzelnen Beiträgen im verflossenen Jahre und seit Beginn der Aktion ausgewiesen sind, haben die größten Subventionen erhalten die Bezirkskomitees in B u d w e i s (seit Beginn der Aktion 144 250 Kronen), Graz (84 600 Kronen), Karlsbad (114 800 Kronen), Linz (170 000 Kronen), Mistet (62 000 Kronen), Pilsen (220 150 Kronen), Prag (148 000 Kronen), Troppan (163000 Kronen). In Wien haben mit Rücksicht aus die Ausspeisung der armen Flüchtlinge die Israelitische Volksküche, die Vereine „Einheit" und „Machsicke Hadath", der Verband galizischrjüdischer Humanitätsvereine, ferner zur außerordentlichen Beihilfe in Notfällen die unter Leitung des Herrn Geheimrates Dr. Rudolf Ritter v. Schwarz-Hiller stellende Zentralstelle und die Wohlfahrtsinstitutionen der Frau Anitta Müller Beitrüge erhalten. Für die Opfer des Krieges in Ungarn wurden aus den amerikanischen Mitteln während der verflossenen drei Jahre 525 622 Kronen überwiesen. Das östereichisch-ungarische Hilfskomitee in Kopenhagen hat der Allianz in hochherziger Weise z w e i Waggon s bester, dänischer, gezuckerter Kondensmilch zur Verteilung an arme Flüchtlingskinder gesandt. Die Korrespondenz über die Spende, nur deren Zustandekommen sich besonders Herr Oberrabbiner Tr. Schornstein sehr bemüht hat, mußte mit dem k. u. k. Ministerium des Aeußern und den diplomatischen Vertretungen in Deutschland und in Dänemark, ferner mit dem Kriegsministerium, welches infolge einer persönlichen Empfehlung des Ministerpräsidenten die vom Komitee in Kopenhagen zur Bedingung gemachte Sendung von 7500 Weißblechplatten zur Anfertigung der Dosen nach Dänemark ermöglichte, mtt dem Ministerium oes Innern, mit dem k. k. Amte für Bolksernährung, mit dem Finanzministerium, mit dem Eisenbahnministerium beinahe durch das ganze Jahr geführt werden, bis endlich die Milchdosen an die Flüchrlingskomitees von Wien aus versandt werden konnten. m In Galizien hat das Gebiet der Fürsorgeaktion sich durch die Befreiung der östlichen Bezirke, insbesondere der Gebiete von Stanislat, Kolonien, Czortkow, Buczacz, Larnopol, Czernowitz und Brody, stark erweitert. Das jüdische Rettungskomitee in Lemberg allein, welches für die ostgalizischen Gemeinden seines Fürsorgeiprengels für 80 bis 100 Gemeinden von der Allianz im Jahre 1915 150 200 Kronen, im Jahre 1916 814 769 Kronen erhalten hat, empfing im Kalenderjahr 19.17 Subventionen in der Höhe von 981230 Krönen und von Januar bis Mai 1918 weitere 517 680 Kronen, insgesamt Ws jetzt 2 371 87 9 Kronen, zur Verteilung. Wertere bedeutende Beträge erhielten für allmonatliche Unterstützungen in je einer großen Anzahl von Gemeinden die Zentralkomitees m P r z e m y s l, S t n n i s 1 a u, I a s l o, R z e s, z v w und T a r - now, sowie die separaten Hilfskomitees in Brody und Kolonuö. Für eine große Anzahl der unterstützten Gemeinden sind statistische Taten über die Zahl der notleidenden Familien, Idie erhaltenen Volksküchen und andere Wohlsahrtseinrichtungen enthalten. Mit Bezug auf Russisch-Polen verzeichnet der Bericht mir- Bedauern, daß eine Verschlechterung der Situation der Juden geradezu eine Folge des Erstarkens der autonomen Faktoren im Königreiche und des wachsenden Einflusses der national-polnischen Verwaltung war, welche sich zum Schaden des Landes, unter Gefährdung seines Rufes in der zivilisierten Welt, von den in den letzten Jahren vor dem Kriege unter russischer Herrschaft ange'sachten antisemitischen Instinkten leiten ließ. Durch gewerbepolitische Maßnahmen, namentlich bei der Einrichtung verschiedener Handels- und Approvisionierungszentralen, wurde auf eine Ausschaltung der Juden und r ücksichtslo se Einschrän kung! i hrer L eben sun d Erwerbs Möglichkei ten hingearbeitet. Die Allianz hat in dieser Angelegenheit beim General-1 gouverneur, Grafen Szeptycki, interveniert und darauf hingewiesen, daß die wirtschaftliche Not der Juden, zu deren Linderung die private Wohltätigkeit bei weitem nicht ausreicht, nicht zum geringen Teil eine Folge dieser gewerbepöli tischen Maßnahmen ist. Die Unterstützungen mußten trotz der steigenden Not wegen der Unzulänglichkeit der Mittel reduziert werden. Als sich jedoch im Herbst 1917 im Haag j das Niederländische Komitee konstituierte, welches aus diplomatischem Wege für eine Fortführung der amerikanischen Hilfsaktion in den okkupierte« Gebieten eintrat, setzte sich der Vorstand der Allianz mit > diesem Komitee durch freundliche Vermittlung des k. u. k. Ministeriums des Aeußern sowie des königlich niederländischen Gesandten in Wien, Herrn Dr. Wilhelm Marc Jonkheer Weede de Beretteamp, m Verbindung. Durch eine Reise des Sekretärs der Allianz, Herrm Dr. Armand Kaminka, nach dem Haag konnten, dort im Januar 1918 persönliche Verhandlungen über den Umfang und die Modalitäten der weiteren Geldsendungen nach den okkupierten Gebieten (für Galizien, ein für Amerika feindliches Gebiet, war nach den Weisungen des Staatsdepartements in Washington jede weitere Hilfe vollkommen ausgeschlossen) stattsinden. Infolge derselben wurden von Februar ab weitere 100 000 bis 150 000 Kronen monatlich durch die holländische Gesandtschaft in Wien nach Russisch-Polen gesandt,, zu welchen Summen die Allianz vereinbarungsgemäß auch ihrerseits Zuschüsse, insbesondere für notleidende Schulen, gewährte. Die Geldsendungen aus Holland sind jedoch im Mai wieder ins Stocken geraten. Seine Exzellenz der königlich niederländische Minister des Aeußern Dr. London hat der Hilfsaktion persönlich ein warmes Interesse entgegengebracht, wofür ihm der Delegierte der Allianz anläßlich der Konferenz im Haag in einer Audienz im Namen des Vereins sowie der von demselben unterstützten notleidenden jüdischen Bevölkerung der okkupierten Gebiete den Dank ausgedrückt hat. Außer den zahlreichen durch die vier Hauptkomitees in Lublin, Radom, Kielce und Piotrkow subventionierten Gemeinden in Polen erhielten in W o l h y n i e n die Gemeinden Wladimir Wolhnsk, Kowel, Ustilng, Maciejow u. a. monatliche Unterstützungen. Nach Rumänien wurden durch das Zentralkomitee in Bukarest insgesamt 178 000 Kronen, nach Serbien 22 000 Kronen gesandt. D i e H i l f s a k t i o n i n P a l ä st i n a wurde, nachdem die Allianz anfangs 1917 aus eigenen Mitteln 23 000 Kronen für Jaffa, Jerusalem und Saffed bewilligt hatte, im Verein mit dem Verbände der Israelitischen Humanitäts-Vereine Bne Brich, dem Vorstande der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien und dem Exekutivkomitee der Zionisten weitergeleitet. Die Gelder der gemeinsamen Aktion wurden beim Bankhause S. M. v. Rothschild verwaltet. Es waren bis April d. I. 85 771 Kronen eingegangen. 38 290 Frcs. wurden nach Damaskus zur Unterstützung der Evakuierten in Nordpalästina gesandt. Nach Konstantinopel wurden zur Unterstützung an notleidende Juden in türkischen Gemeinden 10 000 Kronen überwiesen. Aus einer eingehenden Darstellung der B e m ü h u n g e n f ü r d i e bürgerliche und politische Gleichstellung der Juden in Rumänien geht hervor, daß der Vorstand der Allianz selbständig und im Verein mit dem Oesterreichischen Zentralkomitee wiederholt anläßlich der Friedensverhandlungen sich mit DenEschriften an den Minister des Aeußeren wegen Sicherung der uneingeschränkten Emanzipation der Juden .gewandt hat. Es wird feierlich Verwahrung eingelegt gegen die Dürftigkeit d e r Konzessionen, welche den besiegten rumänischen Machthabern durch die siegreichen Zentralmächte i m F r i e dens ve r t r a g m i t Be z u g au f d i e I u d e n a b ge > rungen wurden, insbesondere dagegen, daß statt einer endgültigen Abschaffung der rumänischen Fiktion, wonach die Juden „Fremde" im Lande seien, der Vertrag nur einzelnen Kategorien auf Grund besonderer, von rumänischen Instanzen zu prüfender Nachweise das Bürgerrecht in Aussicht stellte. Aus einer in Jasiy im Dezember 1917 erschienenen, offenbar von der Regierung in Jassy inspirierten Broschüre wird mitgetoUt, wie die rumänische Regierung nach ihrer bekannten Methode die Freunde der Juden in Westeuropa und in Amerika durch Drohungen einzuschüchtern und die Juden selbst Politisch zu diskreditieren sucht. In jener (zur Zeit der Verbindung Rumäniens mit der Entente veröffentlichten) Broschüre wird vor dem „Feldzug" zugunsten der Juden unter Hinweis darauf gewarnt, daß die rumänischen Judenin engen wirtschaftlichen Verbindungen mit den „Austro-Germanen" stehen. „Sie bilden recht eigentlich das deutschfreundliche Elemen t im Lande" und sollen -mit dem Eindringling in so ausfallender Weise paktiert und ihre deutschfreundlichen Gefühle so weit getrieben haben, „daß ihre Haltung direkt den Charakter der Komplizität mit dem Feinde gegen die rumänische Bevölkerung angenommen" hätte. Der Bericht schildert auch die jüngsten Exzesse gegen die Juden in Galizien und teilt mit, daß Präsident Dr. Alfred Stern namens der Allianz in dieser Angelegenheit beim Minister des Innern, Grafen Loggenburg, interveniert hat. An einer Sammlung zugunsten der