Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 26 (28.6.1918)
- Date
- 1918-06-28
- Page
- Seite 304 (sequence 4)
- Language
- German
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304 Dasselbe Bureau teilt folgendes mit: Die griechische Regierung hat beschlossen, die Bestimmungen gegen die feindlichen Untertanen nicht auf die türkischen Juden in Saloniki anzuwenden. Die Versicherungsgesellschaften werden ihnen die Beträge ausfolgen, die sie mit Rücksicht auf den großen Brand fordern, und die Beschlagnahme ihrer Jimnobilien wird aufgehoben. * lieber j ü d i s cho V e rh ä l t n i s s e ist sonst nicht oiel Neues zir melden. Selbst die öffentliche Besprechung des Friedensvertrags mit Rumänien im Reichstagsausschuß gab kaum eine Gelegenheit zu einer Allssprache über die auf die Juden bezüglichen Verhältnisse. Auch der treffliche Ludwig Haas hat in einem Artikel des „Berliner Tageblatts" (23. Juni) der Juden keine Erwähnung getan. Ein solches Schweigen ist zu beklagen. Es ist dringend zu wünschen, daß den Juden in Rumänien ihr Recht werde. So wenig es uns auch ansteht, uns in die inneren Angelegenheiten anderer Länder zu mischen, hier ist es eine Ehrenpflicht Deutschlands, dafür zu sorgen, daß Rumänien nicht das ränkevolle Spiel erneuert, das es schamlos feit dem Jahre 1878 getrieben hat. * Von zwei schweren Verlusten ist auch an dieser Stelle kurz zu berichten. Am 21. d. M. ist Herr Geh. Reg.-Rat Dr. Pieck gestorben. Er war jahrelang Mitglied des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde. Wir haben den vortrefflichen Mann,, der nach einer langen, erfolgreichen Beamten- und Schriftstellertätigkeit am Abend seines Lebens seine Kraft in den Dienst der Jüdischen Gemeinde stellte, freilich vor kurzer Zeit aus derselben austrat, gelegentlich seines 70. Geburtstages gewürdigt, auch sein Bild gebracht; wir dürfen uns heute damit begnügen, den Heimgang des trefflichen Mannes zu beklggen. - . Einen schweren Verlust hat die deutsche Judenheit in dem .Hinscheiden des Herrn Rabbiners Prof. Dr. Werner in München erlitten. Er war noch kein Alter, stand in der Fülle seiner Kraft und seines Wirkens. . Er war .nicht bloß für seine Gemeinde und für die jüdischen' Verhältnisse in Bayern tätig, sondern wirkte als eindrucksvoller, mächtiger Redner, als Organisator großen Stils in den allgemeinen jüdischen Angelegenheiten in hervorragender Weise. Wir werden dem Manne, der sich in weitesten Kreisen großer Beliebtheit und starker Verehkung erfreute, aus berufener Feder einen Nachruf bringen,. So fordert die grausame Kriegszeit nicht bloß Tausende von Opfern aus der blühenden Jugend, sondern lichtet in ungewöhnlich starker Weife auch die Reihen der Aelteren. Wir wollen nicht resigniert ausrufen, daß dies nun einmal der Lauf der Welt sei, uns nicht der Verzweiflung hingeben, daß so viele allsgezeichnete Kräfte uns geraubt werden, sondern bei allem Trüben, was wir zu erdulden haben, bei allem Schweren, was llns Juden, unserem geliebten Vaterland und der ganzen Menschheit auferlegt ist, den Mut und das Vertrauen nicht sinken lasten. Die Sonne wird wieder Hervorkommen und ihre Strahlen leuchten lassen; die leidende und darbende Menschheit wird wieder froh werden; endlich muß der Krieg einmal zu Ende gehen und einem wenn auch nicht ewigen, aber langdauernden und gedeihlichen Frieden Platz machen. Wir Aelteren müssen uns bescheiden. Wir können das gelobte Land vielleicht nur von der Ferne schauen; aber wir sprechen es mit Beruhigung und mit frohem Sinn aus, der begründet ist im Vertrauen auf die allwaltende Gerechtigkeit: Ein Geschlecht geht, ein Geschlecht k o m m t. Rabbiner Sr. Simon Wiedmann in Lublinitz. Zum 4. IM 1918. ie nachfolgende biographische Skizze ist auf unser Ersuchen abgefaßt worden, um dem würdigen Manne, einem treuen Leser und Mitarbeiter unseres Blattes, bei seinem 40jährigen Amtsjubiläum, zu dem wir ihm unseren herzlichsten Glückwunsch entbieten, Gelegenheit zu geben, von sich und seinen Bestrebungen in unserem Blatte einiges zu sagen. Die Redaktion. Dem freundlichen Ersuchen der löblichen Redaktion dieses Blattes, eine autobiographische Skizze zu schreiben, willfahre ich um so lieber, als ich an das Wort des Propheten denke, nach welchem der Mensch, der nach Einsicht und Gotteserkenntnis gestrebt, sich auch eines solchen Strebens rühmen darf, und an ein Dichterwort, nach welchem sich der Mensch seines» Fleißes rühmen darf. Nach Einsicht, Wiffen und Erkenntnis habe ich immer gestrebt, und an Fleiß in diesem Streben habe ich es weder in guten noch in bösen Tagen fehlen lassen seit meiner Kindheit. — In Kempen (Posen) wurde ich am 24. Oktober 1849 geboren. Damals waren der berühmte Exeget und Haggadist M a l b i m und der ausgezeichnete Talmudist S i m ch a h Reh fisch die religiösen Leiter der Gemeinde. Als Enkel des »Rabbiners Simon Lewy zu Fordon, als Großneffe des Öberrabbiners Akiba Eger zu Posen und als Neffe des Talmudgelehrten und Rentiers Selig Lewy zu Kempen wurde ich schon nt der Wiege von meiner frommen, guten Mutter Hannchen zum Rabbiner bestimmt und daher frühzeitig beharrlich und sorgfältig für diesen Beruf ernst vorbereitet. Bei Tag und bei Nacht. Nach meiner Konfirmation, bei welcher ich nach den üblichen Vorlesungen der ganzen Sidra und der Haftarah in der großen Synagoge auch im Hause, wo die Feier mit großem Pomp stattfand, eine deutsche Rede und einen talmndischen Vortrag hielt, wurde ich — April 1863 — nach Breslau aufs Gymnasium gebracht. Nur wenige Wochen jedoch konnte ich dort bleiben. Die plötzliche schwere Erkrankung meines Vaters Meyer, der, groß und kräftig gebaut, bis dahin immer kerngesund war, rief mich nach Hause. Nach vielen Leiben starb .er am 24. Tammus — erst 42 Iabre alt. Die Folge dieses ■ tiefsten Verlustes war, daß ich zu Oktober zu meinen lieben Verwandten Iakobstamm nach Posen kam und dort — neben Studium in Bibel, Talmud und hebräischer Grammatik bei dem greisen Prediger Salomon Pleßner. bei seinem Sohn Elias u. a. — das Gymnasium von der Quarta an bis zum Abiturientenexamen — März 1870 — besuchte. Als ich in der Sekunda war. wollten die Verwandten — nicht ohne triftigen Grund —. daß ich mich dem Kaufmannsstande zuwende. Doch obwohl mein Vater Kaufmann gewesen, und zwar ein beaabter und geistvoller Kaufmann, empfand ich damals nicht die geringste Neigung für diesen Beruf. Vom Direktor meines Gymnasiums, der mir wohl einigermaßen gewogen war. erlangte ich „Freischule" und daraufhin konnte ich meinem Triebe, weiter dem Studium obzuliegen, folgen. Ich studierte aber nicht nur selber, sondern ich lehrte lnid unterrichtete auch andere, sowohl als Gymnasiast wie auch als Student, um einen Teil meines Lebensunterhalts schaffen zu können. In Berlin studierte ich Geschichte, Philosophie. Pädagogik und Orientalia, bis ich — nach bestandenem mündlichen Examen und nach der Veröffentlichung der Dissertation „De Jesaiae vaticiniis AcKaso quickem rege editis", welche mit „docta et subtilis" zensiert ward - am 24. Februar 1874 zum Doctor phil, promoviert