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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-06-28 · Heft 26 (28.6.1918) · p. Seite 303

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 26 (28.6.1918)
Date
1918-06-28
Page
Seite 303 (sequence 3)
Language
German
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808 Berlin, 25. Juni 1918. uf 'den Kriegsschauplätzen hat sich in der Berichtswoche nichts Hervorragendes ereignet, wenn eS auch an blutigen Kämpfen nicht fehlt. Das Ringen der Oesterreicher mit den Italienern dauert fort. MSe'MMMy-Mewenvon Siegen und vielen Gefangenen. Doch scheinen die Fortschritte der Oesterreicher unbestreitbar, und so werden, hoffentlich die nächsten Wochen von einer Entscheidung zu berichten haben. Auch unsere Truppen schreiten im Westen vor; auch hier bereiten sich gewiß bedeutende Ereignisse vor, denen für die nächste Zeit entgegenzusehen ist. Paris wird von der Zivilbevölkerung evakuiert; der französischen Regierung wird von ihrer eigenen Presse der Rat erteilt, ihren Sitz nach Bordeaux zu verlegen. Dies deutet auf ein starkes Angstgefühl und auf die Ahnung, daß die Hauptstadt nicht zu halten ist. Trotzdem, und obgleich die Franzosen in Paris nicht bloß die Hauptstadt, sondern die Seele Frankreichs sahen und sehen, wollen sie nicht den einzig vernünftigen Schluß ziehen und um Frieden bitten, sondern sind eifrig bemüht, den Krieg fortzusetzen, immer noch eine Rettung erhoffend. Sie beachten nicht, daß ein wichtiger Teil ihres Landes zerstört ist und daß es Jahrzehnte zu seinem Wiederaufbau bedürfen wird; sie rennen blind und hartnäckig i ihr Verderben. i! Noch schlimmer steht es mit der Gesinnung Englands und Amerikas. Noch jüngst sind aus beiden Ländern die unseligsten Aeußerungen verbreitet worden. England verlangt von Deutschland nichts weniger als die Herausgabe seiner gesamten HandÄsflotte. Amerika geht noch weiter. Es fordert, daß die deutsche Flagge nicht mehr auf den Meeren sichtbar sein dürfe, und es will sich nicht eher beruhigen, als bis die amerikanische Fahne in Berlin wehe. Das find nicht bloß Phrasen, die von törichten Journalisten gebraucht werden, sondern ernstgemeinte Aeußerungen nüchterner Staatsmänner. Solchen Programmen kaltblütiger Vertreter hartnäckiger Nationen gegenüber ist nur der Widerstand bis aufs Aeußerste möglich; es ist ein Kampf auf Leben und Tod, der noch auf Jahre hinaus die Welt zu blutigsten Kämpfen Zwingt und schließlich die ganze Erde zu einem wüsten Trümmerhaufen verwandeln wird. Wir bleiben wachsam und gerüstet und werden nicht aufhören, für unsere Ehre und unser Dasein zu streiten. Auch sonst, wohin man blickt, sind die Verhältnisse wenig erfreulich. In Preußen sieht man der eventuellen Auflösung des Landtags entgegen, da der gegenwärtige sich wiederholt gegen eine Annahme der Wahlrechtsvorlage ausgesprochen hat. Im Deutschen Reichstag soll eine neue Kreditforderung vorgelegt werden; das bedeutet die zehnte Kriegsanleihe, nachdem die neunte vor einigen Monaten bewilligt worden ist. In Oesterreich ist ein derartiger Mangel eingetreten, daß die deutsche Heeresverwaltung mehrere tausend Tonnen Getreide dorthin liefern mußte und auch Ungarn sich veranlaßt gesehen hat, Lebensmittel zu liefern. In Ungarn selbst sind Streikunruhen ausgebrochen, die im gegenwärtigen Augenblick nicht unbedenklich erscheinen. Nimmt man dazu, daß jetzt, gerade beim Beginn des kalendermäßigen Sommers, statt der erwarteten Sonnenglut eine eher winterliche Temperatur herrscht, daß zwar der erwünschte und notwendige Regen eingetreten ist, aber begleitet von höchst empfindlicher Kühle, so wird das Gemüt verdüstert und kann einen rechten Frohsinn nicht aufkommen lassen. * In Wien hat, nach Dr. Blochs „Oesterreichischer Wochenschrift", ein Deutscher Volkstag getagt, in dem die Bürgermeister Weiskirchner, Kunschak, Mataja u. a. unerhörte Anklagen wider die Juden geschleudert haben. Die „Wochenschrift" schreibt darüber: Der Deutsche Volkstag ist zusammengetreten, itni sich feierlich als Stütze des Staates zu präsentieren und als Retter in der Not gefeiert zu werden. Als hochpolitischer Akt war diese ganze Veranstaltung gedacht, die den Beweis hätte erbringen sollen, daß die Deutschen in diesem Staate die Grundpfeiler des Reiches bilden, auf welchen sich ein künftiges, gefestigtes und glückliches Oesterreich erheben soll. Aber die Herren, die namens des gesamten deutschen Volkes dem Staate ihre Relterd'ienste anboten, hoben Regierung und Staat nach innen und außen einen bösen Dienst geleistet, als sie neben anderen Postulaten, deren Kritik nicht unsere Aufgabe ist, die Forderung aufstellten, daß die Ordnung im Staate durch dauernde Unordnung hergestellt, daß das Recht im künftiaen Oesterreich auf Unrecht und Verleumdung aufgebaut werde, daß Wien sich die Mittel zur Lösung der Judenfrage aus der Rüstkammer von Krakau und Wieliczka verschreibe. „Die jüdische Hydra", „das Judentum als Aussauger und Fremdkörver" — sind das nicht Töne, die wie eine Introduktion zu einer „Krakowianka" klingen? Erinnern die nur durch Geisteskrankheit entschuldbaren Ausbrüche des K. H. Wolf, Kunschak, die zuckersüßen Entstellungen des um die Zukunft der arischen Studenten so sehr besorgten Dr. Weiskirchner nicht an die längst verklungenen Vorspiele jüdisckier Tragödien in den uns angrenzenden Staaten im Norden und Südosten, die wir doch so gern als die abschreckenden Beispiele der Volksverdummung hinzustellen pflegten?! Und das soll nun Oesterreich von der vereinigten Deutschnationalen und Christlichsozialen Gnade in.den Frieden hinüberretten?! Das ist unmöglich! Es muß und wird doch endlich auch in diese Machenschaften ausklärendes Licht gebracht lverden müssen! Man wird an der Hand wahren und nicht entstellten Materials das verführte Volk darüber aufklären müssen, daß der größere Teil der Hinterlandhelden 'nicht mit den Juden, sondern mit diesen deutschnationalen und christlichsozialen Pseudopatrioten stammes- und gennnnngsverwandt ist, man wird dein gutmütigen, aber verhetzten Volke doch vor Augen führen müssen, daß die Quelle der Preistreiberei und des Schleichhandels nicht in den dunklen Kaffeehäusern der Leopoldstadt, sondern in ienen lichten Gefilden zu suchen ist, aus denen die zurückgehaltenen Lebensmittel und die größten Schreier auf den antisemitischen Volkstagen stammen. Die Regierung wird mit diesen Tatsachen zu rechnen haben und sie wird sicherlich nicht zugeben, daß Wien und der Westen des Reiches zu Schauplätzen solcher Handlungen herabgewürdigt werden, zu denen die antisemitischen Ueberpatrioten sie erniedrigen möchten. Aber wichtiger noch als das ist, daß die Juden sich endlich ermannen und .ihrer Pflicht, ihrer eigenen Würde und der Würde ihres Volkes bewußt werden. Niemals noch hat es sich in so niederschmetternder Weise gezeigt, wie verlassen wir sind, niemals noch, wie groß die Lüge von der Existenz einer sogenannten Judeirpresse ist, wie in den letzten Tagen! Das Jüdische Korrespondenzbureau im Haag berichtet: Der bekannte Zionistenführer Major Norman Bentwich wurde zum Generalstaatsanwalt und Appellrrchter für den von den Engländern besetzten Teil Palästinas ernannt. Die r n s s i s ch e n Juden in Engl a n d. Auf eine Interpellation des Abgeordneten King gab Macpherson, Staatssekretär im Kriegsministerilnu, folgende Erklärung ab: Die Regierung hat beschlossen, alle russischen Untertanen, die jetzt rekrutiert werden, nicht an der Front zu verwenden, sondern nur zu Hilfsdiensten heranzuziehen. King interpellierte dann den Minister für innere Angelegenheiten, ob ihm bekannt sei, daß die russische Regierung die militärische Konvention gekündigt habe und die russischen Untertanen nicht mehr verpflichtet wären, in England zu dienen. Der Minister für innere Angelegenheiten, George Cave, antwortete, daß die englische Regierung von: russischen Botschafter Litwinow befragt wurde, welche Maßnahmen sie in Hinblick auf die Konvention zu ergreifen gedenke. Weder die Telegramme der russischen Regierung noch dir Anfrage Litwinows enthielten eine Ungültigkeitserklärung der Konvention.

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