Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 26 (28.6.1918)
- Date
- 1918-06-28
- Page
- Seite 302 (sequence 2)
- Language
- German
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302 er das Evangelium verkündet, das die Mafien wünschen: kein Gott, kein Jenseits, keine Verantwortung! Aber die von ihm gepredigte Religion hat die Probe im Weltkriege nicht bestanden. Sie läßt sich in ihrem tröstenden, erhebenden, aufrichtenden Werte nicht mit der christlichen und jüdischen Religion vergleichen." — Vielleicht haben das Schwinden des religiösen Gedankens und die moralische Verwilderung der Mafien, die der Krieg gezeitigt hat, dazu beigetvagen, daß sich das gegenwärtig praktisch bedeutsamste Judenproblem — denn das Jüdenproblem ist gar vielseitig und mannigfach — zu einer so drohenden Größe entwickelt hat wie nie zuvor. Dieses Judenproblem ist der — Judenhaß. In dieser Beziehung sagt Breuer: „Ein unsichtbarer Reifen hält die Juden des Erdballs zusammen. Das ist der Haß. Er begleitet die Juden, wo immer sie auftreten, und nichts bringt ihn zum Erlöschen. Es mögen die Juden sich noch so nützlich und verdient ums Gemeinwesen gemacht haben: der Haß bleibt ihnen treu. Er ist abgetönt bis zur halb unbewußten Abneigung, ist verstärkt bis zum glühenden Fanatismus: vorhanden ist er immer. Dieser Haß ist eine unheimliche Erscheinung. Er findet sich zuweilen selbst bei Menschen, die sonst voll Güte sind und in der Höhenluft der Ideen sich zu Hause fühlen. Er trifft sich bei Männern an, denen Juden niemals das geringste Leid getan haben, und verträgt sich sogar nicht selten mit wahrer und echter Freundschaft zu einzelnen Juden. Er richtet sich nur in seiner gemeinsten, in seiner berufsmäßig antisemitischen Ausgestaltung als wahre „Schmach des Jahrhunderts" gegen bestimmte Personen und hat in seiner gegen das ganze Judentum an sich gerichteten Prägung einen fast metaphysischen Charakter. Nicht die jüdische Religion will er treffen, sondern die Juden. Gewiß äußert sich der Judenhaß zuweilen auch in widrigen Angriffen gegen Ideen und Einrichtungen der jüdischen Religion und sucht ihre Schriften in kleinlichem Eifer nach bedenklichen Stellen ab. Aber es ist nicht die Religion, die er eigentlich damit treffen will, sondern es sind die Juden. Für die dämonische Tiefe des Judenhasses zeugen die Ereignisse der Gegenwart. Eine Weltkultur liegt in Trümmern. Eine Weltkatastrophe ohnegleichen hat das alte Staatensystem zersprengt und die Gemüter in ihren Gründen erschüttert. Aber flehe! Aus dem ungeheuren Schutt, der heute das Antlitz der Erde deckt, züngelt von Land zu Land, weithin sichtbar, die fahle Flainme des Judenhasses empor. Juden nicht minder wie Christen decken aufden Schlachtfeldern der Erde in gleicher Weise als Leichen den Plan. Aber selbst die Flammen des Totenbrandes schlagen nicht zusammen, sondern teilen sich, weithin sichtbar: ein Schauder erweckender Anblick! Nickt einmal das gemeinsame Leid konnte Versöhnung bringen. Nicht einmal der furchtbare Schmelztiegel dieses Krieges konnte die widerstrebenden Elemente verschmelzen. Judenzählung hier, Münderung der Judenläden und Totschlag der Juden dort. Bezichtigung der Juden wegen Verrats, wegen ungeheurer Kriegsbereicherung, ja Bezichtigung der Schuld am ganzen Kriege: fast scheint es. als ob von allen Internationalismen der — Judenhaß allein übriggeblieben ist." Breuer erklärt dies damit, daß die Juden als fremd von allen empfunden werden. Mit eigenen Fehlern müsse man sich absinden und inüfie sehen, wie man mit ihnen am besten fertig wird. Aber gegen Fehler Fremder bäumt man sich auf und stellt Betrachtungen darüber an, wie man die damit Behafteten am ehesten loswcrden kann. Nur die Wissenschaft vermag diese Einheit des Judenhasses zu erklären. Seit meiner Jugendzeit stehe ich mit einem wissenschaftlich hochstehenden Manne iwfreundschaftlichem Briefwechsel, der Christ und konservativ gesinnt ist und sich in der deutschen Vaterlandspartei hervorragend betätigt. Er bedauert lebhaft die vollkommene Ablehnung der überwiegenden Mehrzahl der Juden gegenüber dem Alldeutschen Verbände und der Haterlandspartei. Ein Jude könne sehr gut Mitglied des' Alldeutschen Verbandes und vor allem der Vaterlandspartei sein, wie ja auch tatsächlich einzelne Juden es sind. Die antisemitische Strömung im Alldeutschen Verbände ist wohl erst als Gegenwirkung gegen die Bekämpfung der Alldeutschen von jüdischer Seite entstanden. Den Begründern der Vaterlands- Partei hat aber jeder Gegensatz gegen das Judentum ferngelegen. Einer derselben, Dirichlet, stammt ja selbst von Mendelssohn mb. In der Vaterlandspartei steckt nichts Antisemitisches. Wenn wirklich irgendwo einmal ein Mitglied der Vaterlandspartei sich antisemitisch geäußert haben sollte, so hat das gar nichts mit den Bestrebungen der Vaterlandspartei zu tun. Die Vaterlandspartei war eine nationale Notwendigkeit, und die Juden sollten massenweise in sie eintreten. Das ganze Problem wäre damit aufs schönste gelöst. Dies die Ansicht meines alten Freundes- Ob da-' st allein aber das Judenproblem gelöst werden würde, möchten wir bezweifeln. Denn der Antisemitismus ist eine Krankheit, genau so, wie der — Alkoholismus, nur daß man die Antisemiten nicht samt und sonders in eine Heilanstalt bringen kann, aus der sie, von ihrem Judenhaß befreit, als enthaltsame und liebevolle Philosemiten herauskommen. Aber wie man den chronischen Alkoholismus, diese schwere Volkskrankheit, diesen Krebsschaden am Körper der Menschheit, der schon so viel soziales Elend hervorgerufen und so viel Lebensglück vernichtet hat, .vor allem durch allgemeine Belehrung und Aufklärung zu heilen sucht, so muß es auch mit der Krankheit des Antisemitismus geschehen. Diese Belehrung und Aufklärung muß. sich vor allem gegen die Vorurteile richten, die man den Juden gegenüber noch immer hat. Es muß aber auch von der Vertretung der deutschen Judenheit, wie sie heutzutage besteht, entschieden dagegen Stellung genommen werden, daß Ansichten einiger radikaler Köpfe, die zufällig jüdischer Abstammung sind und einen jüdischen Namen tragen, Ansichten, die von der weitaus überwiegenden Mehrheit der Juden mißbilligt werden, als „alljüdisch" bezeichnet und dem Judentum zur Last gelegt, daß für die Verfehlungen einzelner Juden während des Krieges — die ebenso bei Christen Vorkommen — das Judentum oder die Gesamtjudenheit verantwortlich gemacht ttritb3). Anderseits müssen die Juden an sich selbst zu arbeiten und alles zu vermeiden suchen, was die bestehenden Vorurteile zu erhalten und zu nähren vermag. Es gibt genug Arbeit auf humanem und sozialem Gebiete, was Christen und Juden zusammenführt. So lernen sie einander kennen und verstehen und gewinnen Vertrauen zueinander. Und wie jetzt draußen die deutschen Helden kameradschaftlich ohne Unterschied des Glaubens in Not und Tod, Schulter an Schulter gegen den Feind kämpfen und ihr Blut für das gemeinschaftliche Vaterland vergießen, so soll auch zu Hause alles Trennende zurückgedrängt, alles, was die innere Eintracht erhalten kann, gefördert werden. Nur durch ruhiges, versöhnliches und sachliches Zusammenarbeiten, sine ira et studio, ohne Haß und Vorurteil, werden die Gegensätze ausgeglichen, wird der Friede wiedergewonnen, wird auch da? Judenproblem gelöst werden können. *) Ich stimme also mit Dr. Alfred Wolfs in seinem Artikel „Judcufrage und Erhaltung des Judentulns" (Nr. 21) überein, wenn er viel von Aufklärung und von einer Abwehr von Uebergrifsen, aber nudi von einem ständigen Eindringen demokratischer Grundsätze in die Politik der Regierungen für die Lösung der Jndenfrage erwartet.