Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 26 (28.6.1918)
- Date
- 1918-06-28
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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82. Jeftrgang. Nr. 26 Berlin, 28. Juni 1918 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements »Preis: durch den Buchhandel öder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 324» Begründet »on Habbitter vr. Subtoig Philipps-» Unter Leitung des Seheime« Rrgierungrrats Professor -r. Ludwig Seiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. tTftftftlf* Das Judenproblem. Von Sanitütsrat Dr. Scherbe! IMm?**** (Lissa i. P.). — Die Woche. — Rabbiner Dr. Simon Friedmann in Lublinitz. — Aus dem Jahresbericht der Israelitischen Allianz zu Wien. — Neutralität und Religion. Von Dr. jur. E rn st E mil S ch w e i tz e r (Breslau). — Jüdische Kriegerheimstätten. Von Herrmann Becker.— Feuilleton: Jedem das Seinige. Roman von M. Pulvermann_ Miszelle. — Literarische Mitteilungen. — Büchereinlauf. Der Gemeinde-ote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Krotoschin, Breslau, Hamburg, Münster, Elberfeld, Detmold, Frankfurt a. M., Colmar i. Elf., Warschau. — Von Nah und Fern. Vas Iudenproblrm. Von SanAAArat Dr. Scherbe! (Lissa i. P.). er Verfasser des lesenswerten Buches „Juden- Problem"*), I. Breuer, betrachtet als das hauptsächlichste Judenproblem die sonderbare Erscheinung, daß eine ganze Reihe von seit Jahrhunderten, seit Zerstörung des jüdischen Staates durch Titus, über den Erdkreis zerstreuten Menschen eine Einheit bildet, die weder auf staatlicher noch auf sonstiger Organisation beruht. Diese Einheit ist ihm eine durch die Geschichte begründete Einheit. Den Judenftaat, der jetzt wieder aufgerichtet werden soll, hat Titus zerschlagen können, der jüdischen Idee, dem Judentum gegenüber war er machtlos. Denn Ideen sind nicht von dieser Welt. Es gibt nur Bekenner des Judentums, aber es gibt keine Glieder des jüdischen Volkes. Juden stehen im Gegensatz zu Christen, . zu Mohammedanern und Heiden, aber sie stehen nicht im Gegensatz zu Deutschen, Franzosen, Ruflen. Die internationale Religionsgemeinschaft der Juden, die man in diesem Zusammenhang gern Israeliten nennt, ist der internationalen Religionsgemeinschaft der Katholiken völlig gleichzusetzen. Ein Judenproblem in wissenschaftlichem Sinne ist somit überhaupt nicht vorhanden, aber die Einheit der Juden in ihren Beziehungen und Schicksalen ist nicht zu verkennen. Gewiß steht das Judentum als Religionsbekenntnis zunächst im Gegensatz zu den übrigen Religionen und erscheint als Idee nicht geeignet, Volk von Volk zu scheiben. Aber im Grunde ist es ja-gar nicht das Religionsbekenntnis, das ausschließlich zwischen Juden und Nichtjuden steht. Es ist das Gefühl des Anders-, wenn nicht gar des Fremdseins, das sie trennt, ein Gefühl, das auf den Unterschied des Religionsbekenntnisses ganz und gar nicht zurückgeführt werden kann. Die Antisemiten nennen es Rassenverschiedenheit. Es gibt bei uns in Deutschland sehr viele Juden, denen man ihr Religionsbekenntnis überhaupt nicht anmerkt. Soweit sich h „Judenproblem." Von I. Breuer. Verlag Otto Hendel, Halle (Saale). Das Buch ist allen, die sich über die Judensrage m ihrer verschiedenen Gestallitimg orientieren wollen, bestens zu ernpsehlvn. Wir vermissen jedoch einen Versuch zu einer durchgreifenden Lösung tes Judenprvbbeins. Vielleicht halt das der Verfasser m einer zweiten Auslage nach. dieses Religionsbekenntnis im Monotheismus erschöpft, tritt es praktisch gar nicht in die Erscheinung und sieht zudem (nach Breuer) dem extrem-liberalen Protestantismus so' ähnlich wie ein Hühnerei dem anderen. Dazu kommt noch, daß bei den deutschen Juden der Gegenwart von einem einheitlichen Religionsbekenntnis schon seit den Tagen der Judenemanzipation nicht im mindesten mehr die Rode sein kann. Die orthodoxen Juden Deutschlands sind von den liberalen Juden Deutschlands dem Religionsbekenntnis nach durch eine weit, weit tiefere Kluft geschieden, als die liberalen Juden von den liberalen Protestanten, was bekanntlich auch die Schaffung einer Gesamtorganisation des preußischen Judentums bisher verhindert hat. Indessen in einer Zeit, in der eine gewisse Richtung im Judentum die religiöse Idee gegenüber der nationalen zurücksetzt, in der eine neue Religion, der Haeckelsche Monismus, sich anschickt, titanenhaft mit den Umsturzideen von Kraft und Stoff die bisherigen Gotteslehren zu stürzen, wird es nicht unwichtig sein, aus die religiösen Grundgedanken des Judentums zurückzugreisen, wie sie die Propheten verkündet haben und wie sie, allem inneren Hader zum Trotz, jedem wahrhaft religiösen Juden seinen Himmel schaffen, wo sie, als ewige Wahrheit, „droben hangen, unveräußerlich und unzerbrechlich wie die Sterne selbst". Dieses wichtigste Judenproblem habe ich merkwürdigertveise besonders schön von einem Christen dargestellt gesunden, und zwar von Prof. D. Theodor Simon in seiner Arbeit „Eine nxue Religion und die Probe auf ihren Wert"^. Er schreibt darin: „Etwas von der Wundermacht, das stärker ist-als Not und Tod, offenbart jede echte Religion. Ihre tröstende Kraft zeigt sich an den Betten schwerverwundeter und sterbender Krieger und in den Häusern, in die die Schmerzensnachricht von dem Heldentod eines lieben Angehörigen drang. Diese Kraft trägt der Christenglaube in sich. Aber auch das Judentum hat sich, als sein Nationalstaat zusammenbrach, um seine Religion geschart und ist, zerstreut in der Welt und getreten von der Welt, e i n Volk geblieben, und im frommen jüdischen Hause schöpft man auch heute in der Kriegsnot aus den alten Propheten und Psalmen reichen Trost. Eine neue Religion ist in den letzten Jahrzehnten am Himmel des Abendlandes und besonders über unserem deutschen Lande aufgegangen, die mit den alten Glaubensweksen den Kamps aufnimmt und Besseres als sie zu bieten vorgibt. Es ist der Monismus, der alle Jenseitigkeit verwirft und als Religion der Diesseitigkeit den Menschen sich selber wiederzugeben verspricht. Der populärste Vertreter des Monismus in Deutschland aber ist gegenwärtig noch immer Ernst Haeckel. Er ist der Patriarch und Prophet der neuen „Religion", dem die Massen zujnbeln, weil „Daheim" Nr. 12, 1918. Leipzig.