Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1918)
- Date
- 1918-06-21
- Page
- Seite 299 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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einem Aussatz von Moses Fried: „Biographisches über Benjamin: Wolf Ehrenkränz." Dieser jüdische Volksfänger (t826 bis- -1883) -könnte gewiß durch eine anziehende Studie in Deutschland recht lebendig' werden. Der Arbeit des Herrn Fried aber muß man etwas ablehnend entgegentreten, da sie sehr wenig anmutig geschrieben ist und einen recht .ungeordneten Eindruck macht. Die mitgeteilten Proben der Lieder jenes Vdlkssängers sind nicht charakteristisch genug, können daher ein volles Lebensbild nicht gestalten. Welch hübsche Aufgabe wäre es gewesen, diesen Volkssänger, der in Galizien, dann in Rumänien, schließlich in Konstantinopel lebte, plastisch herauszuarbeiten, einen Mann, der sich teils mit der Eigentümlichkeit der Juden beschäftigte, teils eine gewisse Aufklärung anstrebte, die er auch schon in seinem wohlgepslegten Anzug und in seinem ganzen äußeren Auftreten verriet, teils die politischen Verhältnisse streifte und gegen die unwürdige Behandlung, die die Juden seitens der rumänischen Regierung erduldeten, flammenden Protest erhob. * Es war ein Mann, -der aus'der Unbildung seiner Umgebung herausragte und sich und die Seinen auf eine höhere Stufe zu heben versuchte; doch besaß er nicht die Kraft, durch sein Leben und sein ganzes Wirken rechte Würde zu zeigen und zu wahren. Wahrlich ein schöner Stofs, der zu literarischer Kleinmalerei und zu psychologischer Vertiefung reizte. Leider fehlen dem Verfasser die dazu nötigen Gaben. Statt einer anziehenden Darstellung hat er uns nur eine zwar reichhaltige, aber ziemlich .ungeordnete Materialiensammlung geboten, an der man Leine rechte Freude hat. L. G. — Die Bedeutung des Judentums für den religiösen Fortschritt der Menschheit. Vortrag von Dr. Hermann Cohen, ordentlichem Professor der Philosophie, Geheimem Regierungsrat. Universität Marburg. Sonderausgabe aus dem Protokoll des 5. Weltkongresses sür freies Christentum und religiösen Fortschritt, Berlin 1910. Sechste Auflage. Preis 60 Pfennig. Berlin-Schöneberg 1910, Protestantischer Schriftenvertrieb G. m. b. H. Die Schrift ist älteren Datums. Sie muß noch einmal genannt werden, weil sie das Programm des unvergeßlichen Lehrers enthält. Die Forderungen der Sittlichkeit, der Freiheit, der Reinheit des Menschen werden ausgestellt und beredt begründet. Der Gegensatz gegen das Christentum, aber auch die Uebereinstimmung mit der weltbeherrschenden Religion werden dargetan. Das alles geschieht in schöner, edler, mäßig gehaltener Spruche. Wir alle, die wir unter der fürchterlichen Rot der letzten Jahre, der Zerstörung des Wohlstandes, der Vernichtung aller Kulturarbeit leben und leiden, werden die Sätze des verstorbenen Meisters mit inniger Befriedigung lesen, der seine Anschauungen am Schluß (S. 16 ff.) in folgende Worte zusammenfaßt: „Dagegen steht das Judentum, bedrängt, beschimpft, verleumdet und politisch yintergangen, wie dies leider nicht nur von Rußland gilt, dennoch allen Gefahren und allen Schädigungen und staatlichen Verführungen zum Trotz aufrecht da als ein Hort des religiösen Fortschrittes, auch in dem Sinne, daß innerhalb seiner Gemeinde die Frage nicht entstehen kann: Sind wir noch Juden? Der Satz des Talmud hat lebendige Wahrheit behalten: „Wer Höre, Israel!' ruft, ist Ju-de!" Wir modernen Inden hegen unser Judentum nur als beu Glauben an den einzigen- Gott, und wir anerkennen nur diejenigen Pflichten, welche mit diesem Grundglauben zusammenhängen. Welche Bürgschaft diese Glaubenstreue bietet in einer Zeit, in der der Glaube an Gott so schweren Erschütterungen ausgesetzt ist und in der innerhalb der Kulturwelt höchst entwickelten Religion selbst die dogmatischen Schwierigkeiten den Grund des Gottesglaubens berühren, das sollte als ein tiefes Problem bedacht werden." , „Es ist weder meine Ausgabe noch meine »ficht, den Propheten zu spielen und der geschichtlichen Entwickelung den Weg vorzuzeichnen. Indessen fordert es mein Thema, auf dasjenige Moment des religiösen Fortschritts noch kurz hinzuweisen, welches in -der Konzentration des modernen Judentums auf. die prophetische Gottesidee für die Religion überhaupt besteht. In dem Interesse und dem Verständnis sür diese Konzentration wird auch erst die wahrhaft .geschichtliche Einheit erschlossen. So wenig Christus der prophetische Messias ist, so wenig deckt sich der mit Christus vereinigte Gott mit dem einigen Gotte der Propheten. DaS Verständnis der alten- und lebendigen Religion muß unabhängig gemacht werden von dem, was die Folgezeit gebracht hat. Der Grundgedanke der alten Religion ist nicht die Folge, sondern die Zukunft, in ihrer-' Sprache^MZ-'Ui'de Mi ch umlernen, man muß vonneuem.Mfangen.' -; — „Und was schon die' Wissenschaft fordert, das fordert gebieterisch die Not der Zeit. 'Es gilt, den Glauben wiederzugewintten an'die sittliche Wiedergeburt, an die sittliche' Zukunft der Menschheit. Es gilt, diesen Glauben wiederzugewinnen gegenüber der Selbstsucht der Völker und dem Materialismus der Stände. Nur in sozialer Sittlichkeit und nur in weltbürgerlicher Humanität atmet derechte lebendige Gott, den die Propheten Israels zmn Gotte Israels und zürn Gotte der Menschheit gemacht haben." L. G. — Anna G o l d s ch m i d t: „D t ch t e r r.u h m". Sonderdruck ans dem „Jahrbuch für Jüdische Geschichte und Literatur 1918^. Die talentvolle Schriftstellerin, von der Wir in diesen' Blättern schon manche Novellen und Romane gebracht haben, Äht sich nun auch an anderer Stelle mit einer .originellen Darbietung pernehmen. Sie pflegt auch hier ihre Eigenart, hübsche Bilder aus dem. jüdischen Leben einer Kleinstadt zu zeichnen. Frau Frieda Böhm,'die in Kroto mischet (natürlich ein fingierter Name, der nicht durch eine bekannte Posensche Stadt ersetzt werden darf) an einen' braven, etwas prosaischen Mann verheiratet ist, setzt sich mit Mühe trotz der Abneigung der Ihrigen als Schriftstellerin durch. Jüdische Sitte und jüdische Sprechweise des ganzen Kreiseswerden mit Geschick und gutem Humor dargelegt. Der Widerstreit höherer Aspirationen mit der ganzen plumpen unterdrückenden Konvention einer kleinstädtischen jüdischen Gesellschaft, die täppische - Z-udrmgUchkeiL "vines abenteuerlustigen Reisenden, die sittliche Festigkeit kleinen, tapferen Frau, die. alle Widerstände, gegenihr anders geartetes Wesen glücklich besiegt,- und schließlich die innere Entwicklung dieser tüchtigen Frau, die, -ohne eine hervorragende -Dichterin All sein, sich aus dem Alltag heraus,sehnt und den Mut besitzt, dieses Sehnen offen zu betätigen, werden frisch und lebendig dargestellt. Man hat bei dieser Novelle wie bei allen belletristischen Arbeiten der Verfasserin das angenehme Gefühl, daß man es mit einer eigenartigen Schrifrstellerin zu. tun hat, die scharf beobachtet, von Liebe zu ihrem Gegenstand erfüllt ist, die, frei von der anderen jüdischen - Schriftstellerinnen anhaftenden Verschönerungssuchtauch den-Mut besitzt/'Unebenheiten und Mißstände aufzudecken, und, ohne verletzen zu wollen, mit seinem Humor solche Zustände beleuchtet. Man empfindet der diesen fein erdachten, sinnreich ausgear beiteten und gut da-rgestellten Skizzen volles Bichagen. Wir hoffen, auch in unseren Spalten der treulichen Erzählerin bald wieder zu begegnen. . L. G. Das Hohe Lied der Liebe. 'Des königlichen-' Sanges Salomon Mmnelieder. - Ins Neuhochdeutsche »vertragen von H. A. Grimm. Verlag von Wilhelm Borngräber, Berlin. Im Grunde haben diese Gedichte mit Salomons Hohem Liede herzlich wenigzu tun. Es sind vielrnehr die Dichtungen eines unbekannteu deutschen Poeten, der um 1350 gelebt haben soll. Dichtungen, die Zwischen der Lobpreisung weltlicher und geistiger Liebe schwanken und die zum Ausdruck ihrer halb mystischen, halb irdischen Gefühle sich an die Ansangsworte der einzelnen Kapitel des Hohen Liedes - anlehnen. Solche uns innerlich fremden Verzückungen zu übersetzen, ist sehr schwer, und wie der Uebersetzer sich mit selner Vorlage abgefunden hat, verrnöchte ich nicht zu sagen. Die uns vom ihnr gebotene Fassung — und das ist ihr großer Fehler — ist nicht einheitlich. Bald bemerkt man das Bestreben des Nachdichters, ganz modern zu sein, bald sein. Verlangen, mittelalterliche Sprechweise nachzuahmen; dadurch kommt in das Ganze eine Unsicherheit,, die den Leser nicht zum rechten Genüsse kommen läßt. Zwei Stellen: die eine (S. 37) „Komm, mein Lieb, vom Libano, Komm herab zu mir, sei froh" , . und die andere- (S. 54), die absolut unverständlich ist, „Des Stromes, der vom Libano Kommt, , bist du gewaltig so" sind so schlimm, daß man ihretwegen das ganze MWei-n verdammen müßte. Doch gegenüber solchen und ähnlichen. Platten und undichter ifchen Stellen steht manches Zarte und Feine, an dem nrau seine Freude haben kann. Das Hübscheste an dem Büchlein ist. seine prächtige Ausstattung und der schöne Druck. . L G. Judenrecht. Von Dr. M. W. Nappaport. Sonderdruck aus Heft 16 der „K. C.-BWter", Dtärz/April 1917. Der Verfasser unterscheidet geschichtlich, nicht theoretisch vier Arten des Judenrechts. Als die letzte,- vierte, bezeichnet er die Form- - -chaß