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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-06-21 · Heft 25 (21.6.1918) · p. Seite 297

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 25 (21.6.1918)
Date
1918-06-21
Page
Seite 297 (sequence 9)
Language
German
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aw Vom LGKsttm rum GkiÄkslten. (Schluß.) Erzählung von W. Schweitzer (München). midwar fcheker tirchok")", war bei ihtn auch den unwichtiigsden Aeußevungen gegenüber streng dürchgesührtes Prinzip, und mit dem wahren Grund wollte er nicht hervovtreten. Da schlug er einen Mittelweg ein: „Warum sollst du nicht auch einmal Wiesbaden, das so viel Naturschönheiten bietet, sehen und fremde Menschen kennenlernen? Ich werde dich morgen mit einer Familie, die ich täglich auf der Promenade treffe, bekanntmachen. Ich habe ihr von dir schon erzählt, und so wirst du ihr als gar kein Fremder gegenübertreten." So sehr Zirndorser sich auch zu beherrschen suchte, die innere Erregung zitterte durch seine Worte. Er fühlte den festen Blick Davids auf sich gerichtet, und auch der junge Mann mochte mehr hinter den Worten entdecken, als sie zu sagen schienen. Nachdem David etwas genossen und von den Vorgängen im Hause während Zirndorfers Abwesenheit Bericht erstattet hatte, machten sie einen Spaziergang durch die Anlagen. Mit vielen Bekannten wurden Grüße gewechselt und kleine Gespräche geführt, doch Zirndorser war zerstreut und gar nicht zu langen Unterhaltringen aufgelegt. So sehr beschäftigten seine Gedanken die Lösung des Problems. Sie zögen sich frühzeitig auf ihr Zimmer zurück, David, des Reifens ungewohnt, fiel bald in tiefen Schlaf, aber Zirndorser verbrachte eine schlaflose Nacht. . Nicht anders war es in der Familie Schwab. Das große Ereignis beschäftigte zu sehr ihr Gemüt, und für eine Füllsi von Fragen suchten sie schon vorher die Lösung. Wird die Stimme des Blutes ihn zu uns hinziehen? Wird nicht ein Grqll infeiner Seele Zurückbleiben? Wird er mehr für seine bisherigen Wohltäter, hie ihn zu einem nützlichen Wesen herangebildet haben, empfinden als für seine Eltern, die ihm in allem fremd und unbekannt sind? Wird er sich losreißen können, aus dem bisherigen Kreis, wo er feste Wurzeln gefaßt hat, und bei uns ein neues Leben beginnen wollen? Ihr lieben Eltern, was quält ihr euch mit solchen Gedanken! Es ist allerdings wahr, die Liebe der Eltern zum Kinde ist bedingungslos, ist naturgemäß. Die Mutter verteidigt und beschützt ihr Kind. Wenn es ihr Fußtritte gibt, ist sie noch imstande zu sagen: „Kind, du hast dir dpch nicht weh getan!" Die Liebe des Kindes zu seinen Eltern will anerzogen sein. Es hat ein feines Empfinden, ist ein feiner Seelenkenner. In seiner Aeußerung: „ich bin Mamas Kind, ich bin Papas Kind" liegt mehr als ein bloßes, scheinbar automatisch hingesprochenes Urteil. Dem denkenden Menschen ist sie ein Blick in das Seelenleben des KindeS und ein Blick in die verkehrte Bahn der Kindeserziehung. Ihr guten Eltern könnt beruhigt sein. Euer Sohn wird mit Freuden seine Hände euch entgegenstrecken und „Vater und Mutter" werden jetzt aus seinem Munde einen anderen Klang haben als damals, da er im Hause Hänlein seine Pflegeeltern anredete. Er wird wohl ein dankbares Gefühl für sie zurückbehalten, sie haben ihn doch dem Leben zugeführt, und er wäre am Ende von der Zigeunerlaufbahn auf die der Wegelagerer geraten. Euer David ist kein leichtlebiges Blut. Seinem jetzigen Lehrmeister verdankt er noch viel mehr. - ^) Halte dich von der Lüge fern. Er hat ihn zu einem Beruf herangebWetder seiner tiefsten Neigung entsprach und in dem er W^wohlsühlt. Zirndorser hat noch mehr getan. Ohne Aufdringlichkeit hat er ihm das Wesen des Judentums, feine Lehren und seine Anschauungen vermittelt und hat ihm damit den Boden vorbereitet und die Brücke geschlagen, daß er den Weg zu eurem Herzen sofort findet. Er wird euch nicht verantwortlich für den bösen Zufall machen, der ihn euch entführt hat. Er wäre unter euren Äugen auch nicht anders geworden. - - - * VI. Die Begegnung. Zur verabredeten Stunde erschien die Familie Schwab an dem vereinbarten Zusammenkunftsort. Herrliches Frühjahrwetter. Wolkenloser Himmel, aus dem der Aeuerball glühende Strahlen herniederfandte. Blühende Bäume und Sträuchec spendeten dazu verschwenderisch ihren würzigen Duft. Sie hatte nicht lange zu warten, da erschien auch Zirndorser mit seinem Schützling in lebhafter Unterhaltung. Absichtlich blieb er mit David einige Schritte vor Schwab stehen, um 'das Gespräch zu Ende zu führen. Er wußte es so zu fügen, daß Schwab in dieser Entfernung das Gesicht seines Sohnes genau betrachten konnte. Eltern, die ihre Kinder ständig um sich haben, erkennen die Aehnlichkeit weniger. Ein Fremder findet sie mühlos heraus, Schwab und seine Frau hatten ihren Blick geschärft, und es war ihnen kein Zweifel, daß sie ihrem verloren geglaubten Sohn gegenüberstanden. „Trägt er nicht dieselben Gesichtszüge wie unsere Flora. Diese braunen, zum Schwärmen und Nachsinnen blickenden Augen, die nach unten leicht sich wölbende Nase, die Form der Stirne, die kleinen schöngeschwungenen Ohren, das leichte Neigen des Kopfes zur Seite — sind das nicht uns gemeinsame Eigentümlichkeiten? Es ist unser Sohn", lautet das einstimmige Urteil. Nun trat Zirndorser mit David an die Familie heran, stellte seinen Schützling vor, und die Unterhaltung lies bald auf lebhaften Bahnen. Während Zirndorser sich mehr an die Eltern wandte, suchten die Töchter den neuen Bruder in ihr Gespräch zu ziehen. Auf jedes Wort lauschten die Eltern; sein Menen- und Gebärdenspiel wurde von ihnen beobachtet, und der Gedanke, es kann nicht Zufall und kann nicht Täuschung sein, verdichtete sich immer mehr zur Gewißheit. Ein Spaziergang wurde unternommen, wobei Mchael Schwab mit David hinter den übrigen zurückblieb. Er fragte ihn nach seinen Eltern, nach seiner Heimat, nach seinen Erlebnissen. „Ich bin ein heimatloses Kind, ich kenne meine wahren Eltern nicht, weiß nicht, wo Meine Wiege stand. Bei fremden Menschen bin ich grohgezogen worden, und so habe ich das Gefühl, das man wahren Eltern entgegenbringt und das auf mich zurückströmen würde, niemals kennengelernt. Noch habe ich die Hoffnung nicht ganz aufgegeben, eine innere Stimme ruft mir zu: „Harre aus!" Kann das aber nicht eine Täuschung sein? Fände ich meine Eltern im tiefsten Elend, ich wäre der glücklichste Mensch unter der Sonne, sie umarmen zu dürfen. Würden sie aus der Höhe menschlichen Glückes wandeln, ich würde nicht anders fühlen." „Ich will Sie nicht betrüben," setzte Schwab ein, „wenn ich aus Interesse, das mich für Sie einnimmt, mit weiteren Fragen Sie behellige. Sie mögen im zartesten Kindesalter Ihren Eltern entrissen worden sein, nehmen wir an im zweiten oder dritten Lebensjahre, sollte Ihnen da auch nicht die geringste Erinnerung geblieben fein? Das Gesicht Ihrer Eltern, der Klang ihrer Stimme sind auch oft untrügliche Merkmale. In jenem Alter haben Sie doch nur diese Stimmen fast ausschließlich gehört." .

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