Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1918)
- Date
- 1918-06-21
- Page
- Seite 296 (sequence 8)
- Language
- German
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2Z6 Sit fördern suchte. Matt weiß, in welch hohem Maße Bbrbildliches in Hannover unter seiner'rührige« 'MfßviÄüng 'Merfbet worden ist. Daß erin dett großenOrganisationen desdeutschen Judentums an hervorragender Stelle stand, üürftebekannt sein. Daß er mit größer Hingebung der Armeen und Bedrückten stch annahnh bedarf nach alledem keiner besonderen Versicherung. Kirr sie alle-bedeutet sein Heimgang einen bedeutsamen Verlust. - - - Literarisch - tft, Jer mannigfach'hervorgetreten durch Arbeiten gelehrter Forschung und durch 'die'BüchE die det religiösen Praxis galten. Seine Predigtsammlung, die er seinen Bezirksgemeinden widmete, und seine „Genealogischen Studien über die alten jüdischen Familien Hannovers", über die übrigens auch von christlicher Seite eine bemerkenswerte Besprechung in der ^Historischen Zeitschrift für NiÄersachsen"' 'erschien«!: ist, werden chm in der einschlägigen Literatur einen dauernden Platz sichern. Er hatte das Glück, seine Verdienste nach Gebühr -gewürdigt zir sehen. Das kam am beredtesten bei seinem 25jährigen Amtsjübiläum zum Ausdruck, bei dem ihm aus allen Kreisen in denkwürdiger Feier freudige Teilnahme und Verehrung entgegengebracht wurde. Er hat damals selbst gesagt, das sei der schönste Tag seines Lebens gewesen. Er durste sich -seiner Kinder freuen, die ihm an der Seite seiner -verständnisvollen Gattin erblühten, der Enkelkinder, die die Tage seines Alters verschönten. Gastlich war sein Hans allezeit seinen Freunden, Amtspersonen und Mitarbeitern geöffnet. . Am t l.Mär'z bereitete ihm seine Genreinde in ihrem herrlichen Gotteshause eine würdige Trauerfeier, in der ein überaus großer Kreis von dem Heimgegangenen Freunde Abschied nahm.' Karl Marx. Von Dr. Erich Marx. rindert Jahre sind verflossen, seit in der Moselstadt Trier dem jüdischen Rechtsanwalt Marx, demSprößling einer alten Gelehrtenfamilie, ein Sohn geboren wurde, der den Namen ,Karl empfing. Die Bande, welche den Vater an das Judentum fesselten, waren schwach, und als ihm die reaktionäre preußische Gesetzgebung jener Tage Schwierigkeiten in der Ausübung seines, Berufs machte, zerrissen sie vollends. So kam es, daß Karl Marx, noch im Kindesalter, der christlichen Religion zngeführt wurde. Im Besitze des Entreebilletts der europäischen Kultur, wuchs der gescheite Knabe zu einem bildungshungrigen Jüngling heran, und der superkluge junge Mann tummelte sich in allen denkbaren Zweigen des Wissens umher, stürzte sich, zur Universität gelangt, in alle Tiefen und Untiefen der Philosophie, durchschaute alsbald alle Schwächen aller'Systeme und wandte sich unbefriedigt und voll nervöser Unruhe einem Gebiet zu, das damals noch wenig beackert war, der Soziälwissenschast. Sein revolutionärer Geist läßt ihn auch hier bald erkennen, daß alles bisher Dargebotene eitel ist, daß das Idol seiner Kreise und seiner Zeit, die französische Revolution, nur Blendwerk ist, das die wirklichen Pöte der europäischen Menschheit im Dunkel läßt. Er verläßt die Lehrstühle der Berliner Weltweisen, um in der freieren Atmosphäre! des Rheinlands seine aufkeimenden Ideen weiter auszubauen. Ein Versuch, in den Lehrkörper der jungen rheinischen Universität eingudringen, mißlingt, und der schon am Rande bürgerlich-möglicher Ideen stehende verunglückte Privatdozent wird Nun revolutionärer Redakteur. In Köln wird unter Üleberlistung der Zensur eine Zeitung aufgemacht, und artikelweise'wird der Zündstoff ins Volk geworfen.' Da rafft sich die Polizei auf, und der junge Mensch, der inzwischen die Jugendfreundin, die Geheimratstochter Jenny v. Westfalen geehelicht hat, wird von Köln-nach Paris, von Paris nach Brüssel gehetzt. Als Verfasser des Kommunistischen- MäMfests kommt er zur.Revolutionszeit noch einmal; zurück, muß.abermals weichen und flieht nun nach London, dem Zentrum des verhaßten Kapitalismus, der Zuflucht aber auch der verfolgten revolutionären Geister aller- Grade) Völker und Zonen. Hier verbringt er ein Menschenalter, lange Zeit inhöchst kümmerlicher Lage. Dann geht es ihm besser/ dank der Hilfe seines in der Theorie ihm seelenverwandten Freundes Friedrich Engel, der jedoch, -der Erbe eines Kaufmanns-Hauses, Kr den Erwerb seiner Lebensbedürfnisse mehr praktischen Sinn aufzubringen imstande, war als der Sproß -der rheinischen Rabbinersamilie. Der Ehe mit Jenny, einem Weibe von seltener Seelengröße und Hingebung, -entspringen mehrere Töchter, die namhafte Sozialisten ehelichen. . In- London schreibt Marx das „Kapital", jenes Buch voll seltsamer Rechenwunder, wo mit der Schärfe der Arithmetik nachgewiesen werden soll, daßUnternehmergewinn gleich Ausbeutung ist, daß die Volkswirtschaft zur Vertrustung des Privateigentums in wenigen Händen drängt, daß der so entstehende Mammutbesitz zur Uebernahme durch die im Staate vollzogene Gem-einschast aller Bürger reif wird. Und am dem Proletariat für diesen Augenblick, den er herbeisehnt, die Organisation rechtzeitig, zu schaffen, gründet Marx die „Internationale", deren erster Präsident er wird. Ueber das Judentum hat der Vater des modernen Sozialismus nicht gut gedacht. Er schätzt es in keiner Hinsicht, und daß der verhaßte Kapitalismus stark von Juden getragen wird, erhöht seine Meinung für das Judentum durchaus nicht. Und dennoch war Karl Marx nach Intellekt und Rasse Jude pnr excellence. Dieser Mann, der die sozialen Zustände seines Zeitalters durchschaute bis aus den Grund, der die. Formen und Typen der modernen Wirtschaft erkannte und durchleuchtete wie niemand zuvor, der der neuzeitlichen Gesellschaft mit exakter Wissenschaft zuleibe rücken wollte, inihren Fluß ein starkes System hineinbaute und durchkonstruierte wie ein technisches Problem, der, vom Sinneseindrucke ausgehend, an den lebendigen Körper der Menschheit den Rechenzirkel anlegte und auf ausgezeichneten Beobachtungen ein Buch ausbaute, das von der ursprünglichen Wahrnehmung zu weltenweit entfernten logischen Schlüssen sortschreitet, dieser Mann war das Produkt einer spezifischen Epoche jüdischen Intellektes. Nur der Sprößling von Generationen jüdischer Religionsgelehrter konnte diesen logisch-arithmetischen Turmbau auf fließendem Grunde,.diese Konstruktion der sozialgeschichtlichen Entwicklung und Zukunft vollbringen. Der Mann aber, der mit heißem Herzen, mit lodernder Flamme des Gemütes sich der Gedrückten und Gequälten annahm, der vom -aufkommenden Industrialismus maßlos herabgedrückten handarbeitenden Massen, denen noch nicht Staat und Organisation, Parlament und öffentliche Meinung zur Seite standen; der Mann, der den Typ des modernen Unternehmers als erster klar erkannte und seine Schwächen mit Hohn und Wut überschüttete, -der ungeheuere Anklagen gegen die herrschenden Schichten schleuderte, der sein ganzes Leben sozialen Ideen und Bestrebungen weihte und den Armen und Unterdrückten ein großes Ziel, das mit wissenschaftlicher Notwendigkeit kommen müsse, mit leuchtenden Färben vor Augen führte und sie zusammen-fügte zu einem Bunde, i-hnen Sprache verlieh und Gehör -verschaffte, dieser Mann ist vom Geiste jener Propheten Israels, die ihr Leben verzehrten im Dienste der Gerechtigkeit und die der Mund der Armen und Gedrückten waren. Dieser ist Geist vom Geiste jener jüdischen Männer, die seit den ältesten Tagen bis zu den russischen Revolutionen -das Banner der sozial Schwachen geführt haben. Und darum ist seine Wirkung, so riesengroß, und sein- Name ist ein leuchtender Stern für Millionen Menschenkinder, auch , nachdem seine Lehre als überwunden, durch die tatsächliche Entwicklung widerlegt betrachtet werden kann.