Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1918)
- Date
- 1918-06-21
- Page
- Seite 295 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3229339-3229364--74097-3286572- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Einseitig nennt ihr mich? Nun gut! Einseitig will ich sein! Ein Jude bin ich — bin ein Jud' -- Und nimmer säg ich „Nein". . Nicht schlimmer lautet Jud' als Christ. Leicht ist's, zu beiden sich bequemen. Jedoch der Sünden schwerste ist — Des Namens „Jude" sich zu schämen. Einseitig nennt ihr mich? Nun . gut! Einseitig will ich sein! Hab' ich doch Kraft, Hab' ich doch Mut, .Zu tragen Leid und Pein. Hab' ich doch Kraft und Mut, zu zeigen Dem Toren, daß er nur ein Tor! Wie lang noch soll der Jude schweigen. Geduldig schließen Mund und Ohr? Einseitig nennt ihr mich? Nun gut! Einseitig will ich sein! Wie? Soll ich meiner Seele Glut Wohl anderen Schmerzen weih'n! Voll Weltschmerz sing' manch anderer Mann, Der sich behaglich wiegt in Wonnen, Der, weil er Verse schmieden kann. Von Schmerzen singt, die er ersonnen. Einseitig nennt ihr mich? Nun gut! Einseitig will ich sein! Und stürz' auch eine ganze Flut Von Feinden auf mich ein! Man mag mich höhnen, mag mich schmähen Und hassen mehr, als man gehaßt! Als Jude will ich Rede stehen! Man komme nur! — Ich bin gefaßt! Erinnerungen an Landrabbinrr Dr. Gronemann, tzamiooer. Von Stadtrabbiner Dr. Behrens (Göttingen). as Rutsche Judentum hat in den letzten Jahren den Heimgang zahlreicher hervorragender Männer zu besagen, die in Wort und Schrift seine Ehre und feinen Ruhm verteidigt, durch Rat und Tat feine Entwicklung gefördert, feinen Fortbestand gefestigt haben. Zu den Männern, die mit warmem Herzen ihre Kraft und ihre Gaben in den Dienst unserer großen jüdischen Organisationen und unserer Gemeindeverwaltungen gestellt haben, gesellen sich die führenden Geister der Wissenschaft, die über ihrer Forschung und ihrem Lehramt nicht ihrer Pflichten gegen das Judentum vergessen, und nicht zuletzt die Rabbiner, denen die Verbindung der Lehre und deS Lebens, des Dienstes an der Wissenschaft und der Pflege des religiösen Wandels zufällt. Wenn-«nch ihr Wirken in die Weite gerichtet ist, so vollzieht es sich doch in Wirklichkeit in jener Stille, die nach dem alten Wort ruhmreich und ersolgverheißend ist. Im Zeichen dieses Gedankens stand die Wirksamkeit des jüngst in gesegnetem 'Greisen alter dahingeschivdenen Landrabbiners Dr. Gronemann. Allseitig und aufrichtig ist sein Hinscheiden, besonders auch von seinen Standesgenossein, beklagt worden, die in ihm eine Zierde ihres Berufs erblicken dursten. Rüstig und goisteSsrisch blieb er bis zuletzt, auch als seine Leiden ihn schon zwangen, auf die ihm lieb gewordene Arbeit zu verzichten. Sein Tod aber kam -vielen seiner Freunde, die mit ihm und feinem Hause in Gedankenaustausch standen, völlig überraschend. So sehr war er mit feiner Gemeinde und seinem Bezirk durch die erfolgreiche Tätigkeit eines Menschenalters verwachsen, er hatte so kraftvoll die Schwelle des Greisenalters überschritten, daß man an eine lange Dauer seiner Tage hätte, glauben mögen. Vor der Majestät des Todes, die ihm ein Ziel gesetzt, beugt sich in Ehrfurcht die große Zahl derer, die in Treue chm verbunden war. Fest und.aufrecht ist er allzeit gewesen^ und seinen Grundsätzen hat er stets die Treue gehalten. Obwohl ein Mann des Friedens und der Versöhnung scheute er den Kampf nicht, wenn es sein mußte. Aber er war, selbst wo er an der Scheidung der Parteien teil hatte, viel zu klug und zu vornehm, um in das eigentliche Parteigetriebe hinabzusteigen, zu ernst, um nachtragend oder gehässig zu sein gegen irgend jemand, mit dem die Klinge zu kreuzen ihn das Leben zwang. Wie er neidlos und dankbar die Erfolge und die Fähigkeit anderer anerkannte und würdigte, so war es ihm Herzensbedürfnis, bei jeder nur möglichen Gelegenheit dem Andersdenkenden die Hand zur Versöhnung zu bieten. Jene Eitelkeit, die nicht vergessen kann, weil sie nicht auf die Eigenart anderer einzugehen vermag, war ihm völlig fremd. Er war im besten Sinne ein Priester des Friedens, der im Dienste religiöser Ideale diesem Vorbilde jüdischer Ueberlieferung nachstrebte. Fern von jeder Halbheit und Unentschlossenheit zählte er zu jenen Persönlichkeiten, die ausgingen in der Liebe und Begeisterung für ihr Amt und die mit ihm verbundenen besonderen Aufgaben. Von diesem Bewußtsein ließ er sich leiten, und er hatte ein Recht, das in seinen Predigten zu betonen, die er bei seinein Amtsantritt und bei seinem 25jährigen Amtsjubiläum (25. Dezember 1908) gehalten hat. Aber die Ruhe und Sachlichkeit, die frei waren von jedem Uebereiser, gewannen ihm die Herzen der Menschen, denen er mit nie versagender Herzensgute zu begegnen wußte. Im Kriegsjahre 1871 hat er am Jüdisch-Theologischen Seminar in Breslau, an dem er unter Leitung berühmter Lehrer den Grund zu seiner reichen und umfassenden Gelehrsamkeit gelegt hat, seine Studien «beschlossen, -und «das Schicksal wollte es, daß er in den Strömen dieser gewaltigen Kriegszeit sein Leben beschloß. Nachdem er in Strasburg (Westpr.) und Danzig als Rabbiner gewirkt hatte, wurde er im Jahre 1883 als Landrabbiner nach Hannover berufen. Man weiß, daß in den neuen preußischen Provinzen noch «die alten Landesgesetze für die jüdischen Einwohner in Geltung geblieben sind. Sie legen namentlich in einem so großen Bezirk wie Hannover, dem austragsweise noch die Bezirke Lüneburg und Stade angegliedert sind — die jüdische Einwohnerzahl in diesen beiden Bezirken ist übrigens außerordentlich gering —, dem Rabbiner eine erhebliche Arbeitslast auf. Sie verlangen neben der religiösen Leitung und Beeinstussung die Inspektion des gesamten jüdischen Volksschul- und Religionsunterrichts. Mit allen diesen Aufgaben hat er sich auf das sorgfältigste und gründlichste vertraut gemacht. Er empfand sich in seiner Eigenschaft als Königlicher Kreisschulinspektor nicht bloß als den Vorgesetzten der jüdischen Lehrer, sondern mehr noch als ihren einsichtigen und verständnisvollen Freund. Bei dem in Friedenszeiten weit verbreiteten Zuge nach der Stadt lag die Gefahr nahe, daß die kleinen Gemeinden mit der Auflösung ihrer jüdischen Volksschulen und mit dem Verlust des Lehrers zugleich ihren religiösen Zusammenhalt einbüßen würden. Dieser Möglichkeit hat er nach Kräften entgegengewivkt, und zwar mit großem Erfolge in Kraft des großen Einflusses und der Wertschätzung, «deren er sich bei den Behörden ausnahmslos zu erfreuen hatte. Nicht minder reich und glücklich war sein Wirken in seiner Gemeinde Hannover. Wer durch ein Menschenalter an Leid und Freud seiner Gemeinde mit dem Herzen teilnimmt, der erschafft sich selbst eine Gemeinde, die gern seiner Leitung und Führung sich anvertraut. Als Redner wirkte er weniger durch äußeven Prunk als durch die Gediegenheit und den Gedankenreichtum seiner Predigten. Dem Zuge der Zeit folgend, wußte er die Menschen in den Vereinen zu finden und zu gewinnen für die mannigfaltigsten humanitären Ziele, die er zu vertreten und