Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1918)
- Date
- 1918-06-21
- Page
- Seite 294 (sequence 6)
- Language
- German
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294 Koch man stößt sie ihm zurück. Jude, wer will deine Hand? Hohngelächter! Hämischer Blick! Jud', du hast kein Vaterland! Deutscher'Mann ist nur der Christ! Männer! Deutsche! Hat die Peitsche Nicht gelehrt, was Freiheit ist? Und der Knecht, der Jude, schweigt. Nur im Innern gärt es fort. Doch es braust die Flamm' und steigt, Und zum Donner wird das Wort, Als er Deutschland, das. erblüht, Ihn im Glücke Stieß zurücke. Ach! aufs neu in fesseln sieht. Ha! Wie „deutsch" ertönt es jetzt: „Sprengt die Ketten, Vaterland!" Ach, von Tränen heiß benetzt. Küßt man ihm die Bruderhand. Doch er reißt sich blutend los, Freiheit kündend, Freiheit findend Nur in fremder Brüder Schoß. Was dem Märtyrer du getan, Deutschland, tust du heute noch! . Beugest noch den freien Mann Unter deinem schweren Joch! Börne nennst du deinen Sohn? Ja, solange Seufzt im Zwange Noch e i n Bruder — klingt's wie Hohn. War er Deutscher? War -er's nicht? War er Jude, war er Christ? Nun, wir hielten streng Gericht. Zeigt, Philister, daß ihr's wißt! Zeigt, daß ihr die Schmach erkennt, Daß ihr gerne Uns. wie Börne. Eure „deutschen Brüder" nennt. * 2. Das Getto inNo m. Ja, selbst in Petri finstrem Dorn Durchzuckt's die schwülen Dünste. Er zerrt die alte Spinne Nom Am eigenen Gespinste. Wohl möcht' sie selbst vom Zeitengeist Sich manchen Brocken Haschen. Und eh' das ganze Netz zerreißt. Trennt klug sie ein'ge Maschen. Und „Freiheit" tönt es überall. — Erst Freiheit und dann Glaube. Erstaunt vom ungewohnten Schall — Regt fich's — im Moderstaube. Seht da! Auf Lut sich, ächzend, schwer, Des Gettos Jammerhöhle. . Es räuchert und bekreuzt sich sehr Manch fromme Christenseele. Ha! Sie erkaufen sich durch euch Das Seelenheil, so teuer. Den Mördern winkt das Himmelreich Statt Höll' und Fegefeuer! Doch nein! Ein hoher Genius wacht. Zum Retter euch erkoren. Hört ihr? Schon dröhnt die heil'ge Schlacht! Hofft, sie geht nicht verloren! Vom Vatikane schleudert kühn Er seine Geistesblitze. Und liebend schart das Volk um ihn. Daß es den Vater schütze! Er bändigt sie mit kräst'gem Arm Und mit des Herzens Waffen. Oh, mocht' das Herz, so lebenswarm, Glicht allzufrüh erschlaffen! Mein Aug' — es schaut besorgt zurück -7-, Noch zittern sie, die Wichte, Bor Ganganellis Zornesblick, Vor seines Fluchs Gewichte. Ihm wird der Herr zur Seite stehn Und Segen ihm gewähren! Die Zeit — nach langen Schinerzensloehn — Muß Großes noch gebären! * . 3. An M., Professor in ... Du hast erreicht, was keiner je erreicht! Du hast des Herrschers christlich Herz erweicht. Du durftest neben privilegierten Christen — Ein Mann der Wissenschaft — Noch in der Jugendkraft Als „Jude" -dich auf „deutschem" Lehrstuhl brüsten. Hast dws getan? Nein! O Bescheidenheit! Vom „Juden" wähnst den Lehrstuhl du entweiht. Du rettest sorglich der Kollegen Ehre! Hinweg — der alte Bund! Nur aus des Christen Mund Fließt klar und deutlich Wissenschaft und Lehre. O Mann der Wissenschaft! Was trieb dich an? War's dir behaglich nicht aus neuer Bahn? Ging dir, der einst so fest und ungebeuget. Im neuen Lebenslauf . Ein andrer Leitstern -auf. Der leuchtend dir den Weg zum Heile zeiget? Zum Heile? Wohl! Doch nur zum irdischen Heil! Dich traf, wohl mancher Stachelrede Pfeil. Du sahst von Toren dich verhöhnt, verlassen. Ha! Besser ist's, allein. Verkannt, verhöhnt zu sein. Als sich der Torheit schmiegend anzupafsen. Doch nein! Ich bin der Taten Richter nicht. Nur aus dem Herzen mir die Stimme spnckst: Du hast gesündigt an den Brüdern allen! Den Weg — gebahnt und frei —, Du sperrtest ihn aufs neu' Seit du von deinem Glauben.abgefallen. * Wie? Solche Schmach der heil'gen Schar Der Kutten und Kapuzen? Roms heil'ges Pflaster soll nun gar Der Juden Tritt beschmutzen? Zurück! Zurück! Wagt euch nicht vor! Wollt ihr als Märt'rer sinken? Seht ihr nicht vor des Gettos Tor Die Dolche dräuend blinken? 4. Einseitig. Einseitig nennt ihr mich? Nun gilt! Einseitig will ich sein! Ich will zum letzten Tropfen Blut Mein Wort den Juden leihn! Ich will die schönsten Vers' ersinnen , Und widmen sie den stolzen Herrn, Bis sich zu schämen sie beginnen Vor andern Völkern — nah und fern!