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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-06-21 · Heft 25 (21.6.1918) · p. Seite 293

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 25 (21.6.1918)
Date
1918-06-21
Page
Seite 293 (sequence 5)
Language
German
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Lenker und Lichter jüdilchen Glaubens. Von L u d w i a © c i g « r. Dn dieser Zeitschrift, die den Plan hat, allmählich eine Galerie tüchtiger und berühmter Glaubensgenossen zu sammeln, ist auf das Geistesleben immer ein besonderer Nachdruck gelegt worden. Daher hat sie bei Todessällen und an freudigen Gedenktagen, manchmal auch ohne besondere Veranlassung die Bilder vieler hervorragender Theologen vergangener und gegenwärtiger Zeit, Philosophen, Historiker,Juristen, Aerzte, auch angesehener Kaufleute gebracht. Sie will in diesem Streben fortfahren. Gerade in unserer Zeit, da die meisten anderen Zeitblätter sich darauf beschränken müssen, fast ausschließlich von dem Kriege zu reden, will unsere Zeitung, obgleich sie es auch nicht an sich fehlen läßt, die gewaltigen Ereignisse der Zeit in Wort und Bild zu beleuchten, als ihre besondere Aufgabe erkennen, das Geistesleben darzustellen!. Darum erachte ich es gerade jetzt an der Zeit, eine neue Serie jüdischer Denker und Dichter meinen Lesern vorzuführen. Was die Dichter, namentlich deutschen Ursprungs, betrifft, so sind im Lause der letzten Jahre.viele vor unseren Lesern ausgetreten: K. E. Franzos, Ludwig Fulda, Arthur Schnitzler, Jakob Wassermann, Oskar Blumenthal, H. Lubliner, Gustav Kadclburg, Julius Stettenheim und viele andere. In der Serie, die in dieser Nummer beginnt, sollen von Ausländern I. L. Perez, Schalom Asch, Sch-olem Aleichem, Elise Orczesko, letztere zwar keine Jüdin, aber eine Frau, die viele jüdische Romane geschrieben hat, von Deutschen hauptsächlich längst Verstorbene: Heinrich Schwarzschild, David Kalisch, Max Ring, Rudolf Lvwenstein, Karl Beck, Leo Berg, I. v. Mosenthal, im Bilde erscheinen und eine kurze Würdigung ihres Lebens und Entwicklungsganges wird gegeben werden. 1. Heinrich Schwarzschild, geb. am 28. Februar 1803 in Frankfurt a. M., gest. daselbst am 7. April 1878. Seit 1825 war er Arzt in seiner Vaterstadt, und zwar einer der beliebtesten und am meisten beschäftigten. Er genoß ein unbegrenztes Vertrauen in jüdischen und christlichen Familien, war vielen Ratgeber, Lebensführer, ein wahrhaft' väterlicher Freund. Mit seiner weitausgebreiteten Tätigkeit begnügte er sich nicht, sondern besaß lebhafte wissenschaftliche, politische und dichterische Interessen und wußte sie zu betätigen. Als Mediziner bearbeitete er verschiedene Zweige seiner Wissenschaft für Fachleute und Laien, schrieb über Geburtshilfe und Magnetismus und beleuchtete in seinem hohen Alter „Licht und Schatten der heutigen Heilwissenschaft". Als Politiker wirkte er in demokratischem Sinne in Vereinen durch Reden, als Publizist in Broschüren. Als Dichter verfaßte er Märchen, Gelegenheits- und Zeitgedichte und versuchte noch 1876, die Odyssee in Stanzen zu übersetzen: ein Werk, das er an seinem 70. Geburtstage begann und in seinem 74. Jahre vollendete. , Schwarzschild war ein eifriger Jude, der sich nicht scheute, auch Vornehmen gegenüber mit Stolz und Entschiedenheit seine Zugehörigkeit zu seinem Glauben zu bekennen. Gerade dadurch erwarb er sich auch in den bestimmenden Kreisen hohe Achtung. Ein Beweis dafür ist, daß ihm der Titel eines Geheimen Sanitätsrates einige Jahre nach der preußischen Okkupation zuteil wurde, einp Auszeichnung, die um so bemerkenswerter ist, als er ein entschiedener Demokrat war, der seine Frankfurter Eigenheit nicht verleugnete. Er war mit vielen, die für die Emanzipation kämpften, z. B. mit Berthold Auerbach, eng befreundet und wirkte in deren Sinne. Im Kreise seiner Glaubensverwandten erwarb er sich begeisterte Anhänger. Diese Verehrung zeigte sich z. B. darin, daß ihm nach einer Familientradition nach der Niederlegung des Gettos in Frankfurt a. M. von der Jüdischen Gemeinde die Schlüssel zu diesem überreicht wurden. Auch seine poetische Befähigung stellte er in den Dienst seines väterlichen Glaubens. In seiner Familie hat sich ein Bändchen Gedichte erhalten, das zum Drucke bestimmt war, wohl aber nicht veröffentlicht worden ist. Es liegt in zwei verschiedenen Fassungen vor, von denen die eine den Titel führt: „Zerstreute Blätter aus der Mappe eines nichtemanzipierten Juden", die andere die Aufschrift zeigt: „Funken aus der Mappe eines nichtemanzipierten Poeten". Die letztere, sorgfältiger geschrieben, besser geordnet, auch gründlich gefeilt, war wohl zum Drucke bestimmt; sie enthält auf erwa 50 Manuskriptseiten 38 Gedichte, die wohl alle aus den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts stammen. Manche beziehen sich deutlich auf damalige Vorkommnisse: auf den rheinischen Landtag 1847, auf Ronges Erscheinen in Frankfurt, auf einzelne römische Ereignisse. Obgleich seit der Zeit der Entstehung dieser Gedichte viele Jahrzehnte vergangen sind, dürfen sie durchaus als aktuell bezeichnet werden und können dazu dienen, die Begabung des Poeten und seine treue Anhänglichkeit an das Judentum zu bekunden. 1. Ludwig Börne. War er Jude? War er Christ? War er Deutscher? War er's nicht? Zeit isbs endlich, daß ihr's wißt. Laßt uns sitzen zu Gericht! Kommt, Philister, kommt heran! .Laßt uns finden. Laßt uns künden Was er war, der Freiheitsmann. Schmutz'ge Gasse, eng und dumpf, Sah des Knaben ersten Schmerz. Judenhasses gift'ger Sumpf Hätt' erstickt ihm. schier das Herz. Doch um Herzen/jung und zart, Glimmet leise Schon der heiße Funke, der zur Flamme ward. . Und der I n n g l i n g krümmt sich fast Unter niederem' Knechteszwäng. Jud', verachtet'und gehaßt. Doch im Innern Freiheitsdrang, Ha, wie trifft ihn Schmach und Hohn, Ha, wie drängen Zum Zersprengen Flammen aus der Brust ihm schon. Und im fremden Joche bang Seufzt das arme Vaterland. ' Doch des Juden Kettenzwang Sprengte eine eherne Hand. -> Jauchzt er auf in Freiheitslust? Lodert freier Jetzt das Feuer Inge, wer will deine Hand? Aus des freien M a n n e 8 Brust? Nein! Ihn drückt nicht minder schwer Seiner deutschen Brüder Schmach An der Kette rüttelt er. Jubelt laut, da sie zerbrach Freiheit jubelt auch sein Mund. Deutschem Bruder Reicht als Blut er Seine Hand zum Freiheitsbund.

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