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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-06-21 · Heft 25 (21.6.1918) · p. Seite 292

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 25 (21.6.1918)
Date
1918-06-21
Page
Seite 292 (sequence 4)
Language
German
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WaS aber durchaus in Abrede gestellt werden muß, ist, daß sämtliche Juden von diesen Verdiensten Nutzen gezogen haben. Vielmehr muß behauptet werden, daß namentlich in Galizien, aber auch in anderen Teilen Oesterreichs, unter den galizischen Flüchtlingen grenzenloses Elend herrscht und daß -bei diesem leicht erweisbaren und oft bewiesenen tatsächlichen Notstände es recht unangemessen erscheint, von einem Reichwerden aller Juden zu sprechen und mit Hohn auf die zahllosen'wirklich Armen und Elenden hinzuweisen. Ich glaube, P. K. Rosegger hätte derartige Sätze, wie sie von mir hervorgehoben und angegriffen worden sind, nicht geschrieben, und er hätte gewiß, auf seinen Irrtum hingewiesen, die falschen Anklagen zurückgenommen. * Wie traurig die Verhältnisse i m O st e n und damit für die Zukunft sind, lehrt folgender Artikel: In Warschau und Lodz waren dieser Tage, wie die „Jüdische Rundschau" berichtet, an allen Ecken und Enden der Stadt Aufrufe angeschlagen, die in einer unmißverständlichen Weise zum Pogrom gegen die Juden aufforderten. An Entschiedenheit läßt die Sprache der Pogromaufruse nichts zu wünschen übrig, wie die vorliegenden Texte beweisen. In den: einen heißt es: „Jüdische Banden plündern Polen! Durch ihre Hände nimmt die Okkupationsmacht alles, was sie will. In dem Bestreben, die Spuren dieser vernichtenden Arbeit zu verwischen, säen die Juden Unfrieden zwischen uns, rufen in unseren Reihen Streitigkeiten hervor, organisieren den Bürgerkrieg. Unser Elend macht sie reich, unsere Machtlosigkeit stärkt sie, unser Unfrieden gibt ihnen Kraft. Mit den jüdischen Intrigen muß einmal aufgeräumt werden! Mit jüdischem Gelbe organisierte Schlägereien werden auf tapfere Kämpfer stoßen, welche nicht Geld, sondern das Bewußtsein in den Kampf führt. Für die unverschämte vernichtende Politik werden die Juden die Strafe erhalten, die ihnen die Befreiungsarmee erteilen wird. Achtung Polen! Gott ist unser Zeuge, daß wir nicht Blut vergießen wollen, aber vergegenwärtigen wir uns, was für Niederlagen unser Vaterland erwartet, falls wir nicht dieser jüdischen Frechheit ein Ende machen. Die Befreiuttgsarmee." Ein anderer Aufruf schließt: „Man muß diese Bande vertilgen! Diesen Juden muß man eine Lehre geben. Sie sollen wissen, daß die Strafe sie ereilen wird; das polnische Volk denkt anders als der durch die Juden getäuschte Warschauer Stadtrat/" Diese und ähnliche Aufrufe prangten, wir folgen der Darstellung des genannten Blattes, drei Tage lang in allen Straßen Warschaus und Lodz', ohne daß jemand — wenn es nicht Juden taten — sich bemüßigt gefühlt hätte, sie zu entfernen. Als ein jüdischer Ratmann einen polnischen Milizianten aufforderte, die Plakate abzureißen, erhielt er von dem Milizianten die Antwort, daß keine Verfügung ergangen sei, die dies vorschreibe. Auch wurde kein.Fall bekannt, daß einer der Verbreiter dieser Flugblätter abgefaßt oder festgenommen wurde. Es darf daher nicht wundernehmen, daß über die Urheberschaft dieser Flugblätter im Lande die seltsamsten Gerüchte zirkulieren, um so weniger, als es den jüdischen Zeitungen in Warschau von der Zensur verboten wurde, irgend etwas über die Pogromplakate zu schreiben. Angesichts dieser Pogromdrohungen herrscht unter den Juden Polens die Befürchtung, daß jeder Tag den Beginn eines allgemeinen Ueberfalles auf Leben und Gut der jüdischen Bevölkerung des Landes bedeuten kann, und leider ist nicht anzunehmen, daß die Polen ihrerseits irgend etwas unternehmen werden, um das drohende Unheil abzuwenden. In Galizien, wo sich die Pogrombewegung schon einige Monate austobt, befassen sich die Polen den Juden gegenüber nebenbei mit eigenartigen sprachstatistischen Uebungen.. In Lemberg, der Hauptstadt Galiziens, wurde am 4.. Juni vollkommen unerwartet allen Einwohnern der Stadt ein Fragebogen zum Zweck einer neuen Volkszählung zugesandt mit der Bestimmung, daß bei . hoher Strafe in der Rubrik „Umgangssprache" die jiddische Sprache nicht angegeben werden darf. Am 7. Juni mußten alle FragebogenauSgefüllt zurückgesandt sein. Auch wurde es dem einzigen jüdischen Organ Lembergs von der Zensur verboten, gegen diese V-erwaltigungen Protest zu erheben. Der Zweck des ganzen Manövers ist einleuchtend: die Juden sollen durch diese Strafandrohung und durch diese systematische Unterdrückung eines öffentlichen Protestes gezwungen werden. Polnisch als ihre Muttersprache anzugeben, um die Zahl der galizischen Polen um Hunderttausende, zu vermehren. ' Natürlich soll das Ergebnis dieser Statistik die entsprechende politische Auswertung zur Begründung polnischer Ansprüche finden. Es ist heiß zu ersehnen, daß die österreichische Regierung in Galizien das verbrecherische Treiben nicht «duldet und daß die deutsche Verwaltung in Polen den Agitationen steuert und Wandel schafft. So kräftig jüdische Institutionen auch dem Elend unserer Glaubensbrüder im Osten entgegenzutreten suchen, wirkliches Heil kann ihnen, nur erblühen, wenn die Polen selbst sich anders den Juden gegenüber benehmen, wenn sie diese als Bundesgenossen, nicht als Feinde betrachten. Solange dies nicht geschieht, kann keine Ruhe eintreten. Die Polen wollen gern Europa einreden, daß sie, im Gegensätze zu den Russen, die Juden immer gilt behandelt hätten; man erkennt aus obenstehenden Mitteilungen ihre wahre Gesinnung. Auf diesem Felde 31t arbeiten, müßte die eigentliche Ausgabe aller derer sein, denen das Wohl der Juden ernstlich am Herzen liegt. Es handelt sich nicht um Autonomie, nicht um ein. jüdisches Zukunftsreich, sondern um gerechte Behandlung der Juden in allen Ländern, in denen sie wohnen. Diese herbeizuführen, die Juden zu wirklichen Staatsbürgern zu machen, müßte das Losungswort aller Parteien sein. Aus der Türkei kommt ein Klage- und Hilferuf. Die „Aurore" vom 7. Juni veröffentlicht einen Ausruf „Au unsere Brüder in den Verbündeten Ländern". Er gibt eine Schilderung des Elends, in dem die türkischen Juden sich durch den Brand von Konstantinopel befinden. Er rühmt den Mut der Leidenden, die Hilfsbereitschaft der Nichtbetroffenen und Andersgläubigen. Er fährt fort: „Es scheint uns aber nicht überflüssig, unsere Brüder der Verbündeten Länder zur Hilfe für die Unglücklichen auszurufen. Nach unserer Ansicht ist diese Hilfe bestimmt, ebenso ein Zeugnis menschlichen Gemeinschaftsgefühls zu sein, als ein Mt der geschichtlichen Solidarität zwischen Inden und Türken. Die Gelegenheit scheint uns günstig, einen Beweis für dieses Gefühl zu liefern. Gewiß, wir besitzen noch Mittel zur Hilfe und unsere Regierung steht auf der Höhe ihrer Aufgabe. Aber, wie wir wiederholen, wir sehen in den Beiträgen der Judenheit der befreundeten Länder mehr als eine bloße Handlung des Gemeinschaftsgefühls, wir verlangen sie als ein greifbares Zeugnis der Anhänglichkeit, welche die Judenheit der Türkei schuldet." Zum Schlüsse werden die Reichen, die großen Organisationen, die jüdische Presse zur Verbreitung dieses Aufrufs ausgefordert. Wir kommen einem solchen Ersuchen gern nach. Geheimer Sanitätsrat Dr. Heinrich Schwarzscbild. Frankfurt a. M. 1803 bis 1878. Jv r

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