Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1918)
- Date
- 1918-06-21
- Page
- Seite 291 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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29J Gemeindebund übermittelten KornmissionsverhemdLungen, von denen ditz.Wffentlichikeit biskrer keine Ahnung haben konnte. Was bekannt war., machte nnr wenigstens mehr den Eindruck einer abwartenden als eryer führenden Haltung. Besannt war außerdem die glatte Absage an die Forderungen der Rabbiner auf ihrer Generalversammlung vom 7./8. Juni INI, die die Runde durch die Zeitungen machte und ganz allgemein zugleich als Absage an jeden Aenderungsversuch am Judengesetz von 1847 aufgefaßt worden ist. Glücklich werde ich sein, wenn diese Auffassung, bisher bestärkt durch die unbefriedigende Stellung gerade der Berliner Rabbiner, sich als irrig erweisen und Berlin sich mit Entschiedenheit für eine Neuordnung der Gemeindeverhältnisse in Preußen einsetzen sollte. M» Woche. Berlin. 18. Juni 1918. ie Kriegshandlungen dauern in unverminderter Stärke fort. Unsere Fortschritte in Frankreich sind weiter beträchtlich. Die deutschen Truppen stehen, nach unaufhaltsamen siegreichen Fortschritten, denen der zähe Widerstand d-es tapferen Feindes kaum Einhalt zu bieten vermag, nahe vor den Toren von Campiögne; Paris ist arg bedroht. Die Franzosen erkennen wohl den Ernst der Lage; statt aber die richtigen Konsequenzen zu ziehen, rüsten sie sich zu verzweifeltem Widerstande; sie erklären, Paris bis zum letzten Mann verteidigen zu wollen und denken in ihrer großen Masse nicht an Nachgiebigkeit, obgleich sich die Stimmen der Vernünftigen mehren, die in einem Friedensangebot das einzige Heil sehen. Im Kampfe gegen England ist eine längere Pause eingetreten. die aber gewiß bald durch einen neuen Ansturm abgelöst werden wird. Inzwischen wiegen sich die Engländer in beständigen Siegeshoffnungen, reden prahlerisch von der llnerschöpflichkeit ihrer Mittel und prophezeien, daß der am besten lacht, wer zuletzt lacht. Nicht minder vertrauen die Amerikaner auf ihre Stärke. Obgleich der Weg nach Europa gar weit und höchst gefahrvoll ist, obgleich ihre bisher gesandten Truppen weder an Zahl noch an Tüchtigkeit ihren Versprechungen und den Erwartungen ihrer Verbündeten entsprochen haben, ermüden sie nicht in ihren Verheißungen und reden sich immer fester in den Glauben hinein, daß bei ihnen die Entscheidung des Krieges liegt. Die Erschütterung dieses Glaubens läßt sich ihnen einstweilen nicht beibringen, trotz der Vernichtung vieler von ihnen ausgesandten Schiffe, trotz der schweren Verluste, die ihre Flotte und ihre ausgesandten Hilfstruppen bisher erlitten haben; sie werden mit Gewalt, zu ihrem eigenen Schaden, eines Besseren belehrt werden müssen. Die Italiener endlich hofften, leichtes Spiel mit den Oesterreichern zu haben, sie meinten, durch eine Gegenoffensive sich Luft zu schaffen und die Gegner aus ihrem Lande zu vertreiben; in den jüngsten Tagen hat der Angriff der Oesterreicher machtvoll eingesetzt. 10 000 Gefangene haben die Zahl der Italiener und der an ihrer Seite kämpfenden Engländer und Franzosen geschwächt, und es ist zu hoffen und zu wünschen, daß rasch hintereinander folgende Stöße auch diese Gegner überzeugen, daß sie es mit ungebrochenen Heeresmassen und mit einem unbeugsamen Siegeswillen zu tun haben. Aber ungeachtet unserer ungeheuren Erfolge im Westen und Süden, denen sich auch die Abwehr mancher Angriffe im Südosten und die Vernichtung großer russischer Banden anreiht, ist von einem baldigen, endgültigen Siege der Unseren noch nicht zu sprechen. Wenn Optimisten den 1. Juli als den Termin der Beendigung des Krieges prophezeiten, so war diese Verkündigung etwas voreilig. Bei der Unbelehrbavkeit der Feinde ist ein Ende des fürchterlichen Ringens noch gar nicht abzusehen; wir müffen uns vielmehr auf eine lange Dauer des gigantischen Kampfes gefaßt machen, Aber wir vertrauen auf einen endgültigen Sieg und wollen geduldig alle Leiden und alle Entbehrungen tragen, wenn nur dann uns wirklich der Friede winkt, den wir alle so heiß ersehnen. * Der Verband der Deutschen Juden sendet uns folgendes zur Veröffentlichung: Infolge der Veränderung der kriegerischen Lage und der Rückberufung der Armee rabbiner durch ihre Gemeinden sind in nächster Zeit voraussichtlich mehrere Stellen von Armeerabbinern neu zn besehen. Mit Rücksicht auf die Wichtigkeit dieser Posten ist beabsichtigt, den Heeresibehvrden möglichst nur solche Herren zu benennen, die sich bereits als GemeinderaVbiner bewährt und Erfahrungen erworben haben. Der Verband der Deutschen Juden teilt uns mit, daß er der baldigen Meldung derjenigen Herren entgegen sieht, die sofort oder in naher Zukunft zu besehende Stellen von Armeerabbinern zu übernehmen bereit sind und die Genehmigung ihrer Gemeinde oder Aufsichtsbehörde zur Uebernahme des Amtes besitzen. * In Nr. 16 (19. April, S. 185) brachte ich eine Notiz über eine Aeußerung Roseggers und versprach, daraus zurückzukommen. Erst jetzt erhalte ich eine Zuschrift des Sohnes des Angegriffenen und lasse sie hier folgen: Sehr geehrter Herr Professor! Unter den Briefschaften meines Vaters fand ich Ihre werte Zuschrift vom 13. April, und da mein Vater schon seit vielen Monaten sehr leidend ist, so weiß ich nicht, ob er sie beantwortete. Gestatten Sie bitte daher, daß ich darauf zurückkomme. Die fragliche Notiz: „Die Verarmung des Judentums" stammt nicht von meinem Vater, sondern von mir. der ich seit dem Jahre 1910 den ..Heimgarten" gänzlich unabhängig leite. Sie schien und scheint mir vom österreichischen Standpunkt aus durchaus angebracht, doch gebe ich gern zu. daß sie vielleicht für reichsdeutsche Verhältnisse nicht paßt. Unsere Judenschaft hat im Kriege durchaus hervorragend verdienU), >da sie sich sofort den geänderten Wirtschaftsbedingungen anpassen konnte. Nicht zum Vorteil der Gesamtbevölkerung! Ein Blick in die Zentralen, auf den Zwischenhandel und in die — Gerichtssaalberichte beweist dies unwiderleglich. Da nun unsere „große Presse" so ziemlich vollständig in den Händen der Juden ist und Händlerinteressen vertritt, so ist die Notiz nicht als Angriff, sondern als Abwehr aufzufassen. Die Presse greift ununterbrochen den Bauernstand als den „wahren Preistreiber" an. was den Tatsachen ganz und gar nicht entspricht. Ja. auch unsere Landwirtschaft verdient im Krieg, allerdings unter bedeutenden Schwierigkeiten, nicht schlecht, so daß sie sich ein wenig erholen konnte, doch reichen ihre Mehrvevdienste an die Kriegsgewinne des Zwischenhandels. dessen sich, wie erwähnt — bei uns — die JiKen bemächtigten, nicht heran. Mit der Bitte, diese Zeilen rein sachlich auszunehmen, wie sie auch rein sachlich gemeint sind, zeichne ich mit besonderer Hochachtung ergeben Dr. H. L. Rosegger. Dom Wunsche des Schreibers entsprechend, nehme ich diese Zeilen ganz sachlich, muß aber bemerken, daß sie nichts beweisen, sondern zu der ersten falschen Behauptung eine zweite fügen. Daß Juden, ebenso wie Christen, im Kriege verdient haben, wird kein Vernünftiger leugnen, ebensowenig, daß einzelne bisher Arme durch geschickte, vielleicht nicht immer ganz reinliche Benutzung der Verhältnisse reich geworden sind. h Sogar die Mehrzahl der beim Rnssencinfall in Galizien flüchtigen Ostjudenschaft, die im Hinterlande Geschäfte betrieb und heute nur sehr ungern in die befreite Heimat zurückgeht!