Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1918)
- Date
- 1918-06-21
- Page
- Seite 290 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Provinzialverband zur Selbsthilfe schritt und Dr. Heinemann- Vogelstein sel. And. mit der Abfassung eines Gebetbuchs betraut war, hat diese Methode der freiwilligen Annahme oder Ablehnung sich vollauf bewährt. Eine gewisse Einheit in der religiösen Grundstimmung bei den jüdischen Bewohnern ein und derselben Provinz dürfen wir fast überall voraussetzen. Die Landesgemeinde in Berlin würde bei einer Neuordnung zunächst mit deren Durchführung besaßt werdendste übte ferner die staatsrechtliche Vertretung der preußischen Juden aus; sie übernähme endlich dauernden Verkehr mit der Staatsregierung. Hiermit sind wir bei jener großen Frage angelangt, die für viele die'Vorfrage ist, ob es überhaupt der Mühe sich verlohnt, auf einen Weg sich zu begeben, der mit Hindernissen übersät ist, eine Neuordnung der Verhältnisse der Juden in Preußen auch nur anzustreben; bei der Frage: Wie wird der Staat sich gegen unsere Forderungen verhalten, welches Entgegenkommen ist bei der Regierung, welches Schicksal hat alsdann eine Vorlage, auf die wir uns allseitig geeinigt haben würden, im künftigen Landtage zu erwarten? Die Vergangenheit ist nicht ermutigend, die Geschichte unserer Versassungskämpfe in Preußen eher abschreckend. Jüngst hat Dr. Max Eschelbacher eine geistvolle Abhandlung veröffentlicht* * *): „Der Wille in der jüdischen Geschichte". Sie stellt den unzerstörbaren Zusammenhang aller Glieder des Judentums vermöge seiner einheitlichem, gei st ige »Grundlage dar, bei fast völligem Mangel jeder äußeren Macht und Organisation; den unausrottbaren Willen zum Leben und zur Selbstbehauptung, der alle Vernichtungstendengen bis heute zuschanden gemacht hat. Man könnte auS dieser Geschichtsphilosophie eine Geringschätzung der Organisation als solcher entnehmen. Wie lesen für unseren Zweck' das Gegenteil heraus. Preußen ist das klassische Land der Organisation; es arbeitet unaufhörlich an der Durchbildung seines öffentlichen Rechts und seiner Verwaltung, an der Erfassung aller Erscheinungen in Wissenschaft und Kunst, Technik und Industrie, Verkehr und Arbeit. Was in Preußen zu höherem Leben aufsteigen will, muß an der Staatsautorität teilzunehmen bestrebt sein. Nirgends besitzt die Krone selbst einen solchen Glanz; er ist ihr auch im Kriege treu geblieben. Zu denen, die sich in der Not des Weltkrieges um sie scharten, gehörten auch die so wenig begünstigten Juden. Preußen wird aus dem Kriege nicht ohne mächtige Wandlungen hervorgehen; es hat manches an seinen Juden gutzumachen, unsere Opfer werden unseren religiösen Ansprüchen den Weg bahnen. Der Krieg ist eine gewaltige Pflugschar, feine Spuren sind Blut und Tränen. Wir können noch nicht entfernt ermessen, welch neue Bahnen die Geister einschlagen werden, aber es werden Bahnen zu höherer Gerechtigkeit sein. Die tollen Rassetheorien antisemitischen Ursprungs haben sich in ihren positiven Behauptungen (Germanen und Angelsachsen Blutsfreunde, Slawen und Romanen ihnen näher verwandt als Semiten) ebenso wie in ihren negativen (Germanen und Semiten unversöhnliche Gegensätze) als Wahn- und Aberwitz erwiesen. Die religiöse Bekehrungssucht, noch in Preußen von 1847 in Blüte, hat ihren Sporn verloren. Vertreter beider christlicher Bekenntnisse, auch im protestantischen Preußen, haben ihre Stellung zum Judentum revidiert und werden diese in den ersehnten inneren Frieden aufnehmen wollen. Haben die Völker doch erfahren, daß Glaubensverwandtschaft internationale Brücken nicht vor dem Einsturz bewahrt, Glaubensverschiedenheitaber die nationale Kraft und Einheit nicht mindert! Wir werden noch lange mit Rückschrittlern, wie Geheimrät Fritz und Abge- *) Jahrbuch der jüdischen Literaturvereine, Berlin 1918, bei M. Poppelauer. ordnetem Heins, zu rechnen haben, die führenden Geister aber werden in Preußen in allen Dingen des Glaubens und der Humanität bei Lessinlg und Herder anknüpsen, den Fortsetzern des jungen und Uebevwindern des späteren Martin Luther. Für die Juden gibt die Verehrung den Ausschlag, die sie ihrem verklärten» Führer Hermann Cohen in seinen Bestrebungen gezollt haben, Deutschtum und Judentum itt einer höheven Eitzheit zu verschmelzen, demselben großen Juden,' der sich zu.seintzm Vaterlande mit den kühnen Worten bekannt hat: „Das Deülschtüm muß zum'Mittelpunkte eines Staatenbundes werden, der den Frieden der Welt begründen und in ihm-divNvahrhafte Begründung einer Kulturwelt stiften wird!"3) ' Die Jaden Preußens haben (auch eine Pflicht gegen ihre Glaubensbrüder im übrigen Reiche. Sie können nicht länger unter Gesetzen stehen, die, wie auch Dr. Eschelbacher in Erinnerung bringt, in ihren Uranfängen die Tendenz hatten, die Juden unblutig, jedoch auf einmal totzuschlagen. An der Zauberkraft des preußischen Staatswesens, seinem vielgeschmähten, aber noch mehr bewunderten Geist der Ordnung müssen auch die Juden genesen; sonst wird kein Wunder ihren inneren Verfall, ihre religiöse Verflachung und Zerfahrenheit, das deutliche Schwinden ihrer geistigen Führerstellung i'm Gesamtjudentum aufhalten. Die nächsten Schritte, die uns ans Werk heranführen, werden nicht allein die üblichen sein dürfen. In der Zeit der Verkehrserschwerungen wird der schriftliche Gedankenaustausch in fein Recht treten. Es werden Gutachten von den Zentralstellen aller zwölf preußischen Provinzen eingefordert werden müssen, und die Berliner Jüdische Gemeinde wird das gewichtigste Wort zu sprechen haben. Für die höheren Gesichtspunkte dieser Rundfrage glauben wir in unseren Aufsätzen ein ziemlich vollständiges Material geboten zu haben. Wir wissen am besten, wieviel zur Ausführung im einzelnen noch fehlt. Daneben walte die Presse ihres Amtes; auch die schärfste, sachliche Kritik kann förderlich sein, wenn man nur ebenso, wie wir selbst, vom Notstand der preußischen Judenheit durchdrungen ist und auf jede Weise an seiner Heilung Mitarbeiten will. Das vollendete Werk wird einmal die Arbeit krönen; es wird die Bemühungen derer ndeln/'die das Ende nicht mehr schauen sollten, wie Martin Philippson; es wird auch den Vorarbeiten, die heute im Archive ruhen, den Entwürfen von Hofrat Rosin und Rechtsanwalt Macholl, ihren Ehrenplatz zuweisen, zu denen wir aus der Literatur das vorzügliche Werk von Dr. Leopold Auerbach hinzurechnen: „Das Judentum und seine Bekenner in Preußen", Berlin 1890, Verlag von Sigmar Mehring. Wenn auf Grund jenerJß Gutachten und derjenigen der Standesverbände3), die sämtlich mit befristeter Zeit eingefordert werden müssen, der neue Entwurf von sachkundiger Hand fertiggestellt und der öffentlichen Begutachtung unterworfen sein wird, kann ihm endlich ernallgemeinerGemeindetag der preußischen Gemeinden die Sanktion erteilen. Soweit auch der Weg sein mag, Eifer und Sorgfalt beschleunigen dann den Augenblick, wo auch unserer erhabenen Sache das Dichterwort gilt: „Was reif ward in den Seelen, Das schafft sich Fleisch und Bein." * Gern nehme, ich Kenntnis von den Enchüllungen des Vorstands der Jüdischen Gemeinde Berlin in Nr. 21 dieses Jahrganges betr. die mit Schreiben vom 10. November 1911 dem Deutsch-Israelitischen ') Cohen, „Deutschtum und Judentum", Gießen 1915, bei Töpclmann; S. 45. 3) Das Referat des Rheinischen Rabbinerverbandes von Dr. B. Jacob über den Entwurf des Rechtsanwalts Macholl liegt im Druck vor: „Die Stellung des Rabbiners usw.", Hamburg 1910, bei Leßmann.