Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1918)
- Date
- 1918-06-14
- Page
- Seite 286 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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286 Milde. Nachdem ich den Greis zum Sitzen bewogen habe, freue ich mich an den abgemessen und rücksichtsvoll gestellten Fragen. Als ich erzählte, daß ich auch schon in Berlin gewesen sei, kommt Bewegung in das Mienenspiel. Ob man wohl recht bald nach Berlin fahren könne? Vielleicht wenn die Bahn nach Mitau fertig gebaut ist. Aber dazu müsse man besondere Erlaubnis haben, und ob diese wenigstens vorläufig so ohne weiteres erteilt würde, scheint mir zum mindesten recht zweifelhaft." Plötzlich wendet der Greis das Gespräch lebhaft auf das Persönliche mit den Worten: „Ich habe einen Sohn in Berlin, den ich gern sehen möchte." „Vielleicht ist er interniert?" Ein entschiedenes „Nein" war die Antwort. „Haben Sie vielleicht schon einmal von Iadlowker gehört?" fragte er mit stolzem und doch nicht etwa überhebendem Ton. „Natürlich, der Kgl. Kammersänger, der Stern der Hofoper." „Das ist mein Sohn." Der vielgefeierte Heldentenor, der oft nmjubelt von tausendköpfiger, begeistert hingerissener Kunstgemeinde, der König im Bereiche der Töne, ausgezeichnet durch das besondere Wohlwollen des Kaisers — der einfache, schlichte, gutgläubige Patriarch hier rät jüdischen Gotteshaus vor dem Talmudfolium! In meinem Mienenspiel muß dieser seelische Kontrast, den dieses Erlebnis auslöste, zum Ausdruck gekommen sein, denn gleichsam die Brücke schlagend fügte der Greis hinzu: „Er hat hier auch schon im Synagogenchor mitgesungen." Als ich anfangs Oktober von den Verschleierungskämpfen hinter Ginzenburg aus auf Urlaub durch Riga kam, las ich aus mächtigen Plakaten von einem Auftreten Jadlowkers im Rigaer Stadttheater. Schon am 7. September marschierten wir wieder zum Rigaer Tor hinaus, der herrlichen Stadt und erhebender Eindrücke voll. — > „Also doch Roschhaschonoh in Riga" hatte der Feldrabbiner gesagt. Schon Tage vorher war eine Einladung, wenn auch nicht zu Roschhaschonoh, so doch zu Jomkippur mit der bekannten Aufschrift „bitte weitersagen" per Post eingetrvffen. Eine Anfrage beim Kompagnieführer ergibt jedoch, daß ein Urlaub nach Riga, ja ein solcher zu dem hinter der Front gelegenen Feldgottesdienst an den Neujahrstagen unmöglich ist. Das 1. Bataillon liegt in breitem Abschnitt vorne, während das 2. Bataillon die neue Stellung baue; unsere Linien sind schwach, der Russe hat die Eisenbahn in seinem Rücken und zieht große Truppenmassen zusammen; kein Mann ist entbehrlich. Also sei es denn „Roschhaschonoh" im Freien auf vorgeschobenem Posten. Wie weilen die Gedanken doch bei den Lieben in der Heimat, wie schwer empfindet man das Opfer der Trennung, was wird das kommende Jahr bringen? Da klingt es leise durch die Sinne, das alte Wort der Bibel: „Kach nah es bincho, es jechidcho ascher chacoto, es Jschok — nimm doch deinen Sohn, den einzigen den du hast, deinen Liebling, deine Lebensfreude, bringe ihn hier zur Opferung an einem unbestimmten Ort" —die Thoravorlesung des Neujahrstages. Wollte man für das Seelenleid, den herben Schmerz, die seit über drei Jahren die Welt durchzittern, eine zusammenhängende Ueberschrist finden, wie in einem Brennpunkt die Empfindungen sammeln, die den Erdball erfüllen, man müßte diese Worte wählen, Roschhaschonoh mit seinen Gedanken des unbedingten, daher höchst sittlichen Opfers, mit seiner Idee des kategorischen Imperativs 3000 Jahre vor Kant müßte zum Weltfeiertag erhoben werden. Doch das Vergangene hat nur Wert im Sinne einer Ausnutzung für die Zukunft. Fruchtlos ist das Grübeln und Sinnen über das Gewesene, wenn dieses nicht der Mutterleib neuen Schaffens, segensreicher Arbeit wird. Darum, aus den Rigger Erinnerungen neue Gesichtspunkte für neue Ausgaben erschließen: heißt der. Wahlspruch. In die Festesfreude der Rigaer Tage mischte sich ein Wermutstropfen, herb und bitter:, die Lage unserer Glaubensgenossen rät Osten. Ich möchte nicht dM'oft M' eingeMD erörterte Thema weiterspinneri. mch^wnerwähnt bleiben, im Osten klafftein sche^ndar unüheHj;ü^ barer Abgrund zwischen alt und jurH Der . H^ geHWne^ in Formeln oft erstarrende, aber doch von^detz sitH^n Motiven der Religion durchtränkte Glauben 'ist der'fugend abhanden gekommen. Führerlos und ohne Rückhalt, hangt sie in der Luft, hat in Schlagworten und Utopien^ aber auch mir in solchen, westliche Ideen ausgenommen, begierig eingesaugt, den Maßstab des Willens an der Mala des Könnens nicht anlegend. Riga ist deutsch, will und soll deutsch bleiben. Den ganzen Osten zu kolonisieren muß eine der Aufgaben sein, die unserer, so vorzüglich der deutschen Juden harrt. So recht kamen mir dort draußen in dem Moskauer Stadtviertel in den Rigaer Tagen die Gedanken eines Pestalozzi zum Bewußtsein, den „des Volkes jammerte". Mit dem Meister der Sozialpädagogik kann aber nicht genug davor gewarnt werden, diese Kulturarbeit zu einem „Gnaden- und Erbarmungsmittel der Bestelhilse" ausarten zu lassen. „Es ist-hierin wahrscheinlich mehr um Grundsätze als um Almosen, mehr um Rechtsg e s ü h l als um Spitäler, mehr um S e l b st ü n d i gk e i r als um Gnaden zu tun: „Hüten wir uns gerade bei diesem sozialen Werke, vor „dem Verscharren des Rechtes in die Mistgrube der Gnade." „Der Mensch must in seinem Innern erhoben werden, soll der Arme in seinem Aeußern erhoben, werden." Dieses Wort des Meisters muß uns Leitstern sein und bleibM. Kulturarbeit im Osten heißt vox affßm: ErziehungßgrbA, tzMus mit der Jugend aus der Großstadt, die nur dürftige tzebensgrundlagen bieten kann. Der Boden ist spei. Die Dgchte, die Held und Handel dem Ostjuden als. Kesten an die Fssße schmiedeten, sind vernichtet. Draußen in, kräftiger Lust,' in dex freien Natur, deren geheimnisvollem Wirken und Wehen lauschend, sie fragend und von ihr Antwort heischend, dort soll die Jugend erzogen und gebildet werden. Gebildet zu kernigen, lebensfrohen Menschen, deren Ideale auf festem sicheren Wunde ruhen. Stark und frei, stolz und doch bescheiden mögen sie aber auch bleiben als Juden, ihrem Glauben, ihrer Tradition!, ihrer Geschichte treu. In landwirtschaftlichen und gärtnerischen Fachanstalten unterweise man die Heranwachsende Fugend in selbsttätiger Art. Die Bestrebungen der modernen Arbeitsschule geben Fingerzeige. Neben Geld und wirtschaftlicher Unterstützung sind dazu aber Männer nötig, die von dem Gedanken der Kolonisation begeistert sind, deshalb begeistern können, bereit hier zu entbehren und zu opfern. Jünger Abrahams und Pestalozzis. Jüdische Schulmeister heraus, Freiwillige vor! Vym Skyhsltrn?um GrIÄKaktrn. (2. Forts.) Erzählung von W. Schweitzer (München). mam&r 1 IV. Ein Lichtstrahl. 4 ohann schwankte aber immer noch zwischen Christentum und Judentum. Das Hinausschieben des ihn erlösenden Aktes machte ihn nervös, er hatte nicht mit Schwierigkeiten gerechnet. Trotzdem arbeitete er in gewohnter Weise in der Druckerei und fetzte seine Studien der jüdischen Lehre fort, nahm alles in sich aus und dachte über alles Dargereichte nach.