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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-06-14 · Heft 24 (14.6.1918) · p. Seite 285

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 24 (14.6.1918)
Date
1918-06-14
Page
Seite 285 (sequence 9)
Language
German
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285 hangt. Mein Leutnant reitst gerade neben mir und beobachtet scheinbar, wie ich den Mick nicht von der erschütternden Tragödie abwenden kann. «Ja ja, das ist der Krieg", bemerkt er tröstend. „Herr Leutnant, das ist Ahasver im 20. Jahrhundert", bemerke ich. Er sieht mich scharf an, nickt und reitet nach vorne. Es wird 10 Uhr. Durch eine Gartenvorstadt führt der Weg. Die Einwohner stehen an den Türen, bringen Wasser und Erfrischungen, welchen im Vorbeimarsch lebhaft zugesprochen wird. Noch ein kurzes Stück, und das erlösende Kommando „Halt", „setzt die Gewehre zusammen", „Gepäck abhängen" ertönt. Aus einer Kirche stellen sich nochmals die deckenden Nachhuten der Russen. Gegen 9 Uhr waren nach Aussage der Bewohner die letzten Todesbataillone durch die Straßen gezogen: stumm und verbittert. Nur kurze Zeit währt der Widerstand, denn als unsere Artillerie die Kirche aufs Korn nimmt, ist jeder Weg frei. Aus einem benachbarten Lazarett kommen deutsche Schwestern, Pfleger und Aerzte, überschütten uns mit Mumen, Schokolade, Zigaretten und Zigarren. Wir find in der Mitauer Vorstadt. Vor einer Hügelwelle der Düna wird wieder Hellt gemacht. Die Brücken sind gesprengt, an ein Uebersetzen ist noch nicht zu denken. Den fliehenden Russen werden schwere Granaten und Schrapnells aus die Straße Riga—Wenden nachgesandt, sogenannte «Dicke Brocken", die heulend durch die Luft pfeifen. Stolz zieht ein Marineflieger am blauen Septemberhimmel seine Kreise. Gegen fünf Uhr abends werden wir auf einem Dampfet über die breite Düna gesetzt und ziehen in den Moskauer Stadtteil ein. Wiederum werden wir mit Blumen empfangen, aus vielen Kehlen ruft es uns entgegen „Willkommen". Es sind Deutsche und vor allem Juden, die ihren freudigen Empfindungen damit Ausdruck verleihen. Nun, beginnt eine stundenlange Wanderung aus dem harten Großstadtpslaster. Sehr oft wird Halt gemacht. Wir haben Gelegenheit, uns mit den Bürgern zu unterhalten. Obzwar ich nun kein typisch jüdisches Aussehen habe, hat sich doch eine Gruppe von Zivilpersonen um mich versammelt, die mich mit den Worten „a Wischer Soldat?" begrüßen, mit Fragen und Aufmerksamkeiten überhäufen, so daß ich die Menge von Zigaretten, Zigarren, Tabak, Schokolade, Bonbons und Gebetbüchern nicht in meinem Tornister verstauen konnte. Welch erhebendes Gefühl, in einer eroberten Stadt auf Glaubens- und Gesinnungsgenossen zu stoßen, deren Gedanken und Gefühle in gleichem Herzschlag sich bewegen. Und endlich ihr schwarzlockigen Knaben und Mägdelein, die ihr auf meinen Knien saßet, an Seitengewehr, Koppel und Brotbeutel euer kindliches Wohlgefallen hattet, letzteren unter Scherzen und Kosen Mt allen möglichen euch lieben Dingen fülltet: fand ich doch am nächsten Tage unter den Reservepatronen eine lleine Puppe. Wie schmiegtet ihr euch an, streicheltet Hand und Wangen, wie oft kam es auch aus lallendem Kindermund: „a Wischer Sodat!" Mein Russe wurde Mr nun auch abgenommen und mußte sich einem vorbeiziehenden Trupp Gefangener anschließen. Stumm und doch so beredt reichte er mir die Hand zum Abschied, der Blick sprach mehr als Worte in dieser Situation sagen können. Durch die Straße ziehen große Mengen Troß, Train, Artillerie. Ein kleiner Panjewagen, daraus der von vielen Feldgottßsdiensten bekannte Feldrabbiner. Ich' trete eilends an den Mrgenschlag, während der Verkehr stockt, grüße, reiche die Hand, die er stark und warm und freudig umfaßt. „Na also, doch Roschhaschonoh in Riga", sagt er lächelnd, Endlich, es war fast li Uhr, erhielten wir in einem Altersstist Quartiere angewiesen, und bald lag alles, selbst auf den harten Steinfliesen, in festem Schlaf. Der nächste Tag war -dienstfrei und wurde ausgiebig zur Besichtigung der herrlich schönen Stadt benutzt. Ueberäll auf den Straßen, vor allen noch verschlossenen Geschäften, Gruppe,, von Glaubensgenossen — wir sind im Judenviertel—, die alle gewissermaßen instinktiv den „Wischen Soldat" herzlich begrüßen. Ein Berg von Fragen stürmt auf mich ein, als ich zu einer Gruppe trete, um die Synagoge zu besichtigen. Meine Familienverhältnisse muß ich haarklein erzählen, ich könnte fast auf Jahre von Freitischen leben, so viel Einladungen ergingen an mich; wie es in Deutschland aussteht, wie es He» Juden im deutschen Heer ergeht, wobei recht schiefe Urteile ans Tageslicht kamen. Fragen der „Spezialisten" tauchen auf. Ob man mit Leder jetzt nach Deutschland Peschäste machen könnte. Ein Schneider will wissen, ob Wan nach Berlin fahren könne, dort Müsse es doch reichlich Arbeit un» Verdienst geben. Er könne es zwar in Riga auch haben, aber die Bezahlung sei schlecht, das Leben enorm teuer. Und dann, er möchte gern nach Deutschland. Er habe Heinrich Heine gelesen und sofort beginnt er Heinesche Gedichte zu -deklamieren unö aus dem Rabbi von Bacharach zu erzählen. Im allgemeinen ist die Unterhaltung ein Chaos verworrener Begriffe über deutsche Verhältnisse und überschwenglicher Hoffnungen. Ich mache darauf aufmerksam, daß wir -uns noch mitten im Kriege befinden, daß die deutsche Hand streng, aber gerecht walten werde, -daß Rühe und Ordnung geschaffen und aufrecht erhalten werden, daß russifche Zustände aufhören, daß der deutsche Soldat und Beamte unbestechlich seien. Das alles imponierte den abgehetzten Leuten mächttg, denn sie hatten in -den Tagen vorher erlebt, was zügellose Truppen und losgelassene Horden bedeuten. Die Leiden der Juden und der Deutschen müssen in den kritischen Tagen des Rückzugs der Russen furchtbar gewesen sein. Zertrümmerte Scherben, ausgeraubte Geschäfte legten beredtes Zeugnis davon ab. In der äußersten Not hatte sich in Riga eine Bürgerpolizei gebildet, -der namentlich sehr viel Judenangehörten, welche mit großen,. Eifer und mit Kenntnis der einschlägigen Verhältnisse auch den deutschen Truppen bei ihrer Arbeit. Ruhe, Ordnung und Sicherheit zu schaffen, an die Hand ging. Ein etwa vierzehnjähriger Knabe zeigt mir sodann die „Wochentagsschul", in welcher sich noch viele Beter befinden. Mit der Hand auf eine große prächtige Türe weisend, meint er. hier wäre die „Schabbesfchul". Nichts ist prunkhast, alles schlicht und einfach; dem Russen ist eben die Synagoge nicht ein Ort gelegentlicher religiöser Sammlung und Erbauung, sie ist für ihn das zweite Heimathaus, in welchem er einen Teil seines Lebens zubringt; daher strömt auch aus der Bauart und aus der Einrichtung eine Art behagliche, anheimelnde Häuslichkeit aus, nichts Feierliches, Erhebendes. Hinter dem Almenor, dem Pult zum Verlesen der Thora, steht ein Tisch, an welchem ein patriarchalischer Greis sitzt, ein Talmudfolium — Traktat Chullms — vor sich und in dasselbe mit leisem Singen vertieft. Wenige Minuten betrachte ich das eigenartige Bild. Draußen der Kriegslärm, durchziehende Truppen, freudige, dem historischen Augenblick sich hingebende Menschen; dort drinnen in einsamer Klause der greise Talmudgelehrte, weltvergessen in das Schrifttum einer jahrtausendealten Kultur, über welche die Volks- und Weltgeschichte dahingezogen, vertieft. Eine ungeschickte Bewegung bringt mein Seitengewehr zum Klirren und der Greis blickt hasb erstaunt auf, erhebt sich, geht ans mich zn, reicht mir die wohlgepflegte Hap-d zur Begrüßung! In Gehrock, -der einem deutschen Geheimrat allß Ehre machen würde, tadelloser Wäsche, steht er Pop mir. Sein Antlitz spiegelt Abgeklärtheit, wahres Glück, sein Auge sprüht von unsagbarer Güte und

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