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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-06-14 · Heft 24 (14.6.1918) · p. Seite 287

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 24 (14.6.1918)
Date
1918-06-14
Page
Seite 287 (sequence 11)
Language
German
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267 Zirndorfer setzte sich mit mehreren Freunden in Verbindung. Sieerließen inallen großen Zeitungen Deutschlands und Oesterreichs Aufrufe, die auf die Spur nach Johanns Eltern führen sollten.' Es meldeten sich einige Personen, doch ergaben die näheren Erkundigungen, daß sie in ihren Hoffnungen getäuscht waren. Dies wiederholte sich immer, wenn ein derartiges Ausschreiben in dem Blätterwald der Zeitungen erschienen war. „Harbe scheluchim lamokaum°)", sagte sich. Zirndorfer und gab die Hoffnung nicht auf. Dieser vielbeschäftigte und von körperlichen Leiden geplagte Mann reiste alljährlich nach Wiesbaden, um an den dortigen Quellen Linderung semes Leidens zu erlangen. Man kannte ihn schon, den treuen Kurgast; er traf nach dem Wochenfest dort ein und verließ den Kurort kürz vor dem 17. Tamus. Die drei Wochen in dem lebhaften Badeort zu verbringen, war ihm zu viel „olom hase°)", und er fürchtete, der Aufenthalt könnte ihn gar leicht in der Trauer um Zions Fall stören. Sein Lieblingsmytto entnahm er dem Kohelet: Am Tage der Freude genieße die Freude, am Tage der Trauer siehe zu; denn eins ergänzt das andere. Israel, so sagte er mit den Worten des Talmuds, verträgt nicht allzuviel Trauer'). An einem Badeort neue Bekanntschaften anzuknüpfen ist nicht schwer. Zirndorfer hatte für neuauftretende Personen ein scharfes Auge. Bis ins Herz, bis ins Mark hinein drang sein Blick, und mit wem er sich befreundete, der war auch dieser Freundschaft wert. So stellte sich ihm, als er sinnend auf einer Ruhebank des Kurgartens saß, ein Herr Michael Schwab aus Brünn vor. Die Unterhaltung spielte bald auf das religiöse Gebiet hinüber, und Zirndorfer fand in ihm nicht nur einen Gesinnungsgenossen vor, sondern auch einen Mann, der weltmännische Bildung mit jüdischer Gelehrsamkeit in sich vereinigte, Im sozialen Leben gehörte er dem Börsenkreis an. Seine Frau, die in einem Rollstuhl gefahren wurde, traf nach kurzer Zeit mit ihren Töchtern an derselben Stelle ein. Sie wurden flüchtig vorgestellt, und die beiden Männer setzten eifrig ihre Unterhaltung — die Frauen sich selbst überlassend — fort. Sie waren schon bei dem Kapitel von den Judentausen angelangt, und Schwab konnte die betrübende Tatsache nicht unterdrücken, daß in seiner Heimat die Taufen in erschreckender Weife überhandnehmen. -,Jch kann Ihnen über einen Fall, der aber den Eintritt ins Judentum betrifft, berichten," erwiderte Zirndorfer; „wenn es Sie interessiert, will ich ihn darlegen." „Ich bitte darum," war die Antwort. So erzählte Zirndorfer mit ausführlicher Breite die Lebensschicksale Johanns. Mit immer mehr sich steigernder Spannung lauschte Herr Schwab seinen Worten, und auch Frau und Töchter, die sich während der Erzählung oft in Blicken des Einverständnisses begegneten, waren voll Aufmerksamkeit. Als er geendet hatte, sah er die Familie Schwab in tiefster Ergriffenheit. Tränen rollten über die Wangen der Frau, und ihr Mann saß mit vorgebeugtem Körper, die Arme auf die Knie stützend und mit den Händen das Gesicht bedeckend, und blieb in dieser-Stellung, als Zirndorfer seinen Bericht schon mehrere Mnuten geschlossen hatte. Er ahnte, daß über dieser Famllie ein ähnliches Verhängnis schweben könnte, berührte die Schulter des auf einmal so gebeugten Mannes mit der Frage: „Was ist Ihnen denn, Herr Schwab, sind Sie nicht wohl oder hat meine Erzählung auf Ihr Gemüt gewirkt?" „Sie haben nicht gefehlt, Herr Zirndorfer. Ihre Mitteilungen haben eine Saite in meiner Erinnerung berührt, die nur ®) Biele Boten hat Gott zur Verfügung. ■ ®) Irdisches Genießen.?) Jebamoth 47b. . schmerzliche Töne erklingen läßt. Ich hatte einen Knaben, ein prächtiges Kind, dem die Schechina®) aus den Augen leuchtete. Wir wohnten damals auf einer einsam gelegenen Sägemühle, es sind jetzt fast zwanzig Jahre her. Ich war mit meiner Frau zum Einkauf in die Stadt gefahren. Als wir anderen Tags zurückkamen, war unser Kind verschwunden und mit ihm das Kindermädchen. Dieses wurde nach einigen Tagen aus dem Mühlbach als Leiche gezogen. Es ließ sich nicht feststellen, ob es gewaltsam hifleingestoßen und ertränkt wurde, oder ob es sich aus Furcht selbst den Tod gegeben. Von meinen Leuten wußte niemand etwas Näheres anzugeben. Erst spät am Abend, als Kind und Mädchen nicht nach Hause kamen, gingen sie auf die Suche, um erfolglos zurückzukehren. Ich habe jedes denkbare Mittel aufgeboten, habe hohe Summen als Belohnung demjenigen versprochen, der mir Kunde vom Aufenthalt meines Kindes brächte. Alles umsonst. Es duldete uns nicht mehr auf dem Sägewerk, ich verkaufte es und zog nach Brünn. Qualvolle Tage und noch qualvollere Nächte lösten in unserem unbeschreiblichen Jammer einander ah. Angelockt durch die höhen Summen, die ich versprach, erschienen allerlei minderwertige Leute, mir Kinder vorzeigend — mein Kind war es nicht." Heftig bewegt, bis ins Innerste erschüttert, trug Schwab seine Erzählung vor. Als er sich etwas beruhigt hatte, fragte Zirndorfer, ob sein verlorenes Kind nicht ein besonderes Kennzeichen an seinem Körper trüge. Sein forschender Blick ruhte lange aus dem Gesicht der einen Tochter, und es wollte ihn, scheinen, als sei eine unverkennbare Aehnlichkeit mit Johann vorhanden. „Von einem Kind, das kaum drei Jahre alt war, lassen sich keine Merkmale, wenn sein Körper fehlerlos ist, feststellen. Er flüsterte aber die Worte: „beni eno nimol, schemesu schne echow machmas milo®)." „Herr Schwab, ich möchte in Ihnen keine Hoffnungen, die sich nachher als trügerisch erweisen könnten und dann die Wunde noch schmerzlicher empfinden lassen, nähren, Aber ich glaube mich nicht zu täuschen, wenn ich in dem Jüngling, von dem ich Ihnen erzählte, unverkennbare Familienähnlichkeit erblicke, und ich weiß es durch meinen Arzt, daß er das Bundeszeichen nicht an sich trägt." ,i.Das genügt mir, und ich möchte sofort Hinreisen, um ihn zu sehen." „Ich halte es für beffer, wenn wir Johann hierherkommen lassen, ohne daß er um die Veranlaffung weiß. Es würde in Fürth zu viel Aufsehen und Aufregung verursachen. Hier können wir uns zurückziehen und den Verlauf der Begegnung abwarten." Ein Telegramm verständigte Johann von seiner Reise nach Wiesbaden. Die Familie Schwab wurde auf eine harte Geduldsprobe gefetzt. Am anderen Tage konnte der verlorene Sohn erst eintressen, und man malte sich die Begegnung in allen Farben bis dahin aus, ob wohl die Stimme des Blutes die Zusammengehörigkeit empfinden ließe. Zirndorfer glaubte sicher an seine Kombination, und die Familie Schwab rechnete auch schon mit der vollendeten Tatsache. Sie freuten sich mit den Mitteilungen, die sie über ihren zu erwartenden Sohn durch Zirndorfer erhielten, und mehr, als sie zu fragen wüßten, konnte er von ihm erzählen. Er selbst dachte schon mit Wehmut daran, daß Johann, wenn er wirklich der gesuchte Sohn sein sollte, sein Haus verlassen würde. Das gemeinsame Wendmahl, an welchem Zirndorfer teilzunehmen eingeladen wurde, die folgenden Stunden bis in die ®) Abglanz göMcher Herrlichkeit. ®) Der Akt der Beschneidung wurde an ihm nicht vollzogen, da seine beiden Brüder an den Folgen derselben starben.

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