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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-06-14 · Heft 24 (14.6.1918) · p. Seite 284

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 24 (14.6.1918)
Date
1918-06-14
Page
Seite 284 (sequence 8)
Language
German
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284 i: aüe in Rumänien geborenen, und keinem anderen Staate angehörenden Juden (ohne Rücksicht auf ihte Eltern) '' dem' Rekrütierüngsgesetze genügt'haben (ob mobil,ßert oder Nicht), als Staatsangehörige anerkännt werden, 3. daß in den Kommissionen auch jüdisib' Vertreter amtieren, 4. daß eine Frist festgesetzt werde, bin- -** Entscheidungen der Kommissionen werden sollen, damit Verzöo-- —>en welcher die zichungen vermieden n- . unbedingt getroffen 5 daß die Zivil- - U*.«.ungen und böswillige Hinpationsa^ .werden. : ' and Militärbehörden durch das Emanzi- ^sktz angewiesen werden, die erforderlichen .o erreichbaren Dokumente tatsächlich und ohne Verzögerung auszufolgen. Die führenden jüdischen Organisationen haben sowohl hier wie in Budapest wertere Schritte in dieser Angelegenheit beim Ministerium des Aeußern unternommen. . . K. fiigarr Erinnerung™ eines Landsturmmsnnes Von Alfred Gordon. Patrouillen vor — Russengraben leer, fertig machen, in Gruppenkolonne -- marsch! Leb wohl, du blockhausartiger Unterstand, lebt wohl ihr musikalischen Sprungfedermatratzen, die ihr durch euer liebliches Geächze wie eine Uhr das Ablösen der Posten anzeigtet, ihr Mäuslein und Ratten, die ihr euch an dem Inhalt meines Tornisters so gütlich tatet und dick und fett dabei gewvrden seid; leb wohl, du Tagesposten im Graben, du Horchpostenloch vor der Düne, lieber den ausgetrockneten Sumpf, der die Ruffenstellung von der unseren trennte, geht es aus die Straße, die direkt nach Riga führt. Man wundert sich über die Primitivität der ruffischen Gräben und Unterstände, wir kommen an einem Friedhof vorbei, der sich in trostlosem Zustand befindet: ohne Umzäunung, die Gräber ungepflegt. Das Auge irrt flüchtig umher, um ein jüdisches Grab zu entdecken, wie solche aus unseren Heldensriedhöfen oft zu finden sind, gekennzeichnet schon in der Form des Grabscheites. Nichts als Kreuze mit ein und zwei Ouerstücken, den Symbolen der evangelischen und römisch-katholischen' Religion. Sollte dort drüben sich niemand um ein entsprechendes sichtbares Zeichen auf den Grabhügeln unserer Glaubensgenossen gekümmert haben? Daß eine große Zahl jüdischer Brüder an der russischen Front die Soldatenpflicht dem Vaterlande gegenüber in vorderster Linie erfüllten, war auch uns, die wir keinen Blick in die Gefangenenlager werfen konnten, zur Gewißheit geworden/ wenn des Morgens, beim Aufgang der Sonne die russischen Horchposten ihre üblichen ' Begrüßungen herüberriefen. So wußten wir genau, daß ein lettisches Regiment uns gegenüberstand, wenn bei einer Gelegenheit der neben uns liegende Landsturm mit den Worten: „Großpapa, bist du schon da?" angeulkt würde. Neben dem „Klebber nimmer" und dem „Germanski, kommen nach Rija" war das ,Mholom Aleichem" ein oft gehörtes Wort. : ' :- Wir hakten bereits vier russische Reservestellungen durchschritten, ohne auf Widerstand zu stoßen, Die Septembernacht war hereingebrochen, weiße Nebelschwaden lagen auf der Landschaft, engten die Brust ein, ümgaukelten die Sinne mit phantastischen Gebilden. Eine Stimmung steigt aus, die dem Deutschen und namentlich dem Großstadtkinde unbekannt ist: es ist, äks wenn aus den Sümpfen eine unsichtbare Macht aufsteigen ivürde, die' die EinWdüngskrast Mächtig anrege, gaukelnde Bilder über den Nebeln erstehen läßt, eine Atmosphäre scyafssi in lbelcher sto^' und rasches Händeln geftsi»*' .^rer Wille gelähmt, kühnes sowohl das Mfsisch» ((Va wird; eine Stimmung, in der 4vchem WirKi-*^ . Mchewoh wie die Legenden des Baal Hio" .^reitsgehalt bekommen. , ,.uer der vierten russischen Stellung wird Halt geboten. Mas Bataillon bleibt in Ruhe und Reserve, während die beiden anderen Bataillone des Regiments den Waldrand besetzen, vor welchem sich die russischen Nachhuten zu kurzem, vergeblichen Kampfe stellen. Gepäck ist abgelegt, Gewehre sind zusammengestellt. Hier soll übernachtet werden.- Alles verstreut sich in die russischen Unterstände, um nach Erinnerungen und Andenken, die ewig hungrige Jugend nach Eßbarem zu suchen. Da wird irgendwo ein Proviantdepot entdeckt und der Bataillonskommandeur gibt die Erlaubnis zur Verteilung der Vorräte. Ein ganzes Russenbrot und eine ansehnliche Portion Butter kommt auf jeden. Vor einem Unterstand bemerke ich eine große Ansammlung. Die Neugierde treibt mich, obzwar ich gerade, auf einem Baumstumpf sitzend, mit einem fein gebildeten Unteroffizier in eine etwas uferlose Debatte über Spinoza geraten war, dorthin. In der Mitte des Knäuels saß ein Russe, dem einige Spaßvögel die Einjährigenschnüre anhefteten. Der Kompagnieführer sucht ihn auszufragen. Seine Mühe ist vergebens. Starr blickt er ins Leere, als suche seine Seele dort hinten ein rettendes Ufer. Ich werde von hinter mir stehenden Kameraden nach vorne gedrängt und habe Gelegenheit, den Mann näher anzusehen. Sofort fällt mir'sein jüdischer Typus auf. Ich gehe auf ihn zu. Er will vor mir ausweichen, da reiche ich ihm die Bruderhand mit den in dieser Situation fast wie eine Ironie des Schicksals anmutenden Worten „Scholom Aleichem". Er zuckt zusammen, sieht mich scharf an, schlägt nach einigem Zögern in die dargebotene Hand ein und antwortet mit einem melancholischen Lächeln „Aleichem Soloim", in typischer Betonung des „s", statt „sch", lebhaft an den biblischen Kriegsruf „Schibboles" erinnernd. Von dem Kompagniesührer erhalte ich sofort die erbetene Erlaubnis, mich des Mannes aunehmen zu dürfen, und aus Befehl geht die Ansammlung auseinander. Unvergeßlich wird es mir bleiben, wie wir dann, nach gemeinsam eingenommener Abendmahlzeit in der Ecke eines Russenunterstandes, kärglich gegen Frost und Regenschauer geschützt, beieinander faßen, über Judentum, jüdische Lebensauffassung, über Schicksal und Gott gesprochen, debattiert und philosophiert haben. Der Morgen graute und der Befehl zum Fertigmachen wurde gegeben. „Mein Russe" blieb bei mir, nahm mir abwechselnd den Brotsack ab und trug meinen Tornister, rastete bei mir, aß von meinem Brot und aus meinem Kochgeschirr, Bei der Vernehmung gab er an, auf Posten gestanden zu haben. Ein Befehl zum Zurückziehen war ihm nicht gegeben worden. So blieb er, der Ablösung harrend, obzwar sich sein Postenkamerad frühzeitig, nichts Gutes ahnend, „verduftet" hatte. Als diese auch um die vorgeschrittene Morgenstunde nicht erfolgte, ging er zurück und fand alles leer. In Ungewißheit seiner Lage wollte er die Nacht abwarten, um sich unter deren Schutz rückwärts durchzuschlagen. Mit Gewehr über ging es nunmehr ohne Unterlaß, Von allen Seiten marschierten Kolonnen auf den Zugangswegen von Riga. Von ferne war ein mächtiger Feuerbrand sichtbar: Riga in Flammen. An der Straßenkreuzung bot sich ein symbolisches Kriegsbild. Aus dem Wege nach Mitau eine Karawane flüchtender Juden. Das Gemälde „Golus" tritt leibhaftig vor die, Seele: ein mit dürftigem Hausrat beladener Karren, dahinter ein Jude mit wallendem Bart, langem Kaftan, ineinandergekreuzten Armen, neben ihm eine in Lumpen gehüllte Fxauengestalt, an deren Rockschößen eine ganze Schar von Kindern

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