Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-06-14 · Heft 24 (14.6.1918) · p. Seite 282

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 24 (14.6.1918)
Date
1918-06-14
Page
Seite 282 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3229339-3229363--74079-3286553
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

282 Studium >der Mathematik und Naturwissenschaften, hauptsächlich der Physik. Hier war es insbesondere O. E. Meyer, der seinen späteren Arbeiten die Richtung gab. Sein schon in der Schule aus das Universelle gerichteter Geist breitete sich immer mehr aus. Die Kenntnisse auf dem Gebiete der beschreibenden Naturwissenschaften, die er als Studierender der Medizin erworben hatte, gaben seinen physikalischen Studien eine breite, positive Grundlage, seine durch das TalmUdstüdium in der Jugend geschärfte Kombinationskraft, ein angeborener Hang zum Grübeln und zum Verfolgen eines Gedankens bis in die äußersten Konsequenzen, „in der Erscheinungen Flucht den ruhenden Pol" zu suchen, sein eiserner Fleiß und seine'durch die gute Pflege in dem großen Haushalte seines Stiefbruders sehr kräftig gewordene Körperkonstitution führten bereits den Studenten zu selbständigen wissenschaftlichen Arbeiten, die weit über die Ziele der Studiengenossen hinausgingen. Er siedelte nach Berlin über zu einer Zeit, da die philosophische Fakultät Berlins in höchster Blüte stand. Die Mathematiker Weierstraß, Kummer, Kronecker, die Physiker Helmholtz und Kirchhofs, die Philosophen Zeller und Dühring wirkten hier gleichzeitig: so fand sich hier alles zusammen, einem selbständig arbeitenden Geiste die notwendige wissenschaftliche Nahrung zu bieten. Gleichzeitig gab die Residenz dem empfänglichen Jünglinge Gelegenheit, seine Kunstbedürfnisse zu befriedigen. Zu jener Zeit sing Berlin an, das Zentrum aller musikalischen Bestrebungen, zu werden, und der Student, der als Kind in Kowno an den hohen Festtagen seinen Vater beim Vorheten als „Singer" unterstützt hatte, schloß sich der Gemeinde der begeisterten Waguerverehrer an, versäumte kein Konzert und keine Oper, in der Wagner gespielt wurde, erhob und begeisterte sein Gemüt durch den Besuch aller Kunstausstellungen und erwärmte sich, an allen klassischen Aufführungen in den Berliner Theatern. Allerdings kam er dadurch — trotz eines ziemlich reichlichen Wechsels — in wirtschaftliche Bedrängnis, blieb mit seiner körperlichen Pflege hinter dem Notwendigen zurück und legte den Grund zu körperlichen! Uebelbesinden, das ihn sein ganzes späteres Leben hindurch schwer bedrückte. Vorläufig aber gestattete ihm seine kräftige Konstitution, wenn er nach dem Besuch der Oper oder des Schauspiels im Kreise der Genossen bis tief in die Nacht hinein vergnügt gewesen war, heimgekehrt bis in den späten Morgen ernstlich am Schreibtisch zu arbeiten. Während seines weiteren Studiums traf Weinstein das Mißgeschick, daß sein Bruder, ohne viel Vermögen zu hinterlassen, starb, und folglich sein Wechsel ausblieb. Der durch sein humanes Wesen allgemein bekannte damalige Direktor der Sternwarte, Professor Förster, nahm den nunmehr armen Studenten in das Recheninstitut der Sternwarte auf, ferner beschäftigte ihn der immer hilfsbereite Loewenberg in der Norinal-Eichungs-Kommisiion, so daß der junge Gelehrte zwar vor Not geschützt war, aber, dienstlich stark beschäftigt, nur durch Arbeit über das vernünftige Maß hinaus seinen wissenschaftlichen Bedürfnissen genügen konnte. Es ist hier nicht der Ort, auf das einzelne der wissenschaftlichen Leistungen Weinsteins einzugehen. Nur auf den allgemeinen Gang seiner äußerst zahlreichen Veröffentlichungen Geh. Begierungsrat Prof. Dr. Max B. Weinstein. sei hingewiesen. Seine ersten Arbeiten „Zur Theorie der totalen linearen Differentialgleichungen" und „lieber die Bewegungsgleichungen von Lagrange" gehören der reinen Mathematik an — für den Physiker eine Seine nächsten Veröffentlichungen schließen sich an Dienst im Amte an: ein zweibändiges „Handbuch der physikalischen Maßbeftimmungen", „Kapillaritäts-Untersuchungen", „Erdströme" und ähnliche Arbeiten. Nebenbei veröffentlichte er deutsche Ausgaben hervorragender klassischer Werke: Maxwells Theorie der Elektrizität und des Magnetismus, Fouriers Theorie der Wärme. Als Weinstein in seinem Amte höher gestiegen und seine dienstliche Tätigkeit eine freiere geworden war, nahmen seine wissenschaftlichen Arbeiten einen immer höheren Flug und gingen immer mehr von Einzelg§bieten zu den letzten Grundlagen der Physik und der Wissenschaft Überhaupt über. Sein letztes Hauptwerk, die vierbändige „Thermodynamik" betrifft nur scheinbar ein Sondergebiet: dieser Teil der theoretischen Physik bildet dem augenblicklichen Stande der Wiffenfchaft tatsächlich das eigentliche Fundament unserer Naturaufsassung. An der Universität, wo er inzwischen als Privatdozent für theoretische Physik habiliert hatte, hielt Weinstein neben seinem Hauptkolleg gern Vorlesungen über allgemeine Fragen aus denen 'dann Schriften allgewein-philosophischen Inhalts hervorgivgen, wie „Grundlagen der Naturwissenschaft", und , in der Teubnerschen Sammlung „Aus Natur und Geisteswelt" zwei zusammenhängende hochinteressante Merkchen: ' „Entstehung der Welt und der Erde nach Sage und Wissenschaft" und „Untergang der Welt und der Erde". Nebenher arbeitete er im besten Sinne an der Popularisierung seiner Wissenschaft und der Verbreitung der Ergebnisse der jüngsten Forschungen unter gebildeten Laien. Die Zeitschriften „Himmel und Erde", „Das Weltall" und ganz besonders die „Deutsche Revue" enthalten eine ungemein große Anzahl Aufsätze Weinsteins, welche die subtilsten Gebiete der modernen Physik von philosophischen Gesichtspunkten aus behandelt. Als Mensch erwies sich Weinstein als milder, stets hilfsbereiter Mann, den fremdes Leiden bis ins Innerste erregte, sein jüdisches Herz trat mit zunehmendem Alter immer deutlicher hervor; in seiner Lebensauffassung schloß er sich zuletzt eng an Spinoza, räumte er, je weiter er Vorschrift, immer mehr dem Gefühle Rechte ein und näherte er sich immer mehr einer religiösen Denkweise. Und wenn er früher in dieser. Hinsicht etwas mit dem Buddhismus geliebäugelt hatte, erkannte er immer mehr die Erhabenheit der jüdisch-religiösen Grundanschauungen an. Die Bihel-Babel-Diskussion hat stark auf ihn eingewirkt, und er nahm besonders in den beiden oben zuletzt genannten Schriften Gelegenheit, feinen Anschauungen Ausdruck zu geben. Neben seinen wissenschaftlichen Arbeiten pflegte Weinstein noch die Poesie. Ein 1901 unter dem Titel „Denken und Träumen" veröffentlichter Band lyrischer Gedichte hat hei der Kritik günstige Aufnahme gefunden; einige Dramen und ein Bändchen Gedichte, „Versonnene Fahrt" sind noch nach, seinem Tode im Druck erschienen, und sein Schreibtisch birgt neben einer großen Anzahl begonnener spezialwissenschastlicher

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.