Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1918)
- Date
- 1918-06-14
- Page
- Seite 281 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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281 uns stehen und mit allen Mitteln helfen. Dann können wir sicher sein, daß der Tag des Friedens ein Palästina zeigen wird, das eine gesunde Basis für die Kolonisation, einen starken intellektuellen, technischen und finanziellen Apparat, befreundete Nachbarn im Lande und starke Freunde draußen besitzen wird. . Inzwischen )verden die größten Bemühungen gemacht, um die verschiedenen Nationalitäten zu einigen und insbesondere srenndlichc Beziehungen mit den Arabern anzuknüpfen. Die Tatsache, daß auf dem großen Meeting in London auch Syrier und Araber gesprochen haben, hat auf die hiesigen Führer stark gewirkt. Ende April wurde der Kommission ein offizielles Diner vom Gouverneur angeboren. Außer dem Must-i von Jerusalem und dem Bürgermeister war noch eine Reihe von Notabeln anwesend, unter anderen der griechische Erzbischof, der armenische Bischof von Kairo, der Vertreter der katholischen Kirche usw. Der Gouverneur stellte Dr. Weitzmann mit einigen kurzen Worten vor und gab der Hoffnung Ausdruck, daß alle religiösen Gemeinschaften und Nationalitäten sich einigen würden. Dr. Weitzmann hielt dann eine kurze Ansprache. „Ich komme", erklärte Weitzmann, „in dieses Land der jüdischen Vergangenheit und der jüdischen Zukunft als Vertreter der jüdischen Volksgemeinschaft. Ich bin von dem Bewußtsein meiner Verantwortlichkeit tief durchdrungen. Ich komme mit der Losung: Friede und Zusammenschluß aller Gemeinden, die hier vertreten.sind. Palästina bietet genug Raum und Möglichkeit für eine Zusammenarbeit aller Gemeinschaften und Religionen. Für die Juden und Araber ist ein harmonisches, friedliches Leben möglich und notwendig. Ich warne vor falschen Vorstellungen, die diese Harmonie stören. Da wir Zionisten nicht hierherkommen, um ein zweites Albanien oder Rußland zu schaffen, jo wollen wir auch nicht sofort nach Beendigung des Krieges die Macht übernehmen. Eine von dem Staatenbund zu ernennende Macht sollte Palästina bis zur Selbstregierung verwalten. Aber dennoch muß schon jetzt betont werden: eine Jnternätionalisierung oder Teilung Palästinas, jede Form von vielsjacher politischer Kontrolle ist uns nicht erwünscht. Palästina ist eine Integrität, muß als solche behandelt werden und darf darum nur einen Protektor haben." „Die Zionisten", so schloß Weitzmann seine Rede, die nachher ins Arabische übersetzt wurde, „werden eine. Entente mit 'den Arabern und- Armeniern schließen, diesen beiden Völker, die, wie die Juden, am meisten gellsten haben und jetzt einer neuen Zukunft entgogengehen." Der Mufti antwortete in sehr freundlichen Worten. Er erklärte, von dem Ernst und der Treue der zionistischen Erklärung überzeugt zu sein. Er hofft, mit den Ziomsten Schulter an- Schulter für das gemeinsame Ziel, das Wohl von Palästina, wirken zu dürfen. M. v. SArinltrin. Von Prof. Dr. Leopold Levy. m 26. März ist im Alter von 45 Jahren ein Mann aus dem Leben geschieden, der in jüdischen Kreisen wenig bekannt war, da er wenig in der Oefsentlichkeit hervortrat und sich nach außen hin von jeder Mitarbeit an jüdischen Bestrebungen fernhielt, aus den wir aber, als auf einen der Unsrigen, mit Stolz blicken und Hinweisen können. Das Mitglied der Kaiserlichen Normal-Eichungskommiffion, Geheimer Regierungsrat Dr. Max Bernhard Weinstein, Professor der Berliner Universität, Mitglied der Leopoldinischen Akademie, war zunächst Mitarbeiter, dann Nachfolger im Amte des auch in Berliner jüdischen Wohltätigkeitsbestrebungen rühmlichst bekannt gewordenen, leider jung verstorbenen Leopold Loewenberg. Seine amtliche Tätigkeit ist von den Vorgesetzten Behörden durch Verleihung von Orden und Titeln anerkannt worden; ob er nicht als Nichtjude im Staatsdienste eine höhere Stufe erreicht hätte, sei dahingestellt. Für Dienste im Staatsinterefse, die von seinen direkten Amtspflichten weit ablagen, ist Weinstein oft verwendet worden; ob es aber der Jude oder der Nichtjurist gewesen ist, der nicht die vollen Früchte seiner Leistungen geerntet hat, darüber konnte er sich nie volle Klarheit verschaffen. Weinstein hatte folgende Auszeichnungen: den Kronenorden dritter Klaffe, den Roten-Adler-Orden vierter Klaffe, das Ritterkreuz erster Klaffe des Herzoglich Sächsischen Ernestinischen Hausordens und das Kriegsverdienstkreuz. An ausländischen Orden besaß Weinstein folgende: den russischen Stanislausorden am weißroten Bande um den Hals zutragen, das italienische Offizierskreuz. Weit mehr als die hohe Stufe, zu der Weinstein als Beamter gelangt war, eine Stufe, die in Deutschland bisher nur wenige Juden erreicht, wohl keiner überschritten hat, können uns aber seine Leistungen als Gelehrter mit Stolz erfüllen. Wie der so vieler unserer Großen hat sein Bildungsgang mit der einseitigen Ausbildung in den rabbinischen Wissenschaften begonnen. In Kowno als Kind nicht unbegüterter Eltern geboren, besaß er, wie das in Ruffisch-Polen bei den Juden infolge der frühen und der schnellen Wiederverheiratung verwitweter Männer und Frauen so häufig vorkommt, eine überaus große Anzahl von Voll-, Halb- und Stiefgeschwistern in verschiedenen Altersstufen. Das schwächliche, durch Krankheiten stark verschüchterte Kind wurde wegen seiner Begabung und seiner schnellen Fortschritte im Talmudstudium bald der Stolz der Familie. Als durch ungünstige geschäftliche Verhältnisse und die immer mehr anwachsende Kinderzahl die Lage der Eltern bedrängter wurde, mußten sich die älteren Geschwister aus eigene Füße stellen, und der zwölfjährige Jlluj kam nach Insterburg zu seinem um 24 Jahre älteren Stiefbruder, der sich durch geschäftliche Tüchtigkeit zu 'einem Großindustriellen und zu Reichtum emporgeschwungen hatte. Der plötzlich in den aus breitester Grundlage ausgebauten, modern weltlichen Haushalt üvergesührte, ärmlich gekleidete, in seinem Aeußeren wenig gepflegte osteüropärfche Judenjunge hatte gegenüber den vielen in demselben Hause gepftegten, sechs eigenen und mehreren näher oder entfernter verwandten fremden Kindern zunächst einen schweren Stand, ebenso den Mitschülern im Gymnasium gegenüber, mit denen sich der bereits au höhere Probleme gewöhnte Geist des Talmudjüngers nur sehr schwer zu stellen wußte. Die Ausgaben und der Lehrplan der unteren Gymnasialklassen sind eben auf die Fähigkeiten jüngerer, intellektuell noch wenig entwickelter Schüler verechnet. Erst als er die Pflegegeschwister bei ihren Schularbeiten unterstützte, seine jüngeren Mitschüler mit seinen Fäusten gegen die Bedrückung durch einen starken Rohling geschützt hatte, als nach Ausrücken in die Mittelklassen der Unterrichtsstoff seinem Alter und der Entwicklungsstufe seines Geistes mehr angepaßt war, gelangte Weinstein zu dem für die Einordnung in die gegebenen Verhältnisse erforderlichen inneren Gleichgewicht. Immerhin blieb er aus der Schule eine Art Sonderling, machte seine Schularbeiten — außer dem deutschen Aufsatze, in dem er vermöge seiner fortgeschrittenen geistigen Entwicklung und seiner auch bei seinen späteren wissenschaftlichen Arbeiten sehr vorteilhaft hervorstechenden Sprachbegabung exzellierte — nur oberflächlich und notdürftig, las aber viel und beschäftigte sich mit allen mvglichen der Schule fremden Dingen, verarbeitete alles, was ihm in die Hände geriet selbständig und führte.es weiter. So schrieb er bereits als Schüler eine mehrere hundert Seiten starke Arbeit über die Epitheta bei Homer und in einem indischen Epos, von dem er Bruchstücke in Uebersetzung gelesen hatte, studierte er während des Unterrichts — unter dem Tische — Infinitesimalrechnung. So kam es, daß er trotz seiner Begabung, seines Fleißes und feines hohen wissenschaftlichen Interesses kein besonders hervorragender Schüler war, und es ist seinen Lehrern als besonderes Verdienst anzurechnen, daß sie dem etwas absonderlichen Schüler keine Schwierigkeiten in seinem Fortkommen bereiteten. Aus der Schule entlassen, bezog Weinstein die Universität Breslau, um Medizin zu studieren, trat aber nach einem Jahre in die philosophische Fakultät über und widmete sich hier dem