Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1918)
- Date
- 1918-06-14
- Page
- Seite 279 (sequence 3)
- Language
- German
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279 Wünschen und Bestrebungen fövdersam entgegenkommt. Dasselbe Gesetz wind endlich auch für Kantoren und andere Kultusbeamte günstigere Lebensbedingungen bringen, weil es die Gemeinde als Arbeitgeberin unter eine höhere Ordnung stellen soll. Wt Woche. Berlin, 11. Juni 1918. on gewaltigen KriegshaMungen ist aus der Berichtswoche nichts zu melden, wohl aber von glücklichen örtlichen Fortschritten und von glänzender Abwehr aller verzweifelter Gegenanstrengungen der Feinde. Die Zahl von 185 000 Gefangenen, die seit dem März gemacht worden ist, illustriert am deutlichsten, namentlich wenn man ihr eine mindestens gleiche Zahl von Toten und Verwundeten hinzufügt, die ungeheuren Verluste, welche unsere Feinde erlitten haben. (Der Heeresbericht vom 10. meldet wiederum 8000 Gefangene.) Fügt man >hinzu die große Zahl unserer glücklichen Luftangriffe, die außerordentlich große Beute unserer U-Boote, die bis in die amerikanischen Gewässer vorgedrungen sind, so sollte man meinen, daß unsere Feinde endlich zur Vernunft kommen müßten. Dies ist aber keineswegs der Fall. Sie intrigieren, suchen Oesterreich gegen uns auszuhetzen, beharren in ihrem Widerstande. Die Amerikaner blockieren ihre Häfen und senden eine ganze Flotte gegen die ihnen höchst widrigen U-Boote aus, sie versprechen immer auss neue Hilfstruppen, obgleich sie selbst Und ihre Verbündeten von deren Minderwertigkeit überzeugt sein müßten; die Engländer wiederholen ihren Entschluß, den Krieg bis zum siegreichen Ende zu führen; die Franzosen, obgleich sie, gewiß nicht mit Unrecht, für ihr Paris bangen und obgleich sie den höchst bedrohlichen Ernst der Lage durch die Einbuße immer neuer Ländergebrete, durch Zerstörung ihrer blühenden Städte, fruchtbarer Ländereien und wichtiger Jndüstriezentralen, sowie durch immer größere Schwächung ihrer verfügbaren Mannschaft aufs äußerste empfinden müssen, obgleich einige Vernünftige unter ihnen von Frieden zu reden wagen, beharren dabei, Paris zu behalten und den Krieg sortzuführen. So muß denn das furchtbare Völkermorden immer weitergehen. Ein Ende ist nicht abzusehen. Wir harren aus, Höffen aus glänzende Waffentaten unserer Truppen und sind des Endsieges sicher, der uns den Frieden bringt. * . . Was die jüdischen Verhältnisse anbetrifst, geben wir zunächst einer Zuschrift des Verbandes der deutschen Juden Raum, die-so lautet: Auf Eingaben' ^des Verbandes der deutschen Juden hat 'das Kriegsministeriium ihm für die von ihm verteilte Feldbibel einen Beitrag von 500 Mark bewilligt und außerdem eine dem Preise für die christlichen Feldgesangjbücher entsprechende Unterstützung zur Ausstattung jüdischer Heeresangehöriger mit Feldgeketbüchern gewährt. * Das Hinscheiden Al b e r t H ä n e l s, des trefflichen Forschers und unentwegten Anhängers der Freisinnigen Partei, gibt der „Feisinnigen Zeitung" Anlaß zu einem Artikel: „Albert Hätte! und die antisemitische'Bewegung". Darin wird von der 1877 einsetzenden judettseindlichen Strömung berichtet und folgendes erzählt, das leider auch heute noch nicht als unzeitgemäß zu betrachten ist: Die Fortschrittliche Partei', zu deren hervorragendsten Führern Albert Hänel damals gehörte, hatte die neue Bewegung, vorn ersten Tage an auf das schärfste bekämpft. Ws aber die. Antisemiten im Herbst 1880 dazu übergingen, durch eine an den Reichskanzler gerichtete Petition, welche in etwa 100 000 Exernplaren im Lande verbreitet worden war und zu deren Unterschrift und Unterstützung auch Behörden, Landratsiämter usw. aufgesordert wurden', eine Beschränkung der staats-- bürgerlichen Rechte der jüdischen Staatsangehörigen zu verlangen, hielt es die Partei für notwendig, die Dinge auch im Parlament zur Sprache zu bringen und die Staatsregierung über ihre Stellung zu der genannten Petition zu interpellieren. Am 20. November 1880 kam diese Interpellation der Fortschrittspartei, die unter der Bezeichnung „Interpellation Hänel" in der parlamentarischen Geschichte Deutschlands fortlebt, im Preußischen Abgeordnetenhause zur Erörterung. Diese Erörterung war die erste parlamentarische Behandlung .der „Jirdenfrage", die — man kann wohl sagen leider — seitdem in den deutschen Parlamenten so vielfach zu erregten Debatten Veranlassung gegeben hat. Hänel begründete die Interpellation. In scharfen Worten, die noch heute für jeden PMtiker, der sich mit -den einschlägigen Fragen beschäftigt, von großem Interesse sein dürften, geißelte er die wüste Agitation der Antisemiten unter dem lebhaften Beifall der Liberalen. Der Vizepräsident des Staatsministeriums antwortete in streng sachlicher, nach dem Geschmack manches Hörers vielleicht etwas zu sachlicher Weife, gab aber in entschiedener Weise die durchaus korrekte Erklärung ab, daß eine Beschränkung der staatsbürgerlichen Rechte der jüdischen Bürger von der Regierung in keiner Weise beabsichtigt fei. In der darauf folgenden zweitägigen Debatte wurde der Antisemitismus durch die Nationalliberalen, Seyfarth und Hobrecht, und durch die Vertreter des Zentrums, Reichensperger und Windthorst, verurteilt. Herrn v. Heydebrandt, der seinen Fraktionsgenossen Stöcker zu verteidigen suchte, wurde von A. Träger und R. Virchow wirkungsvoll geantwortet; Virchows Rede wurde allgemein als Höhepunkt der Debatte betrachtet. Dann heißt es: Mit der Rede Virchows war die Debatte des ersten Tages erledigt, aber die wiederholt gestellten Schlußanträge wurden zurückgewiesen, die Redelust war noch lange nicht erschöpft. Am anderen Tage sprachen von konservativer Seite noch Herr v. Minnigerode, Kröcher. Stroßer und der viel angegriffene Hofprediger Stöcker selbst, die dann allerdings die antisemitische Bewegung zu verteidigen und zu erklären suchten. Aber die in der Petition verlangte Beschränkung der Bürgerrechte wagte doch von diesen Rednern keiner direkt zu fordern, im Gegenteil, auch sie, mit Aufnahme Stöckers, suchten sich dagegen zu verwahren. Vom Zentrum vertrat der Abgeordnete Bachem die zweite Garnitur, der weit weniger versöhnliche Töne anschlug als am Tage vorher Windthorst und Reichensperger. Dieser Redner erhob — was allerdings auch die beiden anderen Redner des Zentrums, namentlich Reichensperger, schon berührt hatten — gegen die jüdischen Kreise vor allem den Vorwurf, daß sie sich während des Kulturkampfes vielfach allzu stark als Gegner der Katholiken betätigt hätten. Auch das Verhalten einiger großen Berliner Zeitungen wurde von mehreren Seiten einer stark mißbilligenden Kritik unterworfen.. Von liberaler Seite antworteten Alexander Meyer und Rickert, dann noch Ludwig Löwe als einer der wenigen jüdischen Mitglieder des Hauses in sehr wirkungsvoller Weise. Mit gewohnter Schärfe ging Eugen Richter namentlich gegen Hofprediger Stöcker selbst vor, und den Schluß, bildete der unermüdliche Virchow. Von besonderem, man kann wohl sagen geschichtlichem Interesse war jener Augenblick in der Rede Stöckers, in dem er erklärte, daß er die Petition nicht unterschrieben habe. Auf die stürmischen Unterbrechungen der Linken, die ihm eine Nummer des „Reichsboten" mit seiner Unterschrift vor Augen hielten, mußte er dann zugeben, daß er „zu den Beratungen der Petition hinzugezogen und dieselbe nachher unterschrieben habe". Die anfängliche Ableugnung und das spätere x erzwungene Zugeständnis Stöckers hat bekanntlich noch jahrslang in denr politischen Kampfe eine große Rolle gespielt und wurde als Mangel an Wahrheitsliebe ausgelegt, so daß sich Stöcker schließlich gezwungen sah, seine Gegner vor Gericht zu fordern. In dem Prozeß gegen den fortschrittlichen Redakteur Becker, in dem allerdings noch andere Entgleisungen Stöckers zur Sprache kamen, wurde dann, obgleich der Beklagte wegen formeller Beleidigung verurteilt wurde, der. Glaubwürdigkeit Stöckers vom Gericht ein nicht gerade schmeichelhaftes Zeugnis ausgestellt. . Schließlich endete die Beratung der Interpellation Hänel vor gänzlich ermattetem Hause nach langer, zweitätiger Debatte. Die Liberalen konnten, mit dem Erfolg ihres Vorstoßes zufrieden sein. Die Staatsregierung hatte jede Wsicht, die Wünsche der Petenten zu