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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-05-24 · Heft 21 (24.5.1918) · p. Seite 247

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 21 (24.5.1918)
Date
1918-05-24
Page
Seite 247 (sequence 7)
Language
German
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247 besonderer Liebe aber und größtem Eifer widmete er sich der Erforschung der rabbinischen Literatur des mittelalterlichen Deutschlands und Frankreichs im allgemeinen und der Schriften Raschis und seiner Zeit im besonderen. Dieses Gebiet war seine eigentlichste Domäne, hier galt er allgemein als unbestrittene Autorität. Er war der Bankier des deutschjüdischen Mittelalters. Der Forscher Epstein war durch eine Reihe vorzüglicher Qualitäten und Tugenden ausgezeichnet: treues Gedächtnis,' scharfer Verstand, schnelles Erfassen, Kombination ohne übermäßige Phantasie, ganze Hingabe an das Forschungsthema, ruhiges Abwägen, kühles Prüfen,' tiefes Eindringen und rücksichtsloses Streben nach Wahrheit. Diesen Tugenden verdankt Epstein den großen Erfolg seiner Arbeiten. So konnten seine Funde und Entdeckungen, seine Thesen und Theorien Gemeingut der Wissenschaft werden, so konnten die aus seiner wissenschaftlichen Präge herauskvmmenden Münzen allgemeine Geltung und Gangbarkeit erlangen, gleichsam zu Scheidemünzen des literarischen Verkehrs werden — Scheidemünzen, aber schwer und aus echtem Gold. Epstein war ein Autodidakt; er hat keine Schulen besucht. Zwar genoß er in seiner Jugend gründlichen Unterricht in Bibel und Talmud, aber seine vielseitige wissenschaftliche Bildung und Ausbildung verdankt er seinem eigenen Streben, seinem Wissensdurst, seiner Energie und seinem unbeugsamen Willen. Noch im Alter von fünfzig Jahren hat er die Mühe nicht gescheut, für seinen „Eldad" Aethiopisch zu treiben. Durch seine eiserne Energie gelang es ihm, Ost und West in seinem Wesen zu einer harmonischenEinheit zu verschmelzen: zwei Welten mit ihren Vorzügen und Schwächen, zwei Kulturen mit ihren Schönheiten und Mängeln; die Tiefe, Schärfe, Einseitigkeit und Formnachlässigkeit des Ostens, gemildert durch die Universalität, Gefälligkeit und Formstrenge des Westens. In Epsteins literarischer Tätigkeit nimmt die Polemik einen großen Raum ein. Wo er glaubte, für die Wahrheit eintreten zu müssen, führte er eine scharfe Feder. So hatte er viele literarische Gegner. Aber neben der großen Zahl von Verehrern auch viele Freunde, so Bacher, Kaufmann, D. H. Müller, Neubauer, Karpeles, Adolf Schwarz, Büchler u. a. Im alltäglichen Verkehr war er entgegenkommend und liebenswürdig, ohne Liebenswürdigkeit hervorzukehren, aufrichtig ohne Schroffheit, höflich ohne übertriebenes Entzücktsein und überschäumende Sentimentalität. Cr konnte im Aerger aufgeregt und recht zornig werden, er ließ sich aber nie zu einer seinen Gesprächspartner verletzenden Aeußerung hinreißen. Er befaß große Selbstbeherrschung und Selbstüberwindung. Gegen ihm nicht sympathische oder gleichgültige Besucher kühl und zurückhaltend, war er gegenüber, Personen, die seine Achtung oder seine Sympathie erworben, leicht erschließbar und mitteilsam. Stundenlang konnte man sich mit ihm unterhalten. Den Gesprächsstoff bildeten die verschiedensten Themata, ernste und gewichtige, gleichgültige und scherzhafte, die wie lose Vögel einzeln aufflatterten und in der Höhe sich zu einer bunten Schar, zur farbenreichen Gruppe vereinigten. Seiner Bedeutung als Gelehrter war Epstein sich voll bewußt, er blieb aber frei von jeder Art von Einbildung und Ueberhebung, selbst von der der stolzen Bescheidenheit. Er schätzte seine eigenen Arbeiten nicht gering,-konnte aber die Leistungen anderer rückhaltlos anerkennen — zuweilen auch überschätzen. Epstein war kein weltfremder Stubengelehrter. Er stand längere Zeit mitten im praktischen Leben, aus dem er sich nicht als verkrachter Kaufmann in die Wissenschaft flüchtete. Vielmehr hatte er das von seinem Vater geerbte Vermögen durch eigene Tüchtigkeit bedeutend vergrößert. So konnte , er in Muße und Wohlstand der Wissenschaft leben, sie ihrer selbst willen hegen und pflegen. Er war lebensfroh, genußfreudig und ein begeisterter Naturfreund. In seiner Jugend trieb er fleißig Natürwifsenschaft und widmete sich eine Zeitlang der Landwirtschaft, wobei er Gelegenheit hatte, seine naturwissenschaftlichen Kenntnisse praktisch zu verwerten. Er war ein guter Tourist und bestieg gern hohe Berge. Seine weiten Reisen galten nicht ausschließlich den Bibliotheken, sondern auch der Natur und den Menschen. Auch für Kunst hatte Epstein Verständnis, ein tieferes aber für Musik. Gute Musik zog ihn immer an und gewährte ihm große Befriedigung. In der Musik liebte er den strengen Satz, das enggeschlossene Gefüge. So in der Wissenschaft, so im Leben. Selbst ein strenger Satz, ein geschlossenes Gefüge — Persönlichkeit. Am dritten Halbfeiertag des letztvergangenen Befreiungs¬ und , Erlösungsfestes wurde Epstein befreit und erlöst von langer Krankheit, von schwerem Leiden. Er starb am 1. April d. I. im Alter von bald 77 Jahren. Ein langes Leben, reich an Arbeit und Erfolg, an Glück und Unglück. Glück in der Jugend und im Mannesalter. Unglück in seinem Lebensabend. Da sausten schwere Schicksalsschläge auf ihn nieder, eins auf eins, schwer, wuchtig, erdrückend, zermalmend. Seine Gesundheit wurde zerstört, sein starker Körper gebrochen, sein Gemüt dauernd erschüttert; dann starb seine treue Gattin und nicht lange darauf seine einzige Tochter, eine Frau von großer, Begabung, hoher Herzens- und Geistesbildung; dann starb auch sein einziger Sohn. So ist Epstein entwurzelt worden, nachdem er früher entblättert wurde. Auch gefällt, nachdem schon lange vorher seine Säfte vertrocknet waren . und er aufgehört hatte, Früchte zu tragen. Zehn Jahre sind es, seitdem Epstein durch schwere Krankheit gezwungen wurde, seine wissenschaftliche Tätigkeit aufzugeben. So war er für die Wissenschaft lange vor seinem Tode gestorben. Für die Wissenschaft; i n der Wissenschaft aber hat Epstein nicht aufgehört zu leben und wird nicht aufhören, solange es eine Wissenschaft des Judentums geben wird. ■yi- < - > % ....

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