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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-05-24 · Heft 21 (24.5.1918) · p. Seite 246

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 21 (24.5.1918)
Date
1918-05-24
Page
Seite 246 (sequence 6)
Language
German
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246 allein Marktleute von der Landschaft ihre landwirtschaftlichen Produkte, sondern auch Tyrier Fische und andere Waren brachten. Landwirtschaft und Handwerk können ja ohne Wechselseitigkeit des Kaufs und Verkaufs nicht bestehen, weshalb der Hohepriester am Versöhnungstage in dem kurzen Gebete, welches er, aus dem Allerheiligsten zurückgekehrt, im Heiligen sprach, unter anderem auch ein „Jahr des Handels und Wandels" erflehte. Eine besondere Vorliebe zu demjenigen Handelsgewerbe, welches nicht vom Umsätze eigener, sondern fremder Arbeit lebt, zeigt sich im jüdischen Volke nirgends, wenn wir von dem ersten christlichen Jahrhundert soweit als möglich rückwärts und etwa ein halbes Jahrhundert vorwärts blicken. In den 63 Schriften, aus denen der Talmud besteht, findet man kaumein Wort zu Ehren des Handels, wohl aber manches, welches aus die Gefahren der Geldmacherei und des vagierenden Lebens hinweist. Wenn nun aber die Juden im Mittelalter nicht allein den Handel an sich rissen, sondern auch Wuchergeschäfte machten, so war dieser Wucher nicht im Geiste 'des Judentums, denn der Talmud stelltden Ausleiher um Zinsen mit dem Hasardspieler auf gleiche Linie und erklärt beide als lasterhafte Menschen für unzulässig zu gerichtlicher Zeugenaussage. (Ich möchte hier nur anfügen, was schon tausend und abermals tausendmal gesagt worden ist, daß sich die Juden aus innerem Drange gewiß nicht zu Wuchergeschäften hingezogen fühlten, aber woher sollten dann die Geplagten die vielen Abgaben nehmen, die sie an Kaiser und Reich, an Kirchen und Gemeinden entrichten mußten?) Delitzsch fährt fort: „Um so höher ehrte das alte Judentum Arbeit und Handwerk. Als der Heilige, sagt eine Talmndstelle, Adam, dem Gefallenen, sein Urteil sprach, da rannen diesem bei den Worten: „Dornen und Disteln soll er dir tragen", Tränen aus den Augen und er ries: „O Herr der Welt, ich und der Esel sollen aus einer Krippe essen?" Als Gott aber fortsuhr: „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen", da gab er sich zufrieden. „Liebe die Arbeit" war ein Wahrspruch des Lehrers Hillel. „Groß ist die Arbeit," sagt ein anderer, „denn sie erwärmt ihren Meister." Und mit Recht wird die mosaische Gesetzesbestimmung, welche den Diebstahl eines Schafes mit vierfach zu leistendem Ersatz bestraft, daraus erklärt, daß in letzterem Falle zugleich die Beeinträchtigung des Eigentümers in seiner Arbeit in Anschlag gebracht wird; siehe da — lautet die Schlußfolgerung —, wie hoch die Arbeit bei Gott gewertet ist! Es gibt kein Handwerk — sagt der Talmud —, welches der Welt entbehrlich wäre; glücklich aber der, welcher an seinen Eltern das Vorbild einer Hantierung vorzüglicher Art hat. Delitzsch schließt seine Darlegungen, soweit sie hier in Betracht kommen, mit folgenden Worten: „MS auf den heutigen Tag haben sich im jüdischen Munde die Wahlsprüche vererbt: „Melocho is Beröche", d. h. Arbeit ist Segen und „Arbeit is kaan Charpe", d. h. keine Schande. Es fehlt freilich nicht an Schnorrern, die von Land zu Land, von Ort zu Ort ziehen und von der Mildtätigkeit ihrer Volksgenoffen leben. Aber auf allen Gebieten entfaltet dieses Volk eine Begabung, die mit den hervorragendsten Leistungen in Wettstreit tritt, und eine Arbeitskraft, vor der sich manche unserer Liberalen so sehr fürchten, daß sie in puncto der Durchführung der Judenemanzipation lieber inkonsequent werden. Auch auf dem Gebiete des Ackerbaues haben die Juden, wo es ihnen vergönnt war, sich bald wieder heimisch gemacht. Als ihnen 1849 in Oesterreich der Grunderwerb freigegeben wurde, schloffen Hunderte ihre Läden und warfen jubelnd den Pack von der Schulter, um Bauern zu werden. So meint Delitzsch. Es bedarf bei den heutigen Verhältnissen einer großen Energie, um die Jugend dem Ackerbau und Handwerke wieder zuzuführen; aber bei großer Beharrlichkeit geht's doch. Es ist mir gelungen, zurzeit aus der Volksschule entlassene Knaben folgenden Handwerksberufen zuzuführen: ein Schneider, ein Schlosser, ein Uhrmacher, wegen Unterbringung eines Knaben in Ahlem schweben zurzeit Verhandlungen. Dabei muß ich besonders die Unterstützung hervorheben, die mir vom hiesigen Vorstande der israelitischen Gemeinde geworden und noch wird, sowie die Unterstützung von seiten des israelitischen Handwerkervereins in Frankfurt a. M. Ein Charakterbild. Von V. Aptowitzer. er Schmerz ist eigentlich nie absolut, ebenso wie es keine reine Freude gibt. Im tiefsten Schmerz gewährt das Bewußtsein, daß man Schmerz empfindet, die Empfindung des Leidens, eine gewisse Befriedigung, löst also ein, freilich erst in der mikroskopischen Analyse sichtbar werdendes Lustgefühl aus. Um so größer ist daher ein Schmerz, wenn er nicht in feiner vollen Größe, in feiner ganzen Intensität empfunden werden kann. Da ist Schmerz ohne das Lustgefühl des Schmerzempfindens, Tragik ohne Katharsis. Dieser Art ist der Schmerz über die schweren Verluste, die die Wissenschaft des Judentums und. mit ihr das Judentum in den.letzten Jahren erlitten hat. In dem unermeßlichen Jammer des furchtbaren Weltkrieges, wo Welt und Mensch, Kultur und ZivUisation, Menschlichkeit und Sittlichkeit, Menschheit und Menschheitsgedanke zerstört und vernichtet werden, in dieser Sintflut von Blut und Elend kann der Verlust einzelner, mögen sie noch so bedeutend fein, nicht in seiner vollen Bedeutung erfaßt, nicht' nach seiner ganzen Schwere empfunden werden. — Aber groß, ungemein groß sind die Verluste der Wissenschaft des Judentums in den letzten Jahren; schwer und unheilbar die- Wunden, die ihr geschlagen wurden. Sie hat mehrere ihrer hervorragenden Vertreter verloren, in den Reihen ihrer treuesten und bewährtesten Wächter und Pfleger sind weite Riffe, Raffende Lücken entstanden. Der Tod hat Ernte gehalten; er nahm die edelsten Früchte: Jakob Barth, Abraham Berliner, Israel Lewh, Salomon Schechter, Moses Schwab, M- S. Zuckermandel und vor wenigen Wochen Hermann Cohen und Abraham Epstein. Epsteins Bedeutung als Gelehrter liegt auf dem Gebiete der rabbinischen Literatur. Auf diesem weiten, lange Zeiträume und verschiedene Länder umfassenden Literaturgebietc entfaltete er durch 25 Jahre eine intensive Forschertätigkeit. . Wie in seiner Person der Osten und der Westen vereinigt waren, so war auch sein Forscherblick nach Osten und nach Westen gerichtet: nach Palästina und Babylonien, nach Deutschland und Frankreich. Er beschäftigte sich mit dem Kalenderwesen, forschte in der Agada und fand den Schlüffe! zur Erkenntnis der Entstehung und des Aufbaues wichtiger Midrafchwerke. So hat seine Theorie über die Jelanrdenu-Midraschim Aufsehen erregt und große Bedeutung erlangt. Auch die Geschichte und Literaturgeschichte der gaonäischen Zeit verdankt Epstein eine Reihe gediegener Abhandlungen, von denen manche Grundsteine der weitere» Forschung wurden. Neben einer großen . Anzahl von größeren und kleineren Aufsätzen und Abhandlungen in verschiedenen Zeitschriften und Sammelwerken und einigen selbständigen kleineren Veröffentlichungen sind die größeren Arbeiten „Eldad ha-Darft", „Beiträge zur jüdffchen Altertumskunde" und die Edition „Maaffe Ha-Geonim" zu nennen. Mt ganz

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