Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 21 (24.5.1918)
- Date
- 1918-05-24
- Page
- Seite 245 (sequence 5)
- Language
- German
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245 Opfers gewesen war, jetzt ruhigen Schrittes, ungefährdet hindurch zu schreiten, und dann von drüben, von der Seite, welche die des Feindes gewesen war, hinüberzublicken zu den Gräben und Wohnungen, in denen die Unseren in dieser ganzen Zeit ihr Gebiet, fast ihre Welt gehabt hatten. Ein Gedanke steht dabei vor dem Dahinsckireitenden, wie viel es im geistigen Sinne doch auch bedeuten würde, den Blick von der anderen Seite zu gewinnen, unsere Welt von dem Platze des anderen m sehen. Alle Selbsterkenntnis, alle Einsicht in die Linien und furchen des eigenen Wesens hängt davon ab, wie weit jeder imstande ist, sich mit dem Auge des anderen zu betrachten. Sich selbst lernt man an anderen begreifen. Und auch alle Gerechtigkeit ist äavon bedingt, wie. weit man derart fähig ist, sich zu dem anderen luimberzudenken, sich in ihn hineinzufühlen, wie weit man, um mit dem biblischen Worte zu sprechen, die ».Seele des anderen versteht", auf die Stelle seines Empfindens innerlich hinübertritt. Gerechtigkeit und Selbsterkenntnis ruben auf dem gleichen Grunde. Auf ihm sannen Menschen und Völker den Weg zueinander finden. Der Krieg hat feden, der hinausgezogen war, in Häuser im fremden Lande geführt, und es war zuerst auch immer die Fremdheit, die uns gegenüberstand. Aber sie war nur die Nebelwand, die das Licht verbirgt: wenn sie dann allmählich hinnntersank, wie im Erdboden vergehend, dann kamen die warmen Strahlen hervor. Wenn das erste Mißtrauen mit seiner sorgenden Furcht und danach die zurückhaltende Bedenklichkeit geschwunden war, wie rasch hatten sich dann Verständnis und Vertrauen geregt, wie rasch brach eine lebendige Herzlichkeit hindurch, der Wunsch, beizusteben und 'Freundliches zu erweisen. Wohl jeder Heimkebrende wird hiervon erzählen sännen, wie er Hilfsbereitschaft und Gute auch von den Menschen des anderen Landes erfahren hat. Das Menschliche drang immer durch alles Trennende hindurch, und alle Besonderheit und Verschiedenheit lieh nur um so stärker dieses Gemeinsame empfinden. Wonn die Volker auch einander fern standen, die Menschen kamen bald einander nahe. Getrennt hat vor allem das Getriebe der fertigen Meinungen und Morte. Völker sind einander oft ein bloßes Wort, sie find für sich selber auch häufig nur ein tönendes, hallendes Wort, und mit dein klingenden Worte kommt leicht etwas Ueberhebungsvolles, Ablehnendes. Hochfahrendes in dem. der es bereitwillig zu eigen nimmt. Aede ernste Arbeit macht bescheiden, schon deshalb, weil sie eigentlich ,'ndlos ist; ans der vollbrachten Pflicht erwächst alsbald die neue Asiichj. 5>m Wort-e lieat daaeaen e-tw-^s. was ein Fertiges, Vollendetes ' U'm will, etwas, was jede weitere Mühe, jedes fernere Nachdenken zu i rsvoren scheint. Mo Menschen oder Gemeinschaften einander ein bloßes Mort sind, dort sieben sie einander abweisend gegenüber. Erst u>o sie sich in den Ausgaben des Lebens nahetreten, lernen sie sich beareifen, einander und sich selber. Der Gedanke an die gemeinsame Arbeit und an die e'aprre Pflicht führt sie zur gegenseitigen Etckenisinis und zur Gerechtiakeit. Es ist immer der Sinn für die Wirklichkeit, der damit siegt. Alspv der sich in Menschen imb Völkern reot. aebt meist ans jenes Glauben und Reden, aus iene Ueberhebnna des fertigen Mortes zurück und selten nur auf Tatsachen und Gejchebmsie: er besieht zumeist aerade durch eine, bewußte oder ttnbewußte. Abkebr von diesen. Seür bezeichnendes ist, w»e unsere Meisen sagten, daß er ohne wirklichen Grund ist. daß er seinen Ursprung im Meinen, aber nicht im Er- 'Ahren hat. Wenn dann das wahre Erlebnis in die Seele eintritt. 'ü er darum überwunden. So geht auch neben dem Krieg mit den 'Gisien ein geistiger Kampf einher, diese Auseinandersetzung zwischen Wabn und Einsicht, der Kampf zwischen Wort und Wirklichkeit, ^vischen dem blinden Glauben an das eine und dem klaren Sinn für diese andere. Wer von ihnen siegt, davon hängen Entwicklung und Fortschritt ab. Man bat oft gefragt, ob denn nach diesem Krieae. der die Fülle M Hasses zwischen den Nationen hat erzeugen wollen und auch erzeugt bat. sie sich werden wiederfinden können. Es ist kein Zweitel, daß sich in diesen Jahren düstere Tiefen geöffnet haben, daß sich inanckie Kluft auftat. Der Mensch hat dem Menschen in dieser Zeit bitteres zugefügt, und manch einer hat sich innerlich abgekehrt vom anderen, der ihm ein Feind geworden war, und sich damit vielleicht a'lch vom anderen Volk und vom anderen Land seelisch abgewendet. Aber die Summe der Wirklichkeit zeigt doch das Menschliche, menschliche Pflichten und Erlebnisse, und darum wird schließlich über den Haß hinweg eine Brücke von Nation zu Nation führen. Da die Völker in dieser Zeit einander doch nicht ein bloßes Wort geblieben sind, sondern die Menschen des einen von den Menschen des anderen erfahren haben, und da die Zukunft für so viele Plätze der Leere und Oede ihre Aufgaben verlangen wird, die nur eine gemeinsame Arbeit wird erfüllen können, so werden die Völker trotz allem den Weg zu einander entdecken. Der Glaube an den Menschen wird stärker sein als der Glaube an das bloße Wort. Wenn der Tag gekommen sein wird, wo wir alle von der anderen Seite, vom Ufer des Friedens, auf die Kriegszeit werden zurückschauen dürfen, wenn die Völker dann den rechten Blick gewinnen werden, dann wird sie die versöhnende Stimmung des Friedens erfassen. Das Leben ist stärker als Vernichtung und Verbitterung, es will auch auf den Trümmern wachsen. Die geschichtliche Entwicklung geht dahin, daß die Völker immer stärker aufeinander angewiesen werden: keines kann mehr allein sein, weder äußerlich noch innerlich allein. Der Wille zum Leben wird der Wille zum Zusammenleben sein müssen. Jedes Volk wird den Platz seiner Aufgabe finden, wenn es der Selbsterkenntnis und der Gerechtigkeit fähig ist. Jüdische Handwerker und Ackerbauer. Von S. Rothschild (Worms et. Rh.). 8 geht zurzeit ein Zug durch die ganze Judenheit. recht viele junge Leute dem Handwerk und dem Ackerbau wieder zuzuführen. Es werden in ganz Deutschland Beratungsstellen geschaffen. Unterstützungen in Aussicht gestellt, um das gesteckte Ziel, das des Schweißes der Edlen wert ist. zu erreichen. Ich möchte heute auf die Frage selbst, die in der letzten Zeit genügend in den jüdischen Zeitschriften erörtert worden ist, nicht eingehen, aber auf eine Stimme vor 50 Jahren möchte ich aufmerksam machen, die sich in eingehender Weise über obiges Thema geäußert hat. und sie gewinnt um so mehr an Bedeutung, als kein Geringerer als F r a n z D el i tz s ch es ist. der diese wichtige Worte gesprochen hat. Vielleicht lassen sich auch unsere Antisemiten belehren, die unS immer den Schacher- und Handelsgeist, vom Auszug aus Aegypten an gerechnet, eingeimpst wissen wollen, aber auch unsere Glaubensgenossen werden es mit Interesse lesen. WaS Delitzsch sagt: „Das jüdische Volk ist von jeher ein arbeitsames gewesen, welches an Trieb und Kraft und Erfindungsgabe zu rastloser Tätigkeit hinter keinem Volke mrückstand. Bodenkultur und Handwerk waren bis zur Auflösung seiner staatlichen Selbständigkeit seine Hauptbeschäftiaungen: erst infolge seiner Zerstreuung und der einzwängenden Beschränkungen seines Arbeitsdranges ist es ein Kaufmannsvolk geworden und an die Stelle der alten Phönizier eingetreten. Das kleine, nur etwa 33 Meilen breite Land war iahrhundertelang durch daS Jneinandergreifen göttlichen Segens und menschlicher Arbeit ein irdisches Paradies." Delitzsch schildert nun die Gestalt und den Boden Palästinas und fährt dann fort: „Das mosaische Gesetz förderte und sicherte den Landbau durch weise Bestimmungen. Es begünstigte auch den Wein- und Oelbau. Das Hohelied zeigt uns die Gartenkunst auf ihrer höchsten Stufe. Aegypten war für Israel eine Handwerker- und Kunstschule geworden, deren Einfluß bis in späte Zeiten nachwirkte. Schon in der vorexilischen Königszeit sehen wir die mannigfaltigsten Gewerbe zu Lebensbernfen ausgebildet. Schmied und Schlosser. Zimmermann und Maurer haben besondere Namen. Walker und Töpfer finden wir in besonderen Quartieren. In der Anfangszeit des Christentums war das jüdische Volk noch weit enffernt. ein Kaufmannsvolk geworden zu sein. Wir sehen hier natürlich ab von dem einem Volke zur Deckung seiner eigenen Lebensbedürfnisse unentbehrlichen Binnenhandel. Es gab, wie wir aus dem Buche Nehemia ersehen, in Jerusalem einen Lebensmittelmarkt, auf den nicht