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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-05-24 · Heft 21 (24.5.1918) · p. Seite 242

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 21 (24.5.1918)
Date
1918-05-24
Page
Seite 242 (sequence 2)
Language
German
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genommen hat, zur Tagesordnung überzugehen und-mich nur mit den beiden andern Lösungen zu befassen. Die Mehrzahl der deutschen Juden glaubt, daß die Lösung der Judenfrage durch Erk ä mp f u n g d e r Gl ei ch be r e chtigung zu erreichen sei. Im Zeichen dieser Idee ist 1893 der Zentralverein, ist 1886 Sie erste K.-C.-Verbindung, die Breslauer Viadrina, gegründet worden. Aber wenn es auch gelungen ist, den Radauantisemitismus zurückzudämmen, an dessen Stelle freilich der um nichts bessere gesellschaftliche Antisemitismus getreten ist, so wissen wir doch alle nur zu gut, daß weder rat bürgerlichen Leben noch auf den Universitäten eine Durchführung der Gleichberechtigung erfolgt ist. Man hörte vor diesem Kriege oft die Ansicht, daß ein Krieg, in dem die -deutschen Juden Gelegenheit hätten, ihre Vaterlandsliebe praktisch zu betätigen, den verfassungsmäßigen Rechten der deutschen Juden zur Anwendung verhelfen müsse. So -mancher ist in diesem Glauben hinausgezogen, und so mancher von ihnen ist nicht zurückgekehrt. Und heute, wo wir wissen, daß sich trotz allem in unserer Lage so gut wie nichts geändert hat, daß die Antisemiten aller Richtungen rühriger denn je am Werke sind, unsere Vaterlandsliebe zu beschmutzen und unsere Zurücksetzung zu vermehren, wo noch in aller Erinnerung die verletzende Zählung der Juden in der Armee ist, hat sich vielen Juden die Ueoerzeugung aufgedrängt, daß die Erkämpfung einer wirklichen Glerchberechtigung ein Ding der Unmöglichkeit geworden ist. So kam es, daß ein großer Teil von ihnen mit fliegenden Fahnen in das Lager des Zionismus avgeschwenkt ist. Aber gesetzt den Fall, daß man an eine Durchführung der Emanzipation nicht glaubt, muß denn dann die Auswanderung nach Palästina eine Lösung der Judensrage bringen? Der Zronrsmus steht allerdings heute, nachdem er den jüdischen Staat im Herzischen Sinne längst ausgegeben hat und aus Grund des Baseler Programms von 189/ nur noch die Gründung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk ra Palästina fordert, auf dem Standpunkt, daß nicht einmal die Auswanderung aller Juden, sondern nur noch derer, dre srch rn ihrem Aufentyaltsstaate nrcht wohlsühlen-, zu erstreben sei. Die zu gründende Heimstätte soll demnach der aus nationaler Grundlage geschaffene geistige, kulturelle und sprachliche Mittelpunkt der gesamten Judenhett werden und dadurch eine belebende Rückwirkung aus die außerhalb dieser Heimstätte wohnenden Juden ausüben. Liese „Auslandsjuden" sollen Labei gute Staatsbürger ihres Aufenthaltsstaates bleiben, wie etwa die brasilianischen Deutschen brasilianische Staatsangehörige sind, aber geistig in erster Linie mit dem Deutschtum verwachsen sind und sich als Deutsche sühlen. Soweit durch diese zwntsttsche Lehre eine Lösung der äußeren Judenfrage erstrebt wird, — im übrigen wird darüber noch unten zu reden sein —, so muß man von dem Standpunkt des Richtzionisten sagen, daß es nicht jedermanns Sache ist zu glauben, daß die kulturell so verschieden -geartete Judenhett die politische Kraft ausoringen wird, um in der Heimstätte für die zur Auswanderung bereiten Juden die Verhältnisse zu schaffen, die — wenigstens wir deutschen — Juden ersehnen und die für uns eine Lösung der Judensrage bedeuten würden, ganz abgesehen davon, daß eine politische Stävkung der Auslandsjuden durch die Heimstätte sehr zweifelhaft erscheint. Es kommt natürlich viel daraus an, ob man an eine, Zukunft der politischen Ideen des Zionismus glaubt, wenn es auch in erster Linie auf eine objektive Prüfung der Zweckmäßigkeit und der Durchführbarkeit dieser Ideen ankommt. Mit Absicht bin ich dabei auf den Begriff der jüdischen Nation nicht weiter eingegangen; denn es erscheint mir müßig, über Begriffe oder Schlagwörterzu streiten, wo es sich um den Geist einer Bewegung handelt. Auch aus den berechtigten Einwand, daß wir deutschen Juden auch unserer Kultur nach mehr Deutsche als Juden, sind und daß eine Losreißung vom deutschen Heimatboden eine schwere kulturelle Schädigung für uns bedeuten würde, will ich Hier nicht näher erngehen. Es soll eben hier nicht das zionistische Problem als solches untersucht, sondern lediglich der Zionismus als Mittel zur Lösung der Judensrage behandelt -werden. Man ist somit ebensogut berechtigt, an einen Erfolg des Zionismus nicht zu glauben, wie man. heute nicht an eine Erkämpsbarkeit der Gleichberechtigung glaubt. Darum ist eS . unlogisch, wenn so viele Zionisten sagen: Ihr glaubt nicht, die Judensrage durch Taufe oder durch Bekämpfung des Antisemitismus lösen zu können, folglich müßt ihr Zionisten sein. Es hat auch völlig den Anschein, daß aus keinem der erwähnten Wege -eine wirkliche Lösung der Judensrage erzielt werden wird. Vielleicht ist auch die Judenfrage durch äußere Einwirkungen überhaupt nicht zu lösen, und vielleicht ist das die Eigenart oder das tragische Schicksal dieser Frage seit Jahrtausenden. Vielleicht ist es auch gar nicht nötig, daß die Judensrage überhaupt gelöst wird. Es ist sehr wohl möglich, daß sie srch nur vonselb st lösen wird, und zwar durch das ständige Eindringen demokratischer Grundsätze, in die Politik der Regierungen. Es bleibt wohl vorläufig nichts anderes übrig -als aozuwarten und sich auf die Abwehr von Uebergrifsen und auf Aufklärung zu beschränken-. So wenig wir -eine Lösung -der äußeren Judenfrage h-erbeizuführen vermögen, so leicht scheint es mir, die innere Judenfrage zu lösen, wenn auch trotz -aller Arbeit ein beträchtlicher Teil der deutschen- Judenhett noch heute dem Judentum innerlich sernsteht. Wie erhalten wir das Judentum? Daraus -muß die Antwort lauten: Indem wir unter Anspannung aller zur Verfügung stehenden Kräfte danach streben, die wertesten füdischen Krehe für das Judentum zu interessieren und zur positiven Mitarbeit an jüdischen Dingen heranzuziehen. U-nd es liegt auf der Hand, daß wir dieses Ziel nur erreichen können durch Erziehung unseres Nachwuchses im Judentum. Das sei der Leitstern bei unserer innerjüöiscyen Arbeit, zumal erfreulicherweise schon heute -alle Kreise, die an der Erhaltung und inneren Festigung des Judentums ein Interesse haoen, die genannten Aufgaben als chr Gemeingut betrachten. Auch der Zionismus hat sich diese Ztele gesteckt. Für ihn sind es freilich keine selbständigen Ziele, sondern nur Etappen auf dem Wege znm palästinensischen Kulturzentrum, ganz abgesehen davon, daß dem Zionisten bei der Bewäitigung -dieser Aufgaben oie Schaffung eines Alljudentums, -dem deutschen Richtzionistcn aber die Stärkung des deutschen Sonderjudentums' vorschwebt. Auch die . Wege sind zum großen Teil verschieden. Mir Recht können viele es nicht einsehen, daß man, um das Judentum zu erhalten, di-e hebräische Sprache als Umgangs- Mache rekonstruieren und daß man eine öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte in Palästina gründen muß. Aber aus der anderen Seite läßt es sich nicht leugnen, daß auch der Nichtzionist dem Zionismus, wenn er sich darauf beschränk, dem deutschen Judentum, selbst durch die genannten Dinge, jüdisch-kulturelle Werte zu vermitteln, nicht mehr feindlich gegenüberstehen kann. Gerade auf dem Gebiete der Erhaltung des Judentums können die Juden aller Richtungen Zusammenarbeiten, wert» auch viele der kulturellen Bestrebungen des Zionismus unnötig erscheinen. Es genügt im Falle einer Ablehnung, sich auf ein kühles Zuschauen zu beschränken. Nicht nur die äußere, -sondern auch -die innere jüdische Front bedarf unbedingt einer gewissen Festigung, wenn auch gerade hier ein Widerstreit der Meinungenvon Wert ist. Unter

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