Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 21 (24.5.1918)
- Date
- 1918-05-24
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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82. Jahrgang. Nr. 21 Berlin, 24. Kai 1918 / Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint - wöchentlich. AbonnementS'.Preis: durch den Buch. Handel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 UL — Postscheckkonto 32<*. Begründet von Nabbiner vr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Seheimen »egierungsrats Professor vr. Ludwig Geiger Vetlag: Rudolf Moese, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße zu. richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Judenfrage und Erhaltung deslJudentums. Von Referendar IJUljall* Dr. Alfred Wolls (Lissa). — Die Woche. — Jüdische Handwerker und Ackerbauer. Von S. Rothschild (Worms a. Rh.) — Abraham Epstein. Ein Charakterbild. Von V. A p t o io i t z e r. — Literarische Uebersicht. Von Ludwig Geiger. — Hermann Cohen. Von Dr. S. Pick, Rabbiner (Strasburg, Westpr.). — Feuilleton: Die Flucht aus Jerusalem. Von Jakob Finger mann. — Buchereinlauf. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Posen, Chemnitz, Nürnberg, Ansbach, Bruchsal, Stuttgart, Wien, Belgrad, New Volk. — Von Nah und Fern. Iudkufrage und krhsltung des Judentums. Von Referendar Dr. Alfred Wolfs (Lista). enn wir das Schrifttum der Gegenwart betrachten, so wundern wir un8 häufig, wie sehr das Interesse der deutschen Publizisten jedes Glaubens an jüdischen Fragen zugenommen hat und wie viele Schriftsteller ihre Feder teils mit, teils ohne Sachkenntnis in den Dienst dieser Dinge stellen. Mag die nähere Bekanntschaft mit den Juden des Ostens und ihrer kulturellen, sprachlichen und nationalen Eigenart, mag eine Anerkennung der vaterländischen Gesinnung des deutschen Judentums und der Gedanke an daraus entstehende Folgen der Grund für diese Erscheinung sein: unverkennbar ist das ständige Wachsen des Interesses für jüdische Fragen, gleichviel, ob man dem Judentum wohl will oder ob man es für den verdamrnenswertesten Feind des Deutschtums oder der gesamten Kulturmenschheit hinstellt. Schon die Tatsache, daß man sich mit unserer Gemeinschaft in jüdischen wie in nichtjüdischen Kreisen beschäftigt, daß man unsere Stellung unter den Völkern der Erde nicht als eine Selbstverständlichkeit betrachtet, ihre politische und wissenschaftliche Erörterung vielmehr für erforderlich hält, beweist uns wenn es eines Beweises überhaupt bedarf —, daß es eine Juden frage gibt. Und so wenig man denjenigen, die vor dem Kriege das Bestehen einer Judenfrage leugneten, beistimmen konnte, so sehr drängt sich einem jeden diese Frage heute auf, wo der Streit um alle möglichen jüdischen Probleme zwischen den mächtigsten Staaten der Erde aufs heftigste entbrannt, wo zu alledem die ganze Welt in einen Strudel politischen Wirrwarrs hineingezogen ist und wo alles nach einer Entspannung dieser neuen, mit Elementarer Gewalt geschaffenen Verhältnisse drängt. Es gab eine Zeit, wo sich — wenigstens in Deutschland — die Judertfvage auf die Frage nach der Gewährung der staatsbürgerlichen und gesellschaftlichen Gleichberechtigung der Juden zu beschränken schien. Die Zeitepoche der dreißig Jahre, die dem Revolutionsjahr 1848 folgte und die die Forderungen nach völliger Weichberechtigung der Juden zum großen Teil erfüllte, hatte dem plötzlichen und durchgreifenden Auftreten des modernen Antisemitismus Platz gemacht und die — wir nennen sie äußere — Judensvage in Erscheinung treten lasten. Politisch und gesellschaftlich tvar das deutsche Judentum um Jahrzehnte zurückgeworfen. In dieser Zeit tiefer äußerer Erniedrigung war es das unvergängliche Verdienst einer neuen Bewegung, des Zionismus, daß sie daraus hinwies, daß die ungünstige Lage des Judentums ihren Grund nicht nur in den durch den Antisemitismus geschaffenen neuartigen Verhältnissen habe, daß es vielmehr neben der äußeren noch eine nicht minder bedeutende innere Judensvage gebe; man rief nicht mehr allein zur Abwehr, sondern auch zur Einkehr auf. Mit dem Sinken des Interesses für die Religion war das Interesse am Judentum nicht mehr weit vom Nullpunkt angelangt. Auch diese Erscheinung hatte ihre historischen Gründe. Mit Recht preisen wir das Wirken Moses Mendelssohns, der durch seine Bibelübersetzung die deutschen Juden die deutsche Sprache gelehrt, sie durch Vermittlung deutscher Kultur und deutschen Geisteslebens zu Deutschen gemacht und dadurch die Hardenbergsche Emanzipation vorbereitet, wenn nicht ermöglicht hat. Aber seit jenen Tagen sanken auch Liebe, Begeisterung und Interesse für das Judentum. Das geistige Leben in den Salons, die für unsere Gemeinschaft so verderbliche Zeit der Romantik mit ihrer Deutschtümelei, die vormärzliche Zeitkrankheit der Massentaufen und das schon erwähnte schwindende Interesse an der Religion hatten es ermöglicht, daß fast nur noch die Orthodoxen auch innerlich an ihrem Judentum festhielten und daß von den übrigen Unzählige ihr Judentum als eine Last empfanden und die Taufe nur aus Gründen der Moral oder der Pietät unterließen. So war neben der äußeren auch das Gespenst der inneren Judenfrage emporgetaucht, und mit einer gewiffen Berechtigung konnte man den Untergang der deutschen Juden in verhältnismäßig kurzer Zeit Voraussagen. Hat der Zionismus diese Gefahr zuerst erkannt, so haben doch auch bald die nichtzionistischen Organisationen, vor allem der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, die Logen des Ordens Bne Brith, und im akademischen Leben der K. C., von Jahr zu Jahr mehr ihr Augenmerk aus -sie gerichtet und durch Ausbau -der positiven Seite ihrer Tendenz die Lösung der inneren Judensrage und — -das ist der Kern dieser Frage — die Erhaltung des Judentums angestrebt. . Kehren wir zur äußeren Judenfrage, der Judensrage schlechthin, zurück! Drei Möglichkeiten warm es, die man für ihre Lösung gefunden zu haben glaubte: die zwangsweise Massen taufe, die Erkämpfung der Gleichberechtigung und die Auswanderung nach Palästina. Es sei mir gestattet, über die erste dieser Lösungen, deren „wistenschastliche" Begründungen man nirgends ernst