Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 20 (16.5.1918)
- Date
- 1918-05-16
- Page
- Seite 240 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3229339-3229359--74013-3286487- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
240 bei der Kranken. Amram befahl ihr den Schlaf nachzuholen und lobte ihre Treue. Die Dienerin verließ geräuschlos den Verschlag und Amram setzte sich auf einen Ballen, darüber ein Teppich gelegt war. Er sah starr aus die Schlafende und wendete den Mick nicht von ihr. Als fühlte sie es, schlug Mirjam die Augen auf und sah in die seinen. Ihre Blicke trafen sich und hielten einander sekundenlang stand. Sie wollte sprechen und bewegte die Lippen; da meldete sich der Kapitän hinter dem Vorhang. Amram neigte sich und hob sie empor; er trank ihre Blicke und prehte seinen Mund auf ihre bebenden Lippen. Dann bettete er sie vorsichtig aus die Kiffen und legte die purpurne Decke sorgsam um ihre Schultern. Ihr verschwiminender Blick sprach ihm Dank und sogleich senkten sich -die feinen Lider. Als Amram das Verdeck betrat, sah er den Kapitän, der mittlerwelle nach oben gegangen war, in aufgeregtem Gespräch mit dem Steuermann; er redete eifrig und unterstützte seine Ausführungen mit den Händen, indem er oft nach Norden wies. Der Steuermann nickte boistimmend und begrüßte Amram, den er aus der Lucke steigen sah, mit einem langgezogenen Ruf, woraus der Kapitän in so großer Geschwindigkeit, als es seine Korpulenz erlaubte, auf diesen zustürzte. „Man verfolgt uns, Herr! Entweder ist es Manlius oder, was nicht weniger gefährlich, ein Seeräuber. Seht dort! Welche Anstrengungen er macht, uns zu fassen. Heida, arbeitet, Schufte!" wandte er sich zu den Ruderern. „Es ist eine Tviere, seht ihr nicht die mächtigen Ruder? Und zwei Seael haben sie ausgesteckt. Meinen „Meergott" holen sie doch nicht ein. Oder nur schwer," verbesserte er sich. „Was er zu tun gedenke?" fragte Amram, nach den Verfolgern ausblickend. „Wir halten uns an die Küste", erllärte der Grieche; „wir können das, denn unser Schiff taucht nur wenig ins Waffer. Doch sieh unfern Gegner, wie unbeholfen er die Flut zerteilt; sein Tiefgang muß groß fein. Uebrigons steht es in der Hand der Götter, zu helfen!" Nach mehreren Stunden hatte sich die Triere trotz ihres schwerfälligen Ganges dem fliehenden Boot bedeutend genähert. Ein Teil der Sklaven, die, unfähig ein Glied zu bewegen, von den Bänken sanken, wurden von Amrams Dienern abgelöst. Jedoch konnten diese die Sklaven nicht voll ersetzen, da sie in der Handhabung >der Ruder ungeübt und dm Anstrengungen nicht gewachsen waren. Infolgedessen verlangsamte sich das Tempo des „Meergobtes" und die Triere kam immer näher. Man konnte bereits die Menschen auf derselben sehen. Das Verdeck wimmelte von Kriegern, unter denen sich die Befehlshaber durch glänzenden Waffenschmuck hervortaten. Auf einer erhöhten Plattform in der Nähe des Hauptmastes, stand ein alter Mann, mit schneeweißem Bart. Er trug einen silbernen Schuppenpanzer und einen stählernen Helm. An der Hüfte hing ein kurzes, römisches Schwert, dessen Griff mit funkelnden Steinen besetzt war. Es war heiß und beinahe Windstille. Die Segel hingen schlaff, und man war nun allein aus die Ruder angewiesen. Dies war wieder ein bedeutender Nachteil für das kleinere Schiff, das seine Ruderer nicht ablösen konnte, und ein gewaltiger Vorteil für die Triere, die, abgesehen von der größeren Anzahl der Ruder, auch Ersatzmannschaft besaß. Die beiden Schiffe hatten sich auf Hörweite genähert. iMirjcmram erkannte, daß er sich entweder ergeben oder kälnpfen müsse, beschloß er das letztere. Er befragte den Griechen nach den im Schiff vorhandenen Waffen und erfuhr, es befände sich eine Truhe voll Waffen im Tiefraum, doch war diese dem Kapitän von einem Händler anvertraut worden. Amram versprach, den Schaden zu ersetzen, und ließ die Truhe heraufholen. Er bewaffnete seine Knechte mit Bogen, versah sie mit Pfeilen und gab jedem einest Dolch, da die Schwerter nicht reichten. Der Kapitän verweigerte die Annahme von Waffen. Er sagte: „Erlasse es mir, Herr. Ich bin ein friedfertiger Wann und nur in meinem Berufe bewandert. Mein Steuermann hingegen kann dir von Nutzen sein. Er führt das Schwert wie ein römischer Ritter und hat manchen Kampf in Ehren bestanden." (Schluß folgt.) Mrgillath Such Von S. Asch ne r. ie Ruth, die Moabitin, Sammelt auf Boas' Feld, Sie sann, wie sie so einsam Aus Gottes weiter Welt. Mit Naemi, der Alten, Sie müßt' vergehen hier. Wollt' Gott sie nicht erhalten In ihrer Jugend Zier. Da kamen ihr die Tränen, Dieweil schon Rettung nah', Und voller Lieb' und Sehnen Sie Boas weinend sah. Er sprach: „Von deiner Tugend Wir haben wohl gehört. Und wie sich deine Jugend In bittrem Harm bewährt. „Naemi", die Geliebte, 1 Ward Witwe und verwaist. Ward „Mara", die Betrübte. Nur du ihr Lieb' verheißt. Und als im fremden Lande Dein Gatte dir verblich, Da sprachest du zur Schwieger: „Niemals verlaß ich dich!" So mög' dich Gott begnaden, Wie ich dir gönn' mein Feld. Mit Segen kehr' beladen Heim, wann es dir gefällt." —" Sie sammelt bis zum Abend In ihre Schürze ein. Liest zu den Halmen labend Auch — Boas' Herz hinein. Da sprachen wohl die Frauen Zur Witwe Naemi: „Gott ließ dich Segen schauen. Dein Altersglück gedieh!" — Ach, Lieb' und Lust und Treue Der fernen Väterzeit, Wie naht ihr uns aufs neue Und macht das Herz uns weit, Da satt die Aehren branden Und wie ein leis Gebet Weither aus Sommerlanden Der Frieden durch die Felder geht, Entzündend Andachtskerzen Mit stiller, sel'ger Glut. — Ach, komm' in unsre Herzen, Du Ernteglück der Ruth! — ,