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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-05-16 · Heft 20 (16.5.1918) · p. Seite 239

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 20 (16.5.1918)
Date
1918-05-16
Page
Seite 239 (sequence 11)
Language
German
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239 des Kapitäns Ungeduld den höchsten Grad erreicht hatte, stieß der auslugende Junge einen Ruf des Frvhlvckens aus. Bom Ufer stießen zwei große Boote ab und lenkten, ihren Kurs dein Segler zu. Der Kapitän erblickte die Ankommenden und winkte heftig mit den Händen; dann nahm er ein geschweiftes Horn und ries: „Eilt!.,. Eilt!..." Die Ruderer vermehrten ihre Anstrengung und die Boote schossen pfeilschnell heran. Der Steuermann hatte Leitern herabgelassen und als erster stieg ein großer, herkulisch gebauter Mann mit dunklen Augen und schwarzem Bart aufs Deck. Ihm folgte ein älterer Mann, dessen Haupt- und Barthaar gebleicht war; er trug ein verschleiertes Weib aus den Armen. Die beiden waren reich gekleidet und sahen nicht wie von niederem Stande aus. Den Booten entstiegen noch mehrere Diener, welche alle gut bewaffnet waren. Der Anker wurde aufgezogen und'das Schiss wiegte sich frei auf der bewegten See; die Brise bauschte knatternd das Segel und der Vorderteil neigte sich ein wenig. Ein Pfiff und die Ruder stachen geräuschlos ins Wasser, hoben sich triefend und senkten sich wieder im Takte einer monotonen Melodie. Das Schiss drehte sich langsam und verließ den Hasen. Der Kapitän spähte besorgt nach der Hafenwache aus. Wirklich, man hatte schon die Ausfahrt entdeckt. Das Zollboot hatte sich gewendet und machte auf den entweichenden Segler Jagd. Doch der Vorsprung schien zu groß. Das Boot kämpfte vergebens gegen den Wind und bald gab es die Verfolgung gänzlich auf' Der Grieche lachte vergnügt und begab sich in den Schiffsraum, wo sich die Angekommenen befanden. Das Weib hatte einen schmalen Rarim, der wohnlich ausgestattet war, bezogen. Der ganze Bauch des Schiffes war mit verschnürten Ballen verstaut, so daß die Männer kaum Platz fanden. Der Schwarzbärtige begrüßte den Kapitän und dieser antwortete erfreut, sie hätten den Römer übertrumpft, was nicht zu verwundern wäre, denn die Kerle hätten nicht einen Funken Klugheit. „Aber höchste Zeit schien mir's", fügte er hinzu. „Manlius, der Oberausseher des Hafens, hatte seinen Besuch angesagt und ich fürchtete, du würdest dich verspäten. Aber ich war vorbereitet, Herr. Das Segel war gesetzt und die Sklaven an den Rudern. „Heisa!" endete er und schnalzte befriedigt mit der Zunge. „Ich werde dein gedenken, o Lysanias", versicherte der andere, indem er die Hand, aufs Herz legte. „Wahrlich, an Dankbarkeit mangelt es mir nicht; auch nicht an Vermögen, Treue zu lohnen. Wenn wir erst in Alexandria sind, magst du selbst urteilen." „Komme aufs Deck, Herr! Die Seeluft ist köstlich und ich sah nie einen schöneren Morgen." „Mein Weib.ist krank, Freund. Die Strapazen der Reise und die Schrecken -des Landes haben sie bezwungen. Sie fiebert. Ist ein Arzt an Bord?" Der Grieche zuckte die Achseln. „Ein Arzt? Bei Asklepius — nein! Aber mein Steuermann ist heilkundig und du mußt nur befehlen. Er versteht sich auf alle Arten von Knochenbrüchen, vermag böse Träume zu verscheuchen und ist in vielen Dingen mehr bewandert als sonst ein Schiffer." Amram bat, der Steuermann möchte.herabkommen und verabschiedete sich vom Kapitän, der die steile Treppe heraufkletterte und sich zum Steuer begab. Er befahl dem Steuermann, nach der Kranken zu sehen und übernahm dessen Stelle. Das Schiss bewegte sich, von günstigem Winde getrieben, ziemlich rasch. Das Ausklatschen der Ruder und das Rauschen des Wassers waren die einzigen Laute in weiter Runde. Am Horizonte tauchte hier und da eine Galeere aus und versank bald wieder aus dem Gesichtskreis. Man fuhr längs der Küste und achtete ängstlich darauf, das Land nicht ans den Augen zu verlieren, denn wenn auch die Sonne ein Wegweiser blieb. konnte man sich doch täuschen. Auch wagte man nicht, von der belebteren Verkehrsstraße abzuweichen, weil Kunde von Räubereien die Gemüter ängstigte. Der Steuermann hatte Kompressen, verordnet; die alte Dienerin saß bei der Kranken und legte von Zeit zu Zeit in kaltes Wasser getränkte Tücher, auf Stirn und Brust des fiebernden Weibes. Mirjams Augen strahlten in unheimlichem Glanze; sie stammelte irre Worte und rief mit sehnsüchtiger Stimme den Rainen ihrer Mutter; dann verlangte sie den Vater und rief nach Amram. Für Minuten erschlaffte sie und lag regungslos, wie in tiefem Schlaf. _Amram sah nach ihr und eine tiefe Bitterkeit zehrte an seinem Herz; er versagte sich Speise und Trank und irrte ruhelos auf dem Verdeck hin und her. Ter Glanz des Tages verblaßte und es wurde finster. Die Ruder standen still. Die SNaven lagen ausgestreckt auf den Bänken und aßen. Am Maste leuchtete ein Lämpchen u>nd auf dem Vorderdeck brannte ein Feuerbecken. Der Steuermann hatte den Kapitän abgelöst lind blickte scharf auf den fahlen Küstenstrich. Er lenkte mehr ins offene Meer hinaus, denn das Ufer war noch nicht erprobt. Man konnte aufstoßen und steckenbleiben oder gar scheitern. Die Diener hatten für Amram ein Zelt aufgeschlagen. Amram lag ermüdet ans einer Bastmatte, den Kopf auf ein Polster gestützt, und sprach einsilbig mit dem Kapitän, der ihm in seiner schwatzliebenden Art Gesellschaft leistete. Ein Diener trug das Mahl auf und der Kapitän griff munter zu. Amram schluckte mit Mühe einen Bissen herab; die Kehle war ihin verlegt. „Wann glaubst du, daß wir Alexandria erreichen?" fragte er mit sorgenvoller Stirn. Der Kapitän hatte beide Backen mit Fleisch gefüllt und. nagte an einem Knochen; er würgte heftig, goß einen Becher Wein in den Schlund hinab und erwiderte glucksend: „Blag sein in zwei Tagen. Der Wein ist vortrefflich — oder auch drei — göttlich, sag' ich dir, Herr. Wir Seeleute trinken nicht alle Tage so." Dann wusch er seine Hände und trat hinaus. Es war herrliche südliche Nacht. Der Himmel war von Sternen übersät und der Mond schwebte in einer lichten Bahn. Die laue Seeluft dehnte erquickend die Lungen. Die Mitternacht war vorbei und der Kapitän übernahm das Sterwr. Der Steuermann legte sich auf ein Bündel Taue und schlief im Ru ein. Von den Ruderbänken, tönte das Schnarchen der Sklaven, die von der schweren Arbeit des Tages ruhten. Auch im Schlaf war ihnen keine vollkoinmeue Ruhe und erlösender Friede gegönnt. Der eine loälztc sich geänstigt auf die Seite, der andere stöhnte; er träumte vielleicht von seinem harten Los. Amram war eingeschlummert. Er träumte eineil schönen Traum und lächelte im Schlafe. Nach einigen Stunden erwachte er und wußte nicht, wo er sich befand. Es >var sein Zelt, doch der Boden schwankte seltsam. Bis er sich besann und der Schlaf von ihm wich. Es war noch, dunkel, als erden Vorhang lüftete. Die Sterne waren verblaßt und eine graue Helle am ferneren, Horizont kündete den. kommenden Tag an. Die SNaven saßen an den Rudern lind arbeiteten nach dem Ton einer Flöte, welche der Aufseher anstimmte. Auf der Treppe begegnete Amram dem Steuermann und fragte ihn, wie Mirjam die Nacht verbracht habe. Er erhielt eine befriedigende Antwort. Die Fieberhitze habe nachgelassen lind eine Besserung sei inu Laufe des Tages zu erwarten. Er fand Mirjam schlafend; ihre Wangen waren bleich, von einer leisen Röte durchschimmert. Sie hielt deil entblößten Arm unter dem Halipte und die Brust hob sich in tiefen. Atemzügen. Die alte Thamar wachte übernächtig in sitzender Stellung

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