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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-05-16 · Heft 20 (16.5.1918) · p. Seite 238

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 20 (16.5.1918)
Date
1918-05-16
Page
Seite 238 (sequence 10)
Language
German
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238 Me jflucht aus Jerulslem. (3. Forts.) Von Jakob Frngermann. s wurde Abend, ehe man die Gräber gegraben hatte;,ein großes, geräumiges für die Knechte in tiefer Lage und das Grab Abilkajins in einer Erhöhung des Bodens. Es war finster geworden; fern stieg die kahle Sichel des Mondes aus, ohne den Himmel zu erhellen. Nun legte man die Toten in ihr letztes Bett, darin sie der Auferstehung harren sollten, und stimmte ein Lied an. Die Fackeln prasselten vernehmbar lind sprühten Brände in die Dunkelheit. Am Grabe Abilkajins stand eine verhüllte Weibesgestalt und schluchzte. Amram schwieg, er hatte keine Tränen, nur Grimm und Wehmut. Dann warfen die Knechte die Erde zu. Die beiden Gräber wurden mit Steinen gesichert, um zu verhindern, daß wilde Tiere die Leichname ausscharren konnten. Der Zug bewegte sich dem Lager zu. Der Wind seufzte dlnch den verkohlten Hain; man ging über Asche und abgebrochene Aeste in seltsamer Bedrückung, bis man den Rauch des Lagers erspähte. Der Posten bewachte das Feuer und legte von Zeit zu Zeit Zweige nach. Die alte Dienerin Mirjams hantierte mit den Pfannen und briet auf eisernen Spießen duftende Harmnelkeulen. Die heimkehrenden Knechte lagerten sich um die Feuer und aßen mit Gier, denn sie hatten seit vier Tagen frischen Fleisches entbehrt; dazu tranken sie Wein, mit Honig vermischt, aus tönernen Krügen. Der reiche Genuß vertrieb die Traurigkeit und man feierte das Andenken der gefallenen Kameraden. Ein galiläischer Knecht, ein vortrefflicher Erzähler, gab den gespannt Zuhörenden Sagen aus der Vorzeit zum besten und vermeldete manche Tat der Voreltern . . . Das Zelt Mirjams war mit kostbaren Stoffen bekleidet. Den nackten Boden deckten geflochtene Matten aus Meerheu und in den Ecken lagen seidene Polster. An einer Schnur hing eine silberne Lampe herab, in der eine Oelflamme schwach leuchtete. Ein kleines, wundervoll geschnitztes Tischchen, auf dem eine gefüllte Fruchtschale stand, vervollständigte die Ausstattung. Mirjam lag in nachlässiger Haltung ausgestreckt und aß von einer Tasse Süßigkeiten, als Amram eintrat. Er hatte die Rüstung abgelegt; um seine herkulische Gestalt schmiegte sich ein lyrisches Oberkleid, das durch einen Gürtel zusammengehalten wurde; sein Haar war gesalbt und ringelte sich geschmeidig um seine Schultern. Er grüßte stumm und setzte sich auf ein Polster beim Eingänge. Mirjam hatte sich jäh erhoben: ihr Gesicht glühte, vom Feuerschein seiner Blicke übergossen, doch fühlte sie sich unfähig, ein Wort über die Lippen zu bringen. Dann faßte sie sich und wies hinaus. Amram blieb. . „Mädchen, Herrin", sagte er, „dein Vater ging ins andere Leben hinüber. Der Feind berennt die Mauern des Tempels, das Land ist in Aufruhr; wohin das Auge sieht, ist Mord und Brand. Du stehst allein auf der Welt und weißt noch nicht, wie groß und wild sie ist." Mirjam hörte ihm zu und große Tränen traten in ihre Augen. Amram fuhr fort: „Dein Vater erkannte die Gefahr und zog aus der Stadt seiner Väter, ihr zu entgehen. Er nahm sein Vermögen mit sich, sein Hab und Gut, und verließ sein Haus. Doch konnte er der Vorsehung nicht entrinnen — er starb durch Mörders Hand auf dem Wege." Er hielt inne. Mirjams Brust hob sich vor innerlichem Weinen, dem Fremden wollte sie es nicht bezeugen.. »„Möge ihm eine fröhliche Auferstehung beschieden sein!" fuhr Amram fort. „Er war ein kluger Mann, der sein Vermögen zu mehren wußte. Auf dem Phönizischen Meere schwammen die Schisse Abilkajins und zahlreiche Kamele brachten ihm Gewürze aus dem glücklichen Arabien!... Ich habe Uebersicht gehalten, das Gold gewogen, die Stoffe gezählt und was sonst noch an Waren sind, wie Edelsteine, Sesame, murrhinische Gläser, Bernsteinketten und chinesische Seide. Der Wert gleicht dem von sünfzigtausend Talenten." Mirjam sah ihm in die Augen und folgte aufmerksam der Rede; sie hatte sich niedergelassen und faltete schlaff die Hände. „Dein Vater, Herrin, war ein, reicher Mann. Ein männlicher Leibeserbe blieb ihm versagt und deine Mutter starb. Er hatte geschworen, kein zweites Weib zu ehelichen, und er hätte auch ohne das kein Weib zu sich genommen, denn keine glich deiner Mutter, der Fürstentochter aus Kommagene. Du warst sein einziges Kind, und als du das Jungfrauenalter erreichtest, befaßte er sich mit dem Gedanken an deine Zukunft. Und es lag schwer auf ihm, da ihn das Alter beschlich, und er gedachte dich zu vermählen. Der Befreiungskrieg kam dazwischen und änderte sein Vorhaben. Und er erwählte mich, den Hauptmann Amram ben Pinchas, zum Geleite in die Fremde.... Und nahm mich zum Sohn und gab dich mir mit dem feierlichen Gelübde. So bitte ich um mein Recht und nehme deine Hand, o Mirjam, Tochter des Abilkajins, und du bist mein Weib nach Recht und Gesetz." ' Er breitete seine Arme aus und drückte das zitternde Wesen an seine breite Brust. Sie lag auf seinen starken Armen wie ein Vögelchen. Ihr Haar hatte sich gelöst und fiel gleich einer breiten Welle vom Haupte. Er löste ihren Gürtel und trug sie zum Lager. . In dieser Nacht wurde Mirjam sein Weib. * Im Hafen von Askalon lag ein kleines Segelschiff zur Abfahrt bereit. Es war ein breites, plumpes Fahrzeug, nach griechischer Art gebaut und mit einem einzigen Mast versehen. Sein Hinterteil war breit, geräumig und hochgebaut, die Mitte etwas niedriger und das Vorderdeck sanft ansteigend. An den Breitseiten liefen je eine Ruderreihe, aur Hinterdeck befand sich die Steuerschaufel und ein Verschlag für den Steuermann. Der Befehlshaber, ein ergrauter Mann in griechischer Tracht, ging ungeduldig auf und ab; der Steuermann befestigte das Segel und an zwanzig Ruderer mit nacktem Oberkörper warteten aus das Zeichen zum Eintauchen. Ein schmächtiger brauner Junge saß rittlings auf der Raa und blickte aus. Es war noch früh am Morgen, die Stadt schlief, nur am Hafen war etwas Leben zu bemerken. Ein Frachtschiff wurde ausgeladen, ein phönizischer Segler nahm Getreide auf und die Bemannung des römischen Zollbootes sang zum Aufschlagen der Ruder. Die Morgensonne brach durch die Wolkenwand und zerriß die Nebel. Sie strahlte siegreich aus die Dächer der,Stadt und auf die weißen Säulen der zahlreichen Tempel, deren ältester der Aphrodite geweiht war. Ihre Strahlen tanzten auf den salzigen Wellen und vergoldeten die Spitzen des Kastells. Zahlreiche Händler bezogen den Strand; sie legten ihre Waren auf bunten Tüchern aus und begannen mit lauter Stimme die Käufer anzulocken. Da lag alles, was eines Schissers Herz erfreuen konnte: Farbige Tücher, ziselierte Waffen, Ohrringe, Sandalen, Salben und Amulette. Ein Speisehändler bot rote duftende Würste aus, ein Bauer hielt Wein in Schläuchen seil. Zwischen den Händlern produzierte sich ein Schwertschlucker, der Feuer aus der Nase blies. Als

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