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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-05-16 · Heft 20 (16.5.1918) · p. Seite 237

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 20 (16.5.1918)
Date
1918-05-16
Page
Seite 237 (sequence 9)
Language
German
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23? Ser Linlluh des Krieges auk dir Armen» und Mohikahrtspklegr. Bon Bureauvorsteher Nathan Cohn (Berlin-Charlottenburg). ine scheinbar auffällige Erscheinung ist es, daß trotz der schwierigen sozialen Verhältnisse, die der Krieg herbeigeführt hat, sowohl in der jüdischen wie in der interkonfessionellen Armenpflege seit längerer Zeit ein ständiger Rückgang der Bfltgesuche um Unterstützung zu verzeichnen ist. Diese Erscheinung ist aber, wie gesagt, nur eine scheinbar auffällige. Dem aufmerksamen Beobachter, der sich auf dem Gebiete der Armen« und Wohlfahrtspflege betätigt, kann der Grund für diese Erscheinung nicht verborgen bleiben. Eine große Anzahl von denen, welche früher, sei es die Kommune, sei es die jüdische Gemeinde, regelmäßig um Unterstützungen baten, erhält jetzt Kriegsuntevstützung, weil der Ernährer. bzw. >der Miternährer zum Heeresdienste einberufen ist. Ein beträchtliches Kontingent hierzu stellen aber die Kriegerfrauen und die Kriegsmütter, die vor dem Kriege mit einem bestimmten Einkommen ihrer Ehemänner und ihrer Söhne gar nicht rechnen konnten; sie erhalten jetzt, in regelmäßigen Zwischenräumen, die ihnen von Reich und Kommune zustehenden Beihilfen, so daß trotz der überaus schweren allgemeinen Ernährungsverhältnisse ihre Lage gegen ftüher sich unstreitig gebessert 'hat. * Dies ist der eine Grund für den Gesuchrückgang bei den auch in Friedenszeiten bestehenden Unterstützungsftellen. Der zweite und wichtigere Grund ist aber der einer besseren und leicht erhältlichen Arbeitsgelegenheit. Jeder Arbeitsuchende erhält leicht und zum größten Teile auch l o h n >e n d e Beschäftigung. Gesunde Menschen, die arbeitswillig find, werden heute selten zurückgewiesen werden. Hierdurch sind viele Tausende, die sonst der Armenpflege zur Last fielen, in leidliche, zum Teil sogar in gute Verhältnisse gelangt. Nach dieser Richtung hin hat also der Krieg, trotz der schweren Leiden, die er im Gefolge hat, einen Wandel zum Besseren geschaffen. Viele, die früher in Untätigkeit dahinbrüteten, gehen jetzt, zunächst der Not gehorchend, dann aber auch mit Arbeitsfreude der Beschäftigung! nach; viele aber auch durch den Umstand gezwungen, daß man ihre eventuellen Unterstützungsgesuche, denen angebliche Beschäftigungslosigkeit zugrunde liegt, an den organisierten Armenpflegestellen mit dem Hinweis ablehnt, daß es ein leichtes ist, Beschäftigung zu erhalten. Der Krieg ist hier ein strenger, aber gerechter Lehrmeister geworden. Von den vielen Wohlsahrtsorganisationen, die der Krieg geschaffen, werden auch dann, wenn der heiß ersehnte Frieden hergestellt sein wird, vornehmlich diejenigen ihre Tätigkeit fortsetzen müssen, die für Beschaffung von Arbeit, an der es für unabsehbare Zeit nicht fehlen dürste, Sorge tragen. Eine der wichtigsten neueren Organisationen auf diesem Gebiete ist die Berufsberatung, die Arbeitswillige — nur von diesen ist die Rede, denn Faule dürfen nicht unterstützt werden — dahin dirigiert, wo ihre Kräfte gebraucht und daher einträgliche Bezahlung nicht ausbleiben wird. — Dies ist das beste Hilfswerk für die Arbeitsfähigen. Das Hauptaugenmerk der Wohlfahrtsinstitutionen wird dann denjenigen mit Erfolg zugewendet bleiben, die alt, krank lind gebrechlich sind; hierzu kommt die Sorge um eine Heranwachsende gesunde Jugend, sowohl diejenige im zartesten wie im schulpflichtigen Alter. Also: Die Sorge für Alte, Kranke und Gebrechliche, d i e für die Gesundung der Jugend und die für die Erhaltung der Erwerbsfähigkeit all derer, die im Erwerbsleben stehen, eventuell durch geeignete Kuren, sind und bleiben die hervorragendsten Aufgaben der zielbewußttzn, .Modernen Wohlfahrtspflege. Auch hier hat der Krieg vieles iletehrt, und die bitteren und teuer erkauften Erfahrungen heißt es auszunutzen, wenn der segensreiche Frieden wieder einziehen wird in die Lande. Hslsrnnrerkmale. Von Margarete M a r a s s e. ei meinem Besuch des Hohenzollern Städtchens Haigerloch, das trotz seiner vielgestaltigen Schätze fast in Vergessenheit geraten, hatte ich die jüdischen Namen von den Schildern und von den Plätzen im Tempel abgelesen und dabei festgestellt, daß sie mit jenen, die man in ganz Deutschland anzutresfen pflegt, identisch sind. In Nr. 15 dieses Blattes hatte ich berichtet, daß der Viehhandel in den Händen dieser Männer, „die sich äußerlich die ausgeprägten Merkmale ihrer Rasse erhalten haben", liegt, ohne daß ihnen der Platz an der befruchtenden Sonne irgendeiner anderen Betätigung bestritten würde. Dazu wird mir geschrieben: „Gewiß, der Viehhandel ist die Hauptbeschäftigung der israelitischen männlichen Bevölkerung unserer Gemeinde. Aber gerade die Genannten in Ihrem Artikel sind Kaufleute, deren Firmen in der ganzen Gegend, besonders bei der christlichen Bevölkerung, das größte Ansehen genießen. Auch von ausgeprägten Rassemerkmalen bei den Haigerlocher Israeliten ist mir nichts bekannt. Hellblonde und blauäugige Judenkinder sind hier durchaus nichts Seltenes, und auch die Männer unserer Gemeinde ■ zeigen höchst selten den sogenannten Typ, usw.". Das gute Verhältnis zwischen Juden und Christen abermals bestätigt zu hören, auch zu erfahren, „daß in der dortigen Gegend nicht viel nach Rassenmerkmalen gefragt wird"' hat mich natürlich mit Genungtuung erfüllt. Befremdlich aber wirkt dieses Sichwehren der Juden, jener, die sich mit Stolz Juden nennen, gegen die Geschlossenheit äußerer Formen, die sich nun doch einmal seit der Uvväterzeit unverkennbar erhalten haben. Der Germane, der Romane, der Slawe ist sich der prägnanten Kennzeichen seiner körperlichen Erscheinung, die ihn im Völkerkreise auszeichnen, bewußt, und er legt Wert darauf, sie zur Schall;u tragen. Der Jude wehrt sich gegen diese Sonderung. Er sollte es nicht tun, sondern durch weise Hygiene ein Ebenmaß der Glieder, eine kräftige Konstitution zu erzielen versuchen, um die Schönheit reiner Rasse zll fördern. Die Hebräer, die als erstes Volk der Alten Welt den Monotheismus zur Religion erhoben und dadurch die Menschheitskultur auf die Höhe des Ideals gebracht, fanden einprägsame Worte des Lobes für Schönheit, Kraft nud Anmut des Leibes. Die Anthropologie der heutigen Juden, der Kosmopoliten, die sich über den ganzen Erdball verbreitet haben, stellt verschiedene Typen fest. Blonde und rote Haare, helle Haut lind blaue Augen sind keineswegs ungewöhnlich. Gelehrte Forscher nehmen an, „daß der blonde Typus ebenso wie der brünette schon auf asiatischem Boden und in sehr alter Zeit alls einer unbekannten Grllndform entstanden ist." Aus eigener Erfahrllng möchte ich berichten, daß rotblonde Juden an den Usern des Mittelmeeres nicht als Seltenheit gelten, und daß z. B. der Italiener gerade an dieser Färbling bei einer gewissen Schädel- und Gesichtsform den Semiten erkennt. Es erscheint fast von Ueberfluß zu betonen, daß ich bei meiner Schilderung nur allgemeine Züge des Haigerlocher Bildes festgehalten, daß ich besondere Personen nicht im Auge gehabt habe. Immerhin sei dies hiermit noch einmal sestgestellt.

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