Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 20 (16.5.1918)
- Date
- 1918-05-16
- Page
- Seite 234 (sequence 6)
- Language
- German
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234 bitten. Laßt diese Hilferufe, nicht unerhört verhaken. Den Hilflosesten -der Hilflosen soll geholfen werden. In anderen Städten hat die Saumckung loeserrtlich dazu bergetrageir, die . Not cm SäuglingSlväsche All lindern. Möge Groß-Berlin auch bei dieser Sammlung den Beweis erbringen, daß seine Hausfrauen und Mütter zu jedem Opfer bereit sind, wo es sich um die Fürsorge für .den Nächsten und .um das Wohl des Vaterlandes handelt. Ueber bayerisch-jüdische Verhältnisse entnehmen wir dem „Fränkischen Courier" folgenden Artikel: ' Zur Revision des Judenedikts von 1813. Man schreibt uns: Die Opposition gegen die Revision des Judenedikts wird iuuner stärker. Die größeren orthodoxen Distriktsrabbinate Ansbach, Aschafsenburg und Schlvabach sowie viele israelitische Kultusvorstände haben sich der Vereinigung zum Schutz gegen die Gefahren der Revistonsbestrebungen voll angeschlossen. Letztere hat unterin 28. April d. I. folgende Resolution einstimmig gefaßt: „Der ant 28. April d. I. im Vereinshaus Adas Israel in Nürnberg tagende Hauptausschuß der Vereinigung zum Schutz gegen die Gefahren der Revisionsbestrebungen hat beschlossen: Die Vereinigung zum Schutz gegen die Gefahren der Nevisionsbestrebungen hält nach wie vor mit Entschiedenheit daran fest, daß die angestrebte Revision der gesetzlichen Bestimmungen über die jüdischen Verhältnisse in Bayern eine schwere Gefahr für das bayerische Judentum und die israelitischen Kultusgemeinden in Bayern bedeutet. Wir lehnen die Revision aus folgenden Gründen ab: 1. Gin neues Gesetz würde die Struktur des rezipierten Judentums in der überlieferten Form durchbrechen, einen bedenklichen Eingriff in die innerkirchlichen Verhältnisse einer anerkannten Religionsgesellschast bedeuten und zugleich den Bestand zahlreicher Kultusgemeinden aus das schwerste erschüttern. 2. Eine Finanzorganisation (Zentrnltässe) setzt die Einheit des Judentums voraus lind steht darum in Widerspruch, mit der anderseits verlangten Trennungsmöglichkeit. Sie würde die Mittelgemeinden belasten, ohne die Aufrechterhaltung der leistungsschwachen Kleingemeinden tatsächlich verbürgen zu können. Eine Finanzorganisation birgt ferner erfahrungsgemäß den Keim einer religiösen Obervehörde in-sich, welche die von allen Seiten gewünschte Selbständige keit der Kultusgemeinden und'die Bewegungsfreiheit der Mnoritäten bedroht. 3. Der Not der Landgemeinden und der Kultusbeamten abzuhelfen, soll und kann ein Weg gesunden werden, ohne durch, eine Finanz- Organisation (Zentralkasse) die religiösen Interessen und die Selbständigkeit der Kultusgemeinden zu gefährden. 4. Die vorstehenden Bedenken sprechen auch gegen die Schaffung eines Notgesetzes. Diese Entschließung soll - der königlichen- Staatsregierung unterbreitet werden." Das Revisionsbegehren wird von einzelnen Personen ohne Nlandat mit allen Mitteln erstrebt. Die orthodoxe Bereinigung in Würzvurg, deren Mitglieder sich größtenteils aus den Kreisen der Lehrer zusammensetzen, will hauptsächlich die materielle Verbesserung der- und man glaubt, deren Wünsche auch ohne Revision befriedigen zu können, Die großen liberalen Vereinigungen erklären offen, daß ]ie zur Neuregelung' der Verhältnisse nur um deswillen Mitarbeiten, urn ihre Rechte nicht verküinmern zu lassen, daß sie aber zufrieden wären, wenn alles beim alten bliebe. In vielen Kreisen der Orthodoxie ist man der Ansicht, daß das alte Gesetz für die Erhaltung des konservativen Judentums immer noch eine weit bessere Stütze vieler als ein neues, welches der Sachlage nach allen Parteien Rechnung tragen und zur Differenzierung des religiösen Bekenntnisses fuhren müßte. Die Erfahrung der letzten Jahre hat gezeigt, daß die Großgemeinden angefangen haben, den Minoritäten entgegenzukommen, sowohl in religiöser als in materieller Hinsicht. Die bayerische Judenheit ist.wohl am besten daran, roenn nach wie vor die Staatsregierung ihre Rechte wahrnimmt, und so sehnt man sich allseits nach der alten Ruhe und-dem alten Frieden. Die Wiener „Reichspost" setzt ihr hetzerisches Treiben fort. Jetzt hat sie entdeckt, daß die oberste Leitung der Mischen Angelegenheiten nun in Amerika in den Händen der Herren Löb, Kuhn, Speyer usw. sich befindet. Sie macht aus Grund eines Aufsatzes von Erich Jung „Die Einheitsfront der Geldmächte" auf die Gefahren aufmerksam, welche durch, diese Uebermacht ausländischer Geldgrößen Europa drohen, spricht von den bedenklichen Wirkungen einer Gichermorganisation, als wenn die Alliance Jsräblite, als deren Nachfolger die amerikanischen Krösusse aufgefäßt werden, jemals im geheimen gearbeitet hätte, versetzt einen Seitenhieb dem neuen Komitee Pro Palaestina und schließt ihre Einführung mit Worten, die so verlegen sind, daß sie kaum eine Widerlegung verdienen, die aber doch hier stehen sollen. Jede geschlossene Siedlung der Juden verdient natürlich auch vom christlichen Standpunkte * aus Förderung, weil sie als der aussichtsreichste Weg zur reinlichen Scheidung erscheint; nur fragt es sich, ob gerade Palästina, das der christlichen Welt, heiligste Land, bn* geeignete Versuchsfeld ist. Daß das Land bis vor 2000 -Jahren jüdisch gewesen, beweist für die Gegenwart nichts, sollst müßten ja die Siedlungs- und Besitzverhältnisse der ganzen Welt auf Grund ähnlicher Ansprüche völlig umgestülpt werden. Mehr interessiert nns aber hier der Umstand, wie die Juden es verstehen, beide krugführenden Mächtegruppen vor ihren eigenen Karren zu spannen. - Als ob die Ströme von Christenblut, die dieser Krieg gekostet, nur der Juden wegen vergossen worden wären. So wie es -die Inden zu deichseln wußten, daß vor allein ihnen die Früchte unseres Sieges über Rumänien zugute kommen. * Biel ruhiger und einsichtsvoller ist ein Artikel von L. Raschdau „Palästina und der Zionismus" in der Zeitung „Der Tag" vom 7. Mai. Nach ausführlichen Auseinandersetzungen über Palästina und die Eignung dieses Landes zur Kolonisation heißt es: Um zusammenzn fassen: die zionistische Bewegung verdient budeutsche Unterstützung aus -politischen Gründen, denn wir wirken englischen Eroberungszielen entgegen unb verstärken die Leistungs sähigkeit unserer Verbündeten; aus wirtschaftlichen Gründen, indem wir damit -ein Gebiet fördern, das seit-langem mit uns in den. mannigsaltesten Beziehungen steht; aus menschlichen Erwägungen, indem nur Millionen die Möglichkeit schassen, sich aus der Jämmerlichkeit ihres bisherigen Daseins zü retten; endlich aber auch aus Gründen kultureller Art. Denn was man auch im einzelnen sagen möge, in dem Judentum, das hierbei in Frage kommt, liegt ein Stück deutschen Kulturwertes, das wir nicht gering schätzen sollten, besonders nicht in einer Zeit, wo so viel feind selige Kräfte, zum Teil aus Unwissenheit, gegen uns in der Welt tätig sind. Der aufmerksame Beobachter der Vorgänge im Osten und im Orient wird sich darüber keinen Augenblick iw Zweisel sein, und gerade dieses Moment ist es, das dem zionistischen Gedanken manche Freunde auch in nichljüdischen deutschen Kreisen Zufuhren wird.; . Wir Eömcm' nm beständig wiederholen, daß jede Unterstützung des Palästinagedankens, wenn man darunter nicht einfach, die Ansiedlung derjenigen Juden versteht, die keine Heimat besitzen, oder die sich in ihrem Geburtslande nicht wohlfühlen, unseren Gefühlen durchaus widerstrebt und daß wir solche Ansiedlungen nur dann gutheißen können, wenn die Ansiedler auf ein eigenes staatliches Leben verzichten. .. -y, ■ - Das Jüdische Preßbureau in Stockholm, das besonders lebhaft gegen die Fassung des die Juden betreffenden Artikels des Bukarester Friedens austritt und sich ein Verdienst erwirbt durch Abdruck eines sehr langen judenseindlrchen zaristischen Aktenstückes, enthält folgende Nachrichten allgemeiner Art, die wir hier folgen lassen: E i n j ü bischer Vertreter i m u kr a in i s ch e n . Mi nisterrat. Kitzwer Blättern zufolge hat die kleine Rada die Heranziehung von Vertretern der Polen und Juden in den ukrainischen Ministerrat beschlossen. Zum Vertreter der jüdischen Interessen wurde der frühere Führer der Sozialisten-Territorialisten Lazky-Bertoldi ernannt. '' .-•